Klinikleiter Professor Nikolaus Netzer und die stellvertretenden Geschäftsführer Dr. Stephan Pramsohler und Petra Netzer (v.l.)
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Klinikleiter Professor Nikolaus Netzer und die stellvertretenden Geschäftsführer Dr. Stephan Pramsohler und Petra Netzer (v.l.)

Interview mit Klinikchef Prof. Netzer

Höhentraining in der Lenggrieser Fachklinik

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    vonVeronika Ahn-Tauchnitz
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Lenggries – Vor zwei Jahren wurden in der Fachklinik Lenggries für geriatrische Rehabilitation die ersten Patienten aufgenommen. Im Interview sprechen Professor Nikolaus Netzer sowie die stellvertretenden Geschäftsführer Petra Netzer und Dr. Stephan Pramsohler über die aktuelle Lage, die Pläne für ein Schlaflabor und darüber, warum ein Höhentrainingsraum gut in eine geriatrische Rehaklinik passt.

  • Die Klinik hat einen neuen Trainingsbereich für Höhentraining
  • Die Klinik hat eine neue Physiotherapiepraxis
  • Anzahl der Betten soll von 60 auf 80 erhöht werden

Den ersten großen Coronaausbruch gab es in Ihrer Einrichtung im vergangenen Oktober. Seit letzter Woche gibt es nun erneut Fälle unter den Patienten. Wie ist aktuell die Lage?

Prof. Nikolaus Netzer: Anders als im Oktober gehen wir dieses Mal nicht davon aus, dass das Virus über das Personal in die Klinik gebracht worden ist – auch, weil die Mitarbeiter regelmäßig getestet werden, weil der Großteil bereits die Erstimpfung hatte und ein Teil beim ersten Ausbruch bereits erkrankt war. Unser Hygienekonzept wird kontinuierlich an die aktuelle Lage angepasst und von allen Mitarbeitern gelebt. Bisher haben wir auch noch keinen positiven PCR-Befund von einem patientennahen Pflegemitarbeiter. Wir gehen davon aus, dass ein Patient das Virus mitgebracht hat. Wenn Menschen zu uns verlegt werden, bringen sie zwar einen negativen Test mit. Trotzdem kann es sein, dass jemand erst zwei Tage später Symptome entwickelt und dann positiv getestet wird.

Beim ersten Ausbruch im Herbst gab es keine schwereren Verläufe bei Ihnen. Nun ist bereits ein Patient gestorben.

Nikolaus Netzer: Der Verlauf ist auf jeden Fall anders als bei der Welle im Herbst. Wir haben deutlich schwerere Verläufe, Patienten, die unter extremer Luftnot leiden und die wir auch in die Akuthäuser verlegen müssen. Ob hier allerdings Mutationen im Spiel sind, haben wir noch nicht erfahren.

Zudem beherbergt Ihre Klinik ja auch noch eine Quarantänestation für an Covid-19 erkrankte Menschen, die nicht mehr im Krankenhaus behandelt werden müssen, aber noch positiv sind. Diese Station betreut aber die Bundeswehr, oder?

Nikolaus Netzer: Die Quarantänestation ist in Haus drei untergebracht und soll die Krankenhäuser in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen und Weilheim-Schongau im Rahmen der Allgemeinverfügung 3.4.3.3. entlasten. Für Pflege und Stationsmanagement ist die Bundeswehr zuständig. Alles andere – von der ärztlichen Aufnahme bis zum Entlassmanagement durch den Sozialdienst – übernehmen wir.

Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter will sich impfen lassen

Wie läuft eigentlich das Impfen in Ihrem Haus?

Nikolaus Netzer: Hier in Lenggries gab es am 18. Januar die erste Impfung für die Mitarbeiter durch das Impfteam des Landratsamts Bad Tölz. Etwa 60 Prozent des Personals wollten oder wollen sich impfen lassen. Bei der Bereitschaft hat sich viel getan, auch weil wir viel dafür getan haben. Wir haben mehrfach den Aufklärungsfilm des WDR – „Quarks: Solltest du dich impfen lassen?“ – gezeigt und alle Abteilungsleiter gebeten, mit ihren Leuten zu sprechen. Ich hoffe generell auf eine hohe Impfquote.

Sie hatten vergangenes Jahr eigentlich einige Projekte geplant, beispielsweise das Einrichten einer Röntgenpraxis. Was ist aus den Plänen geworden?

Neue Physiotherapiepraxis

Nikolaus Netzer: Corona hat uns sämtliche Pläne verhagelt. Wir haben allerdings etwa eine halbe Million Euro in den Umbau des Gebäudes investiert – auch um das Haus fit zu machen für die Herausforderungen dieser Zeit. Entstanden sind eigene Speiseräume in den Stationsbereichen, als dritten Speiseraum gibt es den Wintergarten. Das Personal nutzt den großen Saal für die Mahlzeiten in entsprechender Möglichkeit alleine am Tisch zu sitzen. So können die nötigen Abstände eingehalten werden, auch eine Abgrenzung ist so möglich. Dazu haben wir unseren Reha-Bereich deutlich ausgebaut. Auch hier kann nun mit mehr Abstand trainiert werden. Dies ist allerdings auch nötig, weil wir die Anzahl der Betten von 60 auf 80 erhöhen wollen.
Petra Netzer: Zudem war ja auch immer geplant, dass wir uns der Gemeinde öffnen. Wir brauchen den Sportbereich nur bis 17 Uhr, danach gäbe es die Möglichkeit für Vereine, sie zu nutzen. Der TV Lenggries war beispielsweise schon mit der Rückenschule bei uns im Haus. Das ist gut angenommen worden.
Dr. Stephan Pramsohler: Seit 1. Oktober gibt es außerdem eine Physiotherapiepraxis, in der jeder mit einem Kassenrezept Termine vereinbaren kann. Auch das wird gut angenommen.

Und was ist aus der geplanten Röntgenpraxis geworden?

Nikolaus Netzer: Wegen Corona konnten wir die noch nicht für Patienten außerhalb der Klinik öffnen. Ich hoffe, dass es im Frühjahr soweit ist. Das Röntgen können wir zwar nicht als Kassenleistung anbieten, aber zum Selbstkostenpreis. Thoraxröntgen kostet beispielsweise um die 20 Euro, das Röntgen einer Hand oder eines Fußes 17 Euro.

Schlaflabor fast fertig gestellt

Was ist denn noch für dieses Jahr geplant?

Nikolaus Netzer: Das Schlaflabor mit vier Plätzen ist so gut wie fertig. An diesem Donnerstag kommen noch die Geräte für die Diagnostik. Die Einrichtung wird vermutlich ab Sommer gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen. Schwerpunkt wird unter anderem das Thema Schlafapnoe bei schwerem Schnarchen oder Herzinsuffizienz sein. Aber auch Menschen mit anderen Schlafstörungen wie „Restless Legs“ – also unruhigen Beinen – oder eben Insomnie können zu uns kommen.
Petra Netzer: Angedacht ist für die Zukunft auch eine Art Schlafschule. In Mehrtages-schulungen könnte es um das Thema gehen: „Wie finde ich Schlaf und wieder zu mir selbst“.

Sie planen aber noch ein ganz besonderes Projekt in diesem Jahr, oder?

Dr. Stephan Pramsohler: Wir möchten einen neuen Trainingsbereich für Höhentraining eröffnen. Das heißt, wir strömen kontrolliert Stickstoff in zwei Räume ein, reduzieren so den Sauerstoffgehalt und können damit Höhen bis zu 6000 Metern simulieren. Menschen, die beispielsweise in den Himalaya oder auf den Kilimandscharo wollen, können das nutzen, um sich vorzubereiten.
Petra Netzer: Es wird auch einen Schlafbereich mit sechs bis acht Plätzen geben, wo eine Seilschaft eine Nacht zum Akklimatisieren verbringen kann.

Höhentraining ist jetzt eher eine ungewöhnliche Sache für eine geriatrische Reha-Einrichtung, oder?

Nikolaus Netzer: Wir haben 2006 das Hermann-Buhl-Institut für Hypoxie-Training und Forschung in Bad Reichenhall eröffnet. Mit den Niederlassungen in Bad Aibling und dann auch Lenggries werden wir die größte Einrichtung in Europa sein. Kooperationspartner ist die Uni Innsbruck. Wir forschen in vielen Bereichen. Dabei geht es beispielsweise um den Einfluss von Hypoxie bei Herzerkrankungen, auch im Sinne von Behandlungen, aber auch um die Demenzforschung. Derzeit haben wir zu diesen Themen und zu dem Thema, welche psychischen Auswirkungen der Besucherstopp durch Corona auf geriatrische Patienten hat, vier Doktoranden. In einer Doktorarbeit geht es auch darum, wie Patienten auf eine Wechseltherapie von Hypoxie und Hyperoxie – also von wenig Sauerstoff zu viel Sauerstoff – reagieren. Mit den Unis aus Innsbruck und Ulm ist der Aufbau eines transalpinen Forschungszentrums geplant. Ende des Monats startet auch wieder der Präsenzunterricht mit den Medizinstudenten aus Ulm zum Thema Hypoxie- und Höhenmedizin in unserem Haus.

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