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Seit viereinhalb Jahren ein glückliches Paar: Amanda und Winardi Reiter. Mit diesem Plastikblumenstrauß und Luftballon begrüßte er sie bei ihrer ersten Begegnung am Flughafen in Singapur.

Zum Valentinstag

Jenseits von Geschlechterrollen: Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

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Ihre Liebe ist gleich in mehrfacher Hinsicht grenzenlos. Zum Valentinstag erzählt das Lenggrieser Ehepaar Amanda und Winardi Reiter die Geschichte einer Beziehung, die beiden neue Horizonte öffnete.

Lenggries– Viele Menschen würden die Ehe von Amanda (51) und Winardi Reiter (30) vermutlich für ziemlich ungewöhnlich halten. Denn ihre Beziehung überwindet gleich mehrere angebliche Grenzen: in Bezug auf Länder, Alter und Geschlecht. Doch was Amanda Reiter als Geheimnis einer guten Beziehung beschreibt, gilt für alle Paare – ob sie nun ein wenig „anders“ sind oder ganz konventionell. „Man muss sich auf den anderen einlassen, wie auch immer er ist“, sagt sie. „Denn jeder Mensch ist individuell.“ Zum Valentinstag erzählt das Lenggrieser Paar dem Tölzer Kurier seine Geschichte.

Angefangen hat alles 2013. Das Leben von Amanda Reiter befand sich in einer Übergangsphase. Zu jenem Zeitpunkt hatte sie sich selbst eingestanden, dass sie transsexuell war. Geboren im Körper eines Buben, hatte Amanda bis dahin als Hermann Reiter der Rolle eines Mannes entsprochen – auch wenn sie tief im Inneren wusste, dass sie eine Frau war. Diese lang verdrängte Erkenntnis kam für sie erst mit Mitte 40 – und ging bis 2013 noch nicht mit der Entscheidung einher, ihre Identität als Frau auch nach außen zu zeigen.

„Ich wollte schauen, ob mich jemand akzeptiert“

Ohne es allzu ernst zu nehmen, sah sie sich damals auf einer internationalen Dating-Plattform im Internet um. „Ich wollte einfach schauen, ob es jemanden gibt, der mich so akzeptiert, wie ich bin.“ Die Lenggrieserin machte dementsprechend kein Geheimnis daraus, was sie war: „eine Frau, die noch als Mann lebte“. Zu Amandas Erstaunen gab es gar nicht wenige Frauen, die diese Person gerne kennenlernen wollten – nach Männern zu suchen, traute sie sich damals noch nicht. Die ersten Erfahrungen zeigten aber: „Es war gar nicht so einfach, einen Menschen zu finden, der mit meiner Situation zurechtkommt.“ In die Rolle eines Mannes aber wollte sich Amanda nicht mehr drängen lassen. „Da hätte ich ja wieder etwas sein müssen, was ich nur vorspielen muss.“

Die Internetbekanntschaft Winar aus Indonesien hatte Amanda zunächst nicht recht für Ernsteres in Betracht gezogen. Auf den Fotos präsentierte sich eine top-gestylte, attraktive junge Frau mit hüftlangem, gewelltem Haar. Die Person, die aussah wie ein weibliches Fotomodell, war im biologischen Sinne jedoch ebenfalls ein Mann. „Aber schon als Kind haben mich alle nur als Mädchen gesehen“, sagt der heutige Lenggrieser, der wieder unter seinem männlichen Vornamen Winardi lebt.

Von Hermann zu Amanda

Der Entschluss, im Sommer 2013 zu Winar/Winardi nach Indonesien zu fahren, leitete einen Wendepunkt in Amanda Reiters Leben ein. Sie erinnert sich genau an den Moment: Amanda war noch in männlichem Outfit angereist, Winardi wartete am Flughafen von Singapur mit einem Strauß Plastikrosen und einem kleinen Luftballon mit der Aufschrift „I love you“. Der Strauß steht heute in ihrem gemeinsamen Zuhause in Lenggries.

„Als wir uns getroffen haben, war ich Hermann, der noch nicht den Mut hatte und noch nicht bereit war, den nächsten Schritt zu gehen“, sagt Amanda Reiter. Sie war damals voller Unsicherheit. Wie würde sie in einem muslimischen Land aufgenommen werden, was würden Winardis Eltern und sechs Geschwister – selbst übrigens Buddhisten chinesischer Herkunft – sagen? „Aber alle haben mich einfach als Mensch akzeptiert. Die Mutter hat mich behandelt wie eine eigene Tochter – obwohl ich nicht so vorteilhaft aussah.“ Die Lenggrieserin ist noch heute beeindruckt von „dieser Offenheit, mit der mir die Tür aufgemacht wurde“.

In Indonesien fühlte sie eine neue Freiheit. Hatte sie sich zuvor in Deutschland jemandem anvertraut, bekam sie zur Antwort: „Bist du verrückt? Mach nicht dein Leben kaputt!“ In Indonesien aber sagte man ihr: „Ja, du kannst das tun! Wenn du eine Frau bist, dann kleide und verhalte dich auch so!“

„Wenn du eine Frau bist, dann verhalte dich auch so“

Mit einem Mal hatte Amanda einen Partner und eine Familie an ihrer Seite, die ihr als Frau Rückendeckung gaben. „Niemand zwang mich mehr, die Rolle des Hermann Reiter zu spielen.“ Die Liebe habe ihr eine Tür geöffnet. „Diese Beziehung ist die Grundlage dafür, dass es Amanda überhaupt gibt.“

Seit er Amanda kennt, hat der zierliche Winardi wiederum seinen Model-Look abgelegt, tritt im Alltag männlicher auf – ist aber insgesamt eine Erscheinung irgendwo zwischen den Geschlechtern. „Ich bin die letzte, die da irgendetwas zu kritisieren hätte“, sagt Amanda Reiter. „Wenn er Anzug und Krawatte tragen will, okay. Wenn es ein Kleid ist, genauso.“

Die bedingungslose Akzeptanz hat sich das Paar auch in allen anderen Lebensbereichen zur Maxime gemacht. „Er würde nie versuchen, mich vom Laufen abzuhalten“, sagt die leidenschaftliche Leichtathletin. Umgekehrt dringe sie auch nicht darauf, dass ihr Mann ihre Ernährungsweise mitmacht. „Ich esse Fisch und Gemüse und er eben lieber Reis.“

Niemals sagen, dass etwas nicht sein darf

Niemals sagen, dass etwas nicht sein darf oder nicht geht: Dieses Motto beherzigte die Lenggrieserin dann auch recht schnell, als es darum ging, Winardi zu heiraten. Anfang 2014 reiste der Modedesigner mit einem Heiratsvisum nach Deutschland ein. Es dauerte etwas, bis alle Formalitäten geklärt waren. Am 2. Oktober 2014 schlossen Winardi und Amanda – ganz frisch auch vom offiziellen Personenstand her eine Frau – im Lenggrieser Standesamt den Bund fürs Leben. In ihrem Zuhause an der ehemaligen Reitersäge betreiben sie nun gemeinsam eine Haarentfernungspraxis, Amanda Reiter ist zudem weiterhin als Software-Entwicklerin tätig.

Was Amanda an ihrem Mann liebt? „Seine uneingeschränkte Offenheit. Er hat keine Vorbehalte gegenüber allen Menschen und Dingen.“ Und er sei der Mensch, „der mich nicht im Stich lässt und dem ich vertrauen kann“. Als sich Amanda Reiter 2015 der geschlechtsangleichenden Operation unterzog, wartete Winardi neun Stunden vor der Tür des OPs, wich danach nicht von ihrer Seite, schlief bei ihr im Krankenhaus.

Und warum liebt Winardi seine Amanda? „Ich weiß es nicht. Sie ist ein sehr lieber, sehr netter Mensch. Bei der Liebe geht es nicht um das Aussehen. Es geht ums Innere.“

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