Wenn er aus seinem Brief an Horst Seehofer liest, präsentiert sich Kabarettist Christian Springer von einer ganz anderen Seite. Bei der Veranstaltung im Arzbacher „Kramerwirt“ hatte er Angela Ascher an seiner Seite. Sie doubelt auf dem Nockherberg Ilse Aigner. Foto: Gokus

Kabarettist Christian Springer macht sich für die Integration von Flüchtlingen stark: 

Leitkultur ist immer im Fluss

Arzbach/Lenggries – Sein Beruf ist Kabarettist, seine Berufung seit vielen Jahren eine ganz andere: Der Münchner Christian Springer ist Gründer des Vereins „Orienthelfer“ und fährt selbst mehrmals im Monat zum Beispiel in den Libanon, um Güter und Medikamente in Notlager für syrische Flüchtlinge zu bringen.

Nun liest er auf der Bühne aus seinem kürzlich erschienenen Buch „Landesvater, cool down“, einem offenen Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer. Auf knapp 80 Seiten fordert er darin eindringlich auf, nicht immer nur eine Flüchtlingsdebatte in der Theorie zu führen, sondern endlich anzupacken.

Zu seinem Auftritt im Arzbacher „Kramerwirt“ hatte er am Donnerstag eine Kollegin mitgebracht: Angela Ascher, die unter anderem als Ilse-Aigner-Double vom Nockherberg bekannt ist. Zu der Veranstaltung hatten Sabine und Stefan Pfister vom KKK eingeladen. Die Pfisters engagieren sich in ihrem Heimatort Lenggries selbst unermüdlich für die Flüchtlingshilfe.

Warum diese Liebe zum Orient? Christian Springer erzählte die Geschichte vom allerersten Buch seines Lebens, in dem keine Bilder drin waren: „Durch die Wüste“ von Karl May, und es setzte in ihm eine Leidenschaft für diesen Teil der Welt frei, der bis heute andauert. Bereits vor Ausbruch des Krieges bereiste Springer Syrien über dreißig Mal. Er kennt jeden Winkel des Landes, spricht die Sprache und hat viele Freunde dort. Das Elend und die Zerstörung machen ihn fassungslos und wütend.

Noch wütender allerdings macht ihn die Tatsache, dass die Politik weitgehend untätig dabei zusieht, das „quasi vor der Haustür“ Menschen zugrunde gehen. „Es ist alles ganz nah bei uns.“ Springer war morgens noch im Libanon unterwegs, mittags in München gelandet und stand abends in Arzbach auf der Bühne.

Springer ist rastlos in seiner Mission. Er ist berührend und authentisch, aber ohne übertriebenen Pathos. Er sieht, dass Hilfe gebraucht wird, und er zieht los und versucht Hilfe aufzutreiben. So einfach könnte es sein, wenn „die Weltgemeinschaft sich endlich wieder auf die Menschenwerte besinnen würde.“ Seinen Brief an Seehofer hat er deshalb verfasst und publik gemacht, „weil Briefe gelesen werden. Und zwar gerne auch von Leuten, die es nichts angeht“. Weil aber dieser Krieg im Nahen Osten alle angehe, appelliert er auf diesem Weg an jeden einzelnen.

Seine nächste große Aufgabe hat er schon gefunden: Geld auftreiben, und zwar ziemlich genau neun Millionen Euro. Diese Summe fehlt, um den Menschen in ihren Heimatländern eine komplette ärztliche Behandlung zu gewährleisten. Dreiviertel der Kosten werden von der Uno bezahlt, doch die Menschen in Syrien und im Libanon müssen 25 Prozent selbst aufbringen, um Operationen und Medikamente zu bezahlen. Doch sie haben oft nichts mehr, sind heimatlos, krank und verzweifelt.

„Eine lächerliche Summe, wenn man sie nur mal mit dem vergleicht, was allein die Dritte Startbahn kostet“, sagte Springer. Er schilderte seine Eindrücke, wie es eben nur einer kann, der sich auskennt. Er erzählte vom Land und seiner einstigen Schönheit, er machte aus Flüchtlingen Menschen mit einer Geschichte, einem Beruf und Humor, der, wie er sagte, trotz allem noch nicht verloren gegangen ist.

Gemeinsam mit Ascher las er Passagen aus dem Buch und führte dabei die Ängste vor der Flüchtlingswelle ad absurdum. Eine „Leitkultur“ in Bayern würde es ohne die Fremde überhaupt nicht geben. „Den Freistaat hat der Berliner Sozi Kurt Eisner ausgerufen, BMW wurde von einem Chemnitzer begründet, Audi kommt aus Zwickau, die Bierzelte ursprünglich aus der Türkei und Karl Valentins Vater aus Hessen. Die Deutschen sind außerdem eine große Auswanderer-Nation, und die meisten sind aus wirtschaftlichen Gründen gegangen.“

„Herr Seehofer! Kann es sein, dass es in der Flüchtlingsdebatte eine andere Wahrheit gibt als die Ihre?“ fragt Springer und fordert „Fakten und Taten statt Blabla“. Eine „humanitäre Rettungsgasse“ müsse her; im Notfall muss man schnell helfen können. Denn, sagt Springer, „bei einem Unfall auf der Autobahn, fragt doch auch keiner als erstes, ob der Verletzte ein netter Mensch war.“

Von Ines Gokus

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