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Wo waren die Mauern? Lisa Bauer (li.) und Anne Baron halten an der Ausgrabungsstätte alles fest.

Archäologen im Karwendel

Hütte aus dem Mittelalter entdeckt

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Hinterriß - Auch im zweiten Ausgrabungsjahr im Karwendel wurden Archäologen fündig. Eines steht jetzt bereits fest: Schon zu früheren Zeiten waren im Bereich der Eng Menschen unterwegs.

„Wir haben auch schon eine Grabung in einem Gewerbegebiet vorgenommen. Da sind den ganzen Tag die Lastwagen vorbeigefahren. Das war nicht so idyllisch wie hier.“ Caroline von Nicolai lacht. Die Archäologin leitet die Gruppe, die kürzlich im Karwendel drei Wochen lang auf Spurensuche ging.

Das, was die fünf Forscher fanden, war allerdings nicht das, was sie sich erhofft hatten. Von Nicolai ist eigentlich auf die Vor- und Frühgeschichte spezialisiert, „die Zeit, vor dem Einsetzen der Schriften“. Aber bei einer der ersten Sichtungs-Wanderungen entdeckten sie bereits eine interessante Struktur. „Von einem Hang etwas oberhalb haben wir gesehen, dass hier etwas ist, was nicht ganz natürlich ist“, sagt von Nicolai. Es sah aus wie eine Baustruktur, quadratisch. Nachdem das Team die Grasnarbe und die Humusschicht entfernt hatten, kamen Objekte zum Vorschein: aus Eisen, vermutlich Nägel, die zur Konstruktion dienten. „Der Vorteil einer Grabung im Gebirge ist, dass hier die Humusschicht nicht so dick ist“, erklärt die Archäologin. Darunter gibt es eine Kiesschicht, dann die Schicht, „auf der die Menschen gelaufen sind“, und dann folgt der natürliche Untergrund.

Das jüngste Team-Mitglied ist die zehn Wochen alte Tochter von Caroline von Nicolai.

Caroline von Nicolai vermutet, dass sie eine Hütte entdeckt haben, die im Mittelalter als Unterstand für die Almwirtschaft diente. Indizien für das Alter der Hütte seien die handgeschmiedeten Nägel. „Man vergleicht diese mit ähnlichen Funden, um sie zu datieren“, erklärt von Nicolai. Ebenfalls zum Vorschein kamen Keramikteile, Holzkohle und Knochen von Tieren. Für das Alter und den Zweck der Hütte sprechen auch die unbehauenen Steine, die für den Bau verwendet wurden. „Vermutlich haben Hirten den Unterstand verwendet, um die Nacht geschützt verbringen zu können.“ Aus dem Alpenraum gebe es mehrere ähnlich Beispiele. Von Nicolai vermutet aber, dass nicht viele Objekte dort gefunden werden können. „Man hat sich auf wenige Dinge beschränkt, weil der Unterstand nur zeitweise genutzt war.“

Das Team unterhält sich während der Grabung auf Englisch oder Französisch. Denn außer den beiden LMU-Studenten Lisa Bauer und Robin Franke sind die beiden Franzosen Anne Baron und Timothée Fournié mit dabei: Baron ist Archäologin, Fournié Geologe. Von Nicolai kennt die beiden aus ihrer Studienzeit in Paris.

Etliche Höhenmeter hat die Gruppe bewältigt. Glücklicherweise musste sie aber nicht jedes Mal das schwere Gerät mitschleppen: Das fuhren ihnen Hüttenbesitzer oder Hermann Sonntag vom Naturparkhaus Hinterriss nach oben.

An diesem Tag geht es darum, einen weiteren Bereich der Hütte freizulegen. „Ob hier wohl das Badezimmer war?“, scherzen Franke und Fournié und zeigen auf eine etwas abgegrenzte Struktur. Dann packen die beiden Männer an und beseitigen ein paar Steine. Schließlich wird mit der Grabungskelle und einem Besen Erde zur Seite geschafft. „Wir versuchen, die Mauer klarer rauszuarbeiten“, sagt von Nicolai. So können die Archäologen erkennen, welcher Stein in seinem ursprünglichen Platz liegt.

Für jeden Fund wird ein Nagel in den Boden gesteckt. Mit einer so genannten Totalstation wird der exakte Standort ermittelt. Nur so können die Orte später wiedergefunden werden. Aus der Anordnung der Funde können die Archäologen zudem ermitteln, wo sich welcher Balken der Hütte befunden hat.

Keramik, Holzkohle und Knochen untersuchen die Forscher nun weiter. Sie werden fotografiert, gezeichnet und in ein Computerprogramm eingegeben. Das Bundesdenkmalamt in Tirol erwartet einen Bericht über die Grabung. Die Funde werden nach der Analyse an Österreich zurückgegeben.

Caroline von Nicolai möchte auf jeden Fall ins Karwendel zurückkehren. Sie rechnet damit, dass es ab 2000 vor Christus eine Besiedelung in der Gegend gegeben hat. Auch auf anderem Wege möchte sie Beweise dafür sammeln: Beispielsweise über die Pollenanalyse. „Das Vorkommen von Sauerampfer spricht für eine Almwirtschaft.“ Die Ortsnamen in der Eng könnten ebenfalls Aufschluss geben. „Ich werde zusammen mit einem Philologen schauen, ob die römische oder vorrömische Wurzeln haben“, sagt von Nicolai. Nächstes Jahr möchte sie gerne weitergraben.

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