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Abtransport: In den engen Ortsstraße von Lenggries wird in diesen Tagen der Schnee mit Fräsen abgetragen und auf Lastwagen weggefahren.

Blick ins Archiv des Tölzer Kurier

Isarwinkler erinnern sich an den schneereichen Winter 2006

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Die Schneefälle der vergangenen Tage wecken Erinnerungen an das Winter-Chaos vor 13 Jahren. Nach dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall wurden damals im Isarwinkel vorsorglich viele Hausdächer freigeschaufelt. Statiker berechneten die Schneelasten.

Lenggries – „Wir haben noch lange nicht so viel Schnee wie 2006“, sagt Franz Ostler. Der Statiker und mittlerweile Geschäftsführer des Lenggrieser Ingenieurbüros „OK Ingenieure GmbH & Co. KG“ erinnert sich aber noch gut an den Winter vor 13 Jahren. Damals hatte er alle Hände voll zu tun, um die Schneelasten auf öffentlichen und privaten Gebäuden in und um Lenggries zu messen.

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In diesem Winter hat Ostler „noch keine einzige Messung gemacht“: Es gab noch keine derartige Anfrage. Nach Ostlers Einschätzung ist die Messung von Schneelasten in Tallagen wie Lenggries und Bad Tölz derzeit noch nicht erforderlich, sagte er am Mittwoch im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Schneehöhe auf den Dächern sei noch nicht bedenklich. Das könne sich aber ändern, vor allem wenn es weiter schneit und es Nassschnee geben sollte. „Der nasse Schnee ist das Hauptproblem in diesem Winter“, sagt der Bauingenieur. Dieses enorme Gewicht habe dafür gesorgt, dass schon viele Bäume geknickt seien. Die Schneemenge ist nach Meinung des Statikers im Isarwinkel aber noch kein Problem.

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Das bestätigt Ostlers Geschäftsführer-Kollege Marcel Kober. Er hat am Donnerstagmorgen „rein interessehalber“ in seinem Garten in Lenggries-Anger die Schneelast am Boden gemessen. Das Ergebnis beträgt demnach zirka 130 Kilogramm pro Quadratmeter (kg/qm). Im Jahre 1976 wurde laut Kober eine bundesweite Schneelastnorm eingeführt, in der die maximale Schneelast für Lenggries 200 kg/qm am Boden betrug. 2006 wurden dann die Schneelasten angepasst, so der Ingenieur. „Seitdem beträgt der Maximalwert 350 kg/qm am Boden für Lenggries.“ Das bedeutet laut Kober, „dass für alle Gebäude die nach 1976 normkonform bemessen und errichtet wurden, derzeit prinzipiell kein Grund zur Besorgnis besteht.“ Grundsätzlich sei aber immer der konkrete Einzelfall zu prüfen.

Vor einer Panikmache warnt auch Bernhard Simon. Der Inhaber des gleichnamigen Holzbau-Unternehmens in Lenggries hat am Donnerstagvormittag interessehalber auch ein Schneeprofil erstellt. Nach seinen Messungen um 10.30 Uhr drückt auf seine Fertigungshallen in Schlegldorf eine Schneelast von rund 140 kg/qm. Das Dach halte bis zu 200 kg/qm aus. Die am Donnerstag veröffentlichte Empfehlung der Regierung von Oberbayern, die Dächer zu räumen, hält Simon für verfrüht. „Wer jetzt allein und nicht angeseilt aufs Dach steigt und mit dem Schneeschaufeln anfängt, begibt sich möglicherweise in Lebensgefahr.“ Die derzeitige Schneelage dürfe allerdings nicht als Lappalie abgetan werden. Simon: „Man muss die Schneelast auf den Dächern im Auge behalten.“

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An den Winter 2006 fühlt sich auch Günter Platschek erinnert. „Ich hatte sofort das Unglück von Reichenhall vor Augen, als ich in diesen Tagen die Fernsehbilder von eingeschneiten Orten gesehen habe.“ Platschek wohnte damals im Lenggrieser Bahnhofsgebäude, das seinerzeit als akut einsturzgefährdet galt. Mit seiner Frau musste er an einem Vormittag Anfang Februar Hals über Kopf das Haus verlassen. Auch die Gaststätte, das Radgeschäft und der Bahnhof selbst wurden damals evakuiert und gesperrt.

Platschek hatte zuvor Risse im Dachstuhl bemerkt und die Überprüfung angestoßen. „Die Bahn hat das Dach von Mitarbeitern und Feuerwehrleuten abschaufeln lassen“, erzählt der Lenggrieser. Er selbst kam vorübergehend bei Bekannten unter. Schon bald konnte er aber wieder im eigenen Bett schlafen – „wenn auch mit einem mulmigen Gefühl“.

Das müssen die Nachmieter nicht haben. Nach Platscheks Auszug aus dem Bahnhofsgebäude wurde das komplette Dachgeschoss saniert und stabilisiert. Die weiße Pracht war damals bald dahin. „Zunächst waren riesige Schneehaufen rund um den Bahnhof“, so Platschek. „Die sind nach dem Tauwetter aber bald verschwunden.“

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