Messerstecher von Grafing: Das Urteil ist gefallen

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Stolz auf ihr Werk sind Initiator Max Raeder (Mi.) und die Ehrenamtlichen, die an der Übertragung der Glonner-Ch ronik von der altdeutschen in die moderne lateinische Schrift mitwirkten. 

„Umschreibe-Projekt“

Freiwillige machen alte Chronik lesbar

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Eine Gemeinschaftsleistung besonderer Art ist einer Gruppe Freiwilliger in Lenggries gelungen. Sie haben die 435 Seiten der „Chronik der Hofmark Hohenburg“ von Stephan Glonner aus der altdeutschen in die heute gebräuchliche lateinische Schrift übertragen. So wird das 150 Jahre alte Geschichtsbuch einem breiteren Publikum zugänglich.

Lenggries– „Jeden Vormittag nach dem Zeitunglesen habe ich mich darangesetzt“, sagt Annemarie Juranek. Wort für Wort studierte die 86-jährige Tölzerin die altdeutsche Schrift in der „Chronik der Hofmark Hohenburg“ von 1867 und übertrug sie in die lateinische Schrift. Als Kind hat sie an der Alten Madlschule einst Sütterlin gelernt – diese offiziell 1911 eingeführte Schrift gleicht der altdeutschen weitgehend –, „bis wir in der vierten Klasse auf Hitlers Geheiß nur noch lateinisch schreiben durften“, berichtet sie. So sehr nahm die Arbeit Annemarie Juranek in Beschlag, „dass es manchmal kein Mittagessen gebeben hat“, sagt die ehemalige Köchin. „Aber das macht nichts. Ich bin trotzdem nicht verhungert.“

So wie die Tölzerin haben sich seit über einem Jahr noch 14 weitere Freiwillige der „Übersetzung“ der 150 Jahre alten Chronik aus der Feder des Benefiziaten Stephan Glonner (1828-1901) gemacht. „Dieses Buch ist eine echte Fundgrube“, sagte Max Raeder nun bei einem Treffen der Beteiligten am Freitagnachmittag im „Altwirt“. Der ehemalige evangelische Pfarrer war es, der auf die Idee zum „Umschreiben“ gekommen war. Er hatte bei Nachforschungen zum Brand der Hohenburg 1707 und zur Reformationszeit im Isarwinkel in der Glonner-Chronik geblättert. Die Handschrift befindet sich im Besitz des Historischen Vereins in Bad Tölz und kann im Stadtarchiv eingesehen werden. Der große Umfang und vor allem die altdeutsche Schrift machten es aus Raeders Sicht aber „schwierig, sich in dem Buch zurechtzufinden“, sage er. Mit der Idee, das Werk zu transkribieren, wandte er sich an den Förderverein Burgruine Hohenburg. „Dort bin ich auf offene Ohren gestoßen.“

Der Verein unter Vorsitz von Stephan Bammer übernahm offiziell das Projekt. Auf einen Aufruf hin meldeten sich im April 2016 etwa 30 interessierte Bürger. „Und die Hälfte ist dabeigeblieben“, so Raeder. Bammer fotografierte jede einzelne Seite der Chronik und teilte sie den „Übersetzern“ zu. Am meisten übernahmen Mathilde und Paul Berchtold, die allein 100 Seiten umschrieben. Jetzt, nach Abschluss der Arbeiten, lud der Verein die fleißigen Helfer zu Kaffee und Kuchen ein.

„In erster Linie geht es in der Chronik darum: Wer bekommt was von wem und wodurch? Die Welt ist seither nicht besser geworden“, schilderte Rosemarie Ulrich ihre Eindrücke von der Chronik. „Das Ganze ist schon sehr interessant – vor allem wenn man nahe an der Hohenburg wohnt und täglich daran vorbeigeht“, sagte Helga Pilati, Weil sie selbst nicht mehr so gut sieht, bezog sie ihre Nachbarin Viola Nieß mit ein – und auch die fing Feuer. Viel Freude an der „gestochenen Schrift“ hatte Bärbel Lindner. „Und man rutscht mit der Zeit so in die Geschichte hinein.“ Öfters habe sie sich mit Nachbarn zusammengesetzt. Alle Wörter, Ortsbezeichnungen und Personennamen zu identifizieren, sei wie eine spannende „Spielerei“ gewesen.

Die Chronik und ihre Übersetzung sind nun in vier Leitz-Ordnern abgeheftet – immer eine Kopie des Originals gegenüber der Version in lateinischer Schrift. Der Jachenauer Jost Gudelius arbeitet derzeit noch an einem Personen- und Sachregister. Ab September sollen die Ordner der Allgemeinheit in der Lenggrieser Gemeindebücherei zur Einsicht zur Verfügung stehen. Zudem, so Bammer, werde an einer Aufbereitung fürs Internet gearbeitet.

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