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Hagelkörner in Tennisballgröße: Unwetter in Lenggries, Jachenau und Kochel

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Von: Andreas Steppan, Veronika Ahn-Tauchnitz, Elena Royer

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Große Hagelkörner gingen am Montagabend unter anderem in der Jachenau nieder.
Große Hagelkörner gingen am Montagabend unter anderem in der Jachenau nieder. © Florian Zechner

Kurz, aber heftig war der Hagelschauer, der am Montagabend in Teilen des Isarwinkels und des Loisachtals niederging. Zum Teil sorgten tennisballgroße Eisbrocken für durchschlagene Autoscheiben und Dachfenster, tiefe Dellen und demolierte Solaranlagen.

Update vom 29. Juni:

Auch in der Heilbrunner Versicherungsagentur von Stephanie Eder wurde am Dienstagabend eine erste Bilanz gezogen. Bis zum Abend seien 22 durch Hagel beschädigte Autos gemeldet worden. Dabei betreut die Agentur viele Kunden, deren Hagelschäden aus dem vergangenen Jahr noch nicht repariert seien - unter anderem wegen Lieferschwierigkeiten von Ersatzteilen. Bei den Unwettern vom 21. und 24. Juni 2021, die vor allem im Nordlandkreis Spuren hinterließen, wurden der Agentur über 100 kaputte Fahrzeuge und 63 versicherte Schäden an Wohngebäuden gemeldet.

Die ursprüngliche Meldung

Bad Tölz-Wolfratshausen – Es war am Montag um kurz vor 18 Uhr, als in Lenggries die ersten Hagelkörner niedergingen. Wenig später donnerten zum Teil tennisballgroße Eisbrocken auf Autos und Gebäude. Peter Gascha, Geschäftsführer vom Fiat-Autozentrum Isarring und Gemeinderat der Freien Wähler, entschuldigte sich kurz in der Lenggrieser Gemeinderatssitzung, um einen ersten Überblick über den Schaden im Betrieb zu bekommen.

35 beschädigte Fahrzeuge im Lenggrieser Autohaus

„Bei uns ist Land unter. Uns hat es voll erwischt“, sagt er am Dienstagvormittag am Telefon. Die 35 Fahrzeuge die auf dem Hof standen, seien alle beschädigt, sagt Gascha. Es gebe kaputte Scheiben, Dellen und Lackschäden. Der Geschäftsführer geht von einem Sachschaden im sechsstelligen Bereich aus. „Und dabei bekommt man derzeit ohnehin keine Neuwagen...“, sagt er mit Blick auf die langen Lieferzeiten.

Viele Kunden wollen ihre beschädigten Autos vorbeibringen

Das Autozentrum muss sich aber nicht nur um die eigenen Schäden kümmern. Auch Kunden wollen ihre betroffenen Fahrzeuge zur Reperatur vorbeibringen. „Das Telefon bei uns steht nicht mehr still“, sagt er.

Auf dem Hof des Lenggrieser Autozentrums Isarring wurden 35 Fahrzeuge beschädigt.
Auf dem Hof des Lenggrieser Autozentrums Isarring wurden 35 Fahrzeuge beschädigt. © Demmel

Auch im Autohaus Gerg in der Jachenau meldeten sich am Dienstag „extrem viele Kunden“, so Inhaber Anton Gerg. „Wir sind gerade noch dabei, uns zu sortieren“, sagt er am Vormittag. Andere Werkstatttermine hatte für diesen Tag abgesagt, um gleich ab dem Nachmittag mit den ersten „Notreparaturen“ beginnen zu können. „Priorität haben durchgeschlagene Scheiben und zerstörte Scheinwerfer, damit die Kunden wieder mobil sind“, sagt er. Solche Fälle hätten ihm aber eher Kunden aus Richtung Wegscheid, Leger oder dem Raum Miesbach als direkt aus der Jachenau gemeldet.

Hochbetrieb bei der Lenggrieser Allianz-Versicherungsagentur

Den Hageldellen werde sich die Werkstatt erst nach und nach widmen, wenn jeweils die Abwicklung mit der Versicherung geklärt ist. „Ich denke, damit werden wir bis in den Herbst zu tun haben“, so Gerg. Die eigenen auf dem Hof ausgestellten Autos habe er zum Glück rechtzeitig in Sicherheit bringen können.

Hagel Lenggries Unwetter
Lorenz (mit Hund Resi) zeigt die Hagelkörner, die bei ihm zu Hause das Vordach durchlöchert haben. Das Foto machte Mama Constanze Vogt aus Lenggries.  © Vogt

Hochbetrieb herrschte auch in der Lenggrieser Allianz-Versicherungsagentur von Karl Kienbacher. Eigentlich ist er derzeit im Urlaub. Mit Blick auf die vielen Schadensmeldungen war der aber am Dienstag beendet. „Seit Montagabend gehen bei uns die Meldungen ein“, sagt er. Zahlreiche Autos seien betroffen. Die Schäden reichen „von kleinen bis hin zu riesengroßen Dellen und eingeschlagenen Scheiben“.

Auch an Gebäuden und Solaranlagen hat der Hagel Spuren hinterlassen

Doch auch an Gebäuden hat der Hagel Spuren hinterlassen. Kienbacher berichtet von kaputten Dachfenstern und demolierten Solar- und Fotovoltaikanlagen. „Hier gibt es aber noch gar keinen großen Überblick, weil manche noch nicht auf dem Dach waren“, berichtet Kienbacher. Er richtet sich daher noch auf einige hektische Tage ein. „Aber dafür sind wir ja da“, sagt er.

Hagelkörner mit bis zu acht Zentimetern Durchmesser in der Jachenau

Einen Hagelkorn-Durchmesser von bis zu acht Zentimetern hat Familie Gudelius in der Jachenau gemessen. „Dreimal hintereinander hat es bei uns böse gehagelt“, berichtet Claudia Gudelius. In der Stärke wie am Montag „habe ich das noch nie erlebt“, sagt die Ärztin. Sie selbst sei gegen 19 Uhr gerade mit dem Auto von ihrem Wohnort in Raut in Richtung Dorf unterwegs gewesen, wo sie Deutschunterricht für Geflüchtete geben wollte, als zum zweiten Mal der Hagel einsetzte.

„Es war, als würde jemand Baumstämme auf das Auto werfen“

„Es war, als würde jemand Baumstämme auf das Auto werfen“, sagt sie. Vor der Schule in Wieden habe sie halbwegs geschützt unter Bäumen anhalten können. „Ich habe dem Asylbewerber, der neben mir saß, gesagt, er soll sich seine Jacke vor Gesicht halten, und mir selbst eine Brille aufgesetzt. Wir hatten Angst, dass die Scheibe zerspringt.“

Mit dem Helm durch den Hagel

Als der Hagel etwas nachließ, sei sie nach Hause gefahren – und schon setzte der nächste schwere Hagelschauer ein. Sie und ihr Mann Jost wollten im unbewohnten Nachbarhaus nach dem Rechten sehen, wo Hagel vor rund 30 Jahren einmal die Dachfenster durchschlagen hatte. „Mein Mann hat sich einen Helm aufgesetzt, um rüber zu laufen.“

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Nach dem Hagel weise jetzt nicht nur das Auto einige Dellen mehr auf – auch im Garten bot sich ein trauriges Bild. „Er sieht aus wie im Spätherbst“, beschreibt die Jachenauerin das Bild. Blumen und Salat seien zerstört, von den Kürbissen seien nur noch die Stengel zu sehen. „Aber seien wir dankbar, dass wir keine Katastrophe, wie Erdbeben, Überflutung oder Vulkanausbruch, erlebt haben“, sagt Gudelius.

Kunststoffdach am gemeindlichen Bauhof in Kochel durchschlagen

Auch Kochel war vom Unwetter am Montagabend betroffen. „Auf dem Rathausparkplatz hat es die Autos erwischt“, berichtet Bürgermeister Thomas Holz. Die Körner seien etwa so groß wie Golfbälle gewesen, schätzt er. Schwer hat es den Bauhof der Gemeinde getroffen. „Das Kunststoff-Dach der Halle wurde durchlöchert“, berichtet der Bürgermeister. „Es hat reingeregnet. Wahrscheinlich sind Maschinen beschädigt.“ Insgesamt beschreibt Holz das Unwetter als „massiv“. „Es hat erst leicht angefangen, aber dann kamen immer größere Körner.“

Hagel Unwetter Kochel am See
Großkörniger Hagel ging auch in Kochel nieder. Zum Größenvergleich wählte Leserin Felicitas Leutenstorfer einen Cammembert. © Leutenstorfer

Drei Hagelschauer am Walchensee

Am Walchensee erreichten die Hagelkörner sogar einen Durchmesser von acht Zentimetern. Das berichtet Lisa Grünwald von der Wasserwacht Walchensee. „Es war schon heftig“, sagt sie. Insgesamt seien es drei Schwünge gewesen. „Nach dem ersten – da waren die Körner vielleicht drei bis vier Zentimeter groß – waren wir optimistisch und haben die Autos wieder unter den Bäumen rausgefahren. Aber dann wurde der Hagel stärker.“ Froh ist Grünwald, dass keine Fenster zu Bruch gingen. „Ich habe viele Dachfenster, aber die sind alle ganz geblieben“, sagt sie.

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