Hier am Grammersberg steigt fast jeder ab: An dieser besonders luftigen Passage gibt’s sogar ein Drahtseil zur Absicherung.
+
Hier am Grammersberg steigt fast jeder ab: An dieser besonders luftigen Passage gibt’s sogar ein Drahtseil zur Absicherung.

Streit am Berg in Corona-Zeiten

Mountainbiker befahren extrem schmalen Steig - Wanderin geschockt: „Mir kommen jetzt schon die Tränen“

Ein Konflikt zwischen Bergwanderern und Mountainbikern kocht am Grammersberg hoch. Im Mittelpunkt steht der schmale und gefährliche „Reitsteig“.

  • Am Grammersberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen berichten Wanderer von rücksichtslosen Mountainbikern.
  • Sie sollen sehr schmale Steige befahren und dabei beschädigen.
  • Ein Besuch vor Ort zeigt allerdings: Wanderer und Mountainbiker nehmen Rücksicht aufeinander - und die Wege scheinen nicht zu leiden.
  • Noch mehr lokale Geschichten gibt es in unserem wöchentlichen Regionen-Newsletter für Bad Tölz oder in unserer App.

Fall/Vorderriß – Dieser Ärger war vorprogrammiert: Weil die Grenze zu Österreich für Touristen immer noch dicht ist, erlebt der schmale bayerische Alpenstreifen jetzt einen Massenansturm. Damit kocht auch der Konflikt zwischen Bergwanderern und Mountainbikern hoch. Am so genannten „Reitsteig“ von Fall über den Grammersberg ins Rißbachtal begegnen sie sich jetzt in größerer Zahl. Uta Hofmann, Leiterin der Seniorenwandergruppe beim Tölzer Alpenverein, hat sich jetzt in einem offenen Brief an den Sektionsvorstand über rücksichtslose Biker beschwert.

Reitsteig am Grammersberg: Mountainbiker nötigen angeblich Wanderer

Hofmann moniert in dem Schreiben, dass die Mountainbiker den Weg ramponieren und Wanderer nötigen, ihnen auszuweichen. „Mindestens 40 Biker“ seien ihr an einem Tag begegnet, schreibt sie und spricht von „Vandalismus“, weil der Steig unter den Reifen Schaden nehme. Der Bereich sei so sensibel, dass er nicht befahren werden könne, argumentiert Hofmann in ihrem Brief. Für die nächsten Monate befürchtet sie Schlimmes: „Es ist zu erwarten, dass nach dem für diesen Sommer zu erwartenden großen Ansturm viele traditionelle Wanderwege durch die Radfahrer stark beschädigt, wenn nicht sogar zerstört sein werden. Mir kommen jetzt schon die Tränen.“ Auch andernorts ist die Situation mit Mountainbikern schon eskaliert - zum Beispiel am Taubenberg im Landkreis Miesbach

Hofmann bittet die Sektion daher eindringlich, hier tätig zu werden und den Reitsteig, aber auch andere sensible Pfade nach Möglichkeit für Radler sperren zu lassen.

Reitsteig ist historisch und erhaltenswert

Der Reitsteig ist ein kunstvoll angelegter Weg aus der Zeit um 1840, der durch eine eindrückliche hochalpine Landschaft führt. Die Wittelsbacher hatten dort ihr bevorzugtes Jagdrevier. An der Erhaltenswürdigkeit des Steigs gebe es keinen Zweifel, betont Kreisheimatpfleger Martin Englert: „So eine Weganlage aus alter Zeit ist auch ein wertvolles kulturelles Erbe.“

Der spektakuläre Mittelteil des Weges quert in 1600 Metern Höhe einen steilen Südhang dicht unterhalb der „Pürschenschneid“, ist streckenweise ganz schmal und exponiert, an einer Stelle sogar mit Drahtseilen gesichert. Fahrfehler könnten dort böse Folgen haben. „Spitzkehren-Massaker, mega ausgesetzt“, schreibt ein Blogger auf dem Portal Freeride.Today.

Bergwacht Lenggries hat schon Mountainbiker am Reitsteig gerettet - mit erheblichen Verletzungen

Der Lenggrieser Bergwacht-Bereitschaftsleiter Christoph Brenninger hat dort schon „ein paar Biker herausgeholt – mit erheblichen Verletzungen“. Er spricht von „sehr hoher Risikobereitschaft bei manchen Sportlern“, will sich an der Diskussion um Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit solcher Trails aber nicht beteiligen: „Wir fragen nicht und retten jeden.“

Auch bei einem schweren Boulder-Unfall im Allgäu musste die dortige Bergwacht zur Rettung ausrücken:  Ein zwei-Tonnen-Fels brach ab und klemmte einen Mann (30) ein.

Beim Landratsamt betont Pressesprecherin Sabine Schmid, dass solche Trails grundsätzlich rechtens seien: „Kriterien für die Eignung von Wegen fürs Radfahren sind leider nirgends festgelegt, speziell zu alpinen Singletrails sind noch keine Gerichtsurteile bekannt“, so die Pressesprecherin. Auf der Grundlage einer Machbarkeitsstudie, die gerade erarbeitet wird, suche man darum unter Beteiligung des Deutschen Alpenvereins (DAV) und aller anderen Betroffenen Möglichkeiten für ein harmonisches Nebeneinander. Dazu werde auch ein konkretes Wegekonzept erstellt. Für Hanspeter Mair, der beim DAV das Mountainbike-Konzept federführend betreut, steht hinter dem Trail am Grammersberg freilich ein dickes Fragezeichen, weil er durch ein Naturschutzgebiet führt.

Mountainbiker wehren sich: kein Pauschalurteil

Liebhaber solcher Trails haben sich in der „Flow Valley“-Initiative rund um den Lenggrieser Gastronom Robert Werner zusammengetan: „Klar, im Moment drängt sich bei uns alles, und die Stimmung ist aufgeheizt“, räumt er ein. Er selbst schätzt den Reitsteig wegen seiner perfekt angelegten Trasse mit relativ mäßigem Gefälle als „idealen Trail“ ein. Natürlich gebe es dort auch „Passagen, wo man vernünftigerweise absteigt und schiebt“.

Mountainbiker brauchen eigene Angebote im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen

Robert Werner ärgert es selbst, dass es unter den Bikern „auch schwarze Schafe gibt. Das darf allerdings nicht zu einem Pauschalurteil führen“. Er appelliert an ein respektvolles Miteinander: Dazu gehöre es, dass man „die Fahrtechnik anpasst, keine Abkürzer fährt und Fußgängern bei Begegnungen den Vorrang einräumt“. Es gebe an dieser Stelle allerdings auch „eine nicht bekannte Person, die dort immer wieder Steine, Äste und andere gefährliche Hindernisse in den Weg legt“. Die Lösung des Konflikts sieht er darin, dass der Landkreis ein Angebot für die Mountainbiker schafft.

Vor-Ort-Termin zeigt: Wanderer und Mountainbiker nehmen Rücksicht

Vielleicht ließen sich die Konflikte aber wirklich schon allein durch ein respektvolles Miteinander vermeiden. Denn bei einer Wanderung am Himmelfahrtstag zeigte sich, dass der Steig auch nicht mehr Erosionsschäden aufweist als andere häufig begangene Wege. Knapp 30 sportliche Bergradler waren an diesem Tag unterwegs, die Zahl der Wanderer lag deutlich höher. Die Begegnungen verliefen unkompliziert. Alle Radler verhielten sich rücksichtsvoll und beachteten die Verhaltensregeln.

rbe

Wanderer und Mountainbiker sind für die Region sehr wichtig. Der Tourismus im Tölzer Land steht vor schwerem Weg zurück aus der Corona-Krise. Und auch andere Freizeitsportler sind derzeit vermehrt unterwegs. So waren ein Heilbrunner und eine Lenggrieser am Walchensee Boot fahren - und kippten damit um.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Auffahrunfall auf B13 bei Bad Tölz: Drei Verletzte, riesiger Sachschaden
Viele Ausflügler waren um diese Zeit auf dem Weg aus dem Isarwinkel zurück Richtung München: Im dichten Verkehr ereignete sich am Mittwoch nahe Tölz ein Unfall.
Auffahrunfall auf B13 bei Bad Tölz: Drei Verletzte, riesiger Sachschaden
Corona-Infektion auch in Tölzer Gemeinschaftsunterkunft
Wir geben einen Überblick während der Coronavirus-Pandemie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in unserem News-Ticker. Aktuelle Zahlen und Entwicklungen lesen Sie hier.
Corona-Infektion auch in Tölzer Gemeinschaftsunterkunft
Jachenauer Parkplatz-Fragen
Bei der Milderung der Verkehrsprobleme am Walchensee ruhen die Hoffnungen unter anderem auf der Schaffung von Ausweichparkplätzen am Südufer. Die Behandlung des …
Jachenauer Parkplatz-Fragen
Tölzer Hütte: Bürgschaft spart viel Geld
Die Tölzer Hütte wird seit bald 100 Jahren von der AV-Sektion Tölz betrieben. Heuer wird das Gebäude am Fuß des Gipfelaufbaus zum Schafreiter energetisch und …
Tölzer Hütte: Bürgschaft spart viel Geld

Kommentare