Mit seinem Verein „Orienthelfer“ reist Christian Springer immer wieder in die Lager, in denen Flüchtlinge aus Syrien leben. Dort verteilt er Spenden und packt mit an. Foto: privat

Kabarettist Christian Springer mischt sich in die Asyl-Diskussion ein - Auftritt in Arzbach

„Flüchtlinge sind keine Sozialschmarotzer“

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Arzbach – Eigentlich kennt man ihn als wortgewandten Kabarettisten, aber jetzt zeigt sich Christian Springer von einer ganz anderen, ernsten Seite: er hat ein kleines Büchlein geschrieben, in dem er mit Vorurteilen gegenüber syrischen Flüchtlingen aufräumt. Genau genommen ist es ein Brief an Horst Seehofer mit dem Titel „Landesvater, cool down. Kabarettist an Seehofer: eilt!“ Am Donnerstag, 28. April, ist er damit im „Kramerwirt“ in Arzbach zu Gast. Unsere Zeitung hat sich vorab mit ihm unterhalten.

Herr Springer, Sie packen da ein sehr ernstes Thema an. Warum ist der Titel des Brief-Buchs so humoristisch? 

Christian Springer: Ich wollte Horst Seehofer damit nahe kommen. Für Seehofer ist es ein Brief, für die Öffentlichkeit ist es ein Büchlein geworden. 

Wie haben Sie Seehofer den Brief gegeben?

Springer: Ich habe ihn in der Staatskanzlei abgegeben. Einen Dankesbrief des Ministerpräsidenten habe ich nicht erhalten, aber das erwarte ich auch nicht. Ich habe aber zumindest gehört, Seehofer habe ihn gelesen. 

Was ist denn eigentlich Ihre Absicht? 

Springer: Es geht mir darum, Fakten aufzulisten, damit aus der ganzen Flüchtlingsdiskussion die Emotionen genommen werden. Es reden so viele darüber, ohne sich auszukennen. Man kann die Probleme viel besser lösen, wenn man nicht auf 180 ist, sondern sich in Ruhe zusammensetzt.

Dann hätten Sie aber auch ein Sachbuch schreiben können. 

Springer: Das wollte ich aber nicht, das ist nicht mein Beruf. Ich glaube, ich kann mit diesem kleinen Büchleich und dem humoristischen Titel ,Landesvater, cool down‘ mehr erreichen, als wenn ich ein dunkel eingebundenes Sachbuch mit einem Titel wie ,Fakten über Syrien‘ geschrieben hätte. 

Sie haben semitische Sprachen und Philologie des christlichen Orients studiert. Woher kommt eigentlich Ihre Begeisterung für den Nahen Osten?

Springer: Das begann als Junge mit den Büchern von Karl May. Ich fand es immer faszinierend, wie May über das gemeinsame Miteinander schrieb. 

Und heute? Was schätzen Sie an ihren Freunden aus Syrien, Jordanien und dem Libanon? 

Springer: (überlegt kurz) Ich schätze ihren Mut und ihren Humor und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Vergleichen wir es so: uns in Deutschland geht es tausend Mal besser als den Menschen dort, und trotzdem haben wir Angst vor der Zukunft. Viele Menschen im Nahen Osten sind jeden Tag in Lebensgefahr, aber sie sind guten Mutes, hoffen auf eine bessere Zukunft und arbeiten hart dafür. 

Die EU hat sich vor Kurzem mit der Türkei auf eine Verteilung der Flüchtlinge geeinigt. Was halten Sie davon? 

Springer: Das Schicksal der Flüchtlinge geht mir sehr nahe. Ein geschätzter Kollege von mir hat gesagt: Europa hat 500 Millionen Einwohner. Wenn jedes Jahr eine Million Flüchtlinge nach Europa kommen, dauert es 500 Jahre, bis wir quasi halbe-halbe sind. 

Aber Deutschland kann doch nicht alle aufnehmen. 

Springer: Nein, natürlich nicht. Es kommen doch auch nicht alle. Dass 60 Millionen vor der deutschen Grenze stehen, ist alleinige Aussage von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Das ist völliger Quatsch.

Sondern?

Springer: Wir müssen aus der ganzen Debatte mal Dampf rausnehmen. Es kann doch nicht sein, dass wir den Flüchtlingen sagen: ‘Geht wieder nach Hause!‘, und gleichzeitig schreit hier die Industrie, weil nicht alle Ausbildungsstellen besetzt werden können, etwa bei Bäckern und Metzgern.

Können Sie nachvollziehen, dass Angst vor Einwanderung besteht?

Springer: Ja, es ist etwas Urmenschliches, dass man Angst vor Fremden hat. Ich glaube, die größte Angst ist die Angst vor Veränderung der Gesellschaft. Dabei hat sich die Gesellschaft immer verändert. Und es stimmt einfach nicht, dass Flüchtlinge nur hierherkommen, um – überspitzt gesagt – unsere Mädels zu vergewaltigen und Geld abzusahnen. Syrische Flüchtlinge sind keine Sozialschmarotzer. Das sind hundertprozentige Kapitalisten. Die wollen auf Sozialämtern keine Nummern ziehen, sondern einen Laden oder eine Firma aufmachen, Geld verdienen und Angestellte einstellen. 

Haben Sie Beispiele, wie unsere Kultur von Fremden bereichert worden ist?

Springer: Ohne Türken gebe es heute keine Bierzelte! Als die Türken 1683 vor Wien lagerten, hatten sie Zelte dabei, darin wurde getafelt. Als man die Türken vor Wien vertrieb, erbeutete man eines dieser Zelte und es wurde 1810 beim ersten Oktoberfest in München aufgestellt, um Bier auszuschenken. Seither gibt es in Bayern Bierzelte.

Der Krieg in Syrien wird eines Tages vorbei sein. Glauben Sie, dass viele Menschen zurückgehen? 

Springer: Wenn wir uns politisch so stark dafür einsetzen würden, wie wir unsere Grenzen schützen, wäre dieser Krieg schon längst zu Ende. Aber es fehlt überall an politischem Willen. Laut Studien dauert ein Bürgerkrieg durchschnittlich 18 Jahre. Davon haben wir in Syrien gerade einmal fünfeinhalb.

Sie glauben also, die Flüchtlingswelle hält an? 

Springer: Mit Sicherheit. Die Menschen werden sich andere Wege suchen als über die Balkanroute. In Syrien leben derzeit geschätzt 13 Millionen Menschen. 90 Prozent davon kämpfen übrigens nicht, größtenteils sind es Frauen und Kinder. 

Aber man hört doch in den Medien, dass der IS zurückgedrängt wird.

Springer: Der IS ist in Syrien nicht das alleinige Problem. Die Menschen haben mittlerweile vor allen Militärs Angst, es gibt keine „gute“ Seite mehr. In den vergangenen Wochen waren es zum Beispiel russische Bomber, die 50 000 Menschen von der Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten haben.

Bei Ihrem Auftritt am 28. April in Arzbach werden Sie berichten, was Sie in und um Syrien alles persönlich erlebt haben.

Springer: Ja, es ist eine Mischung aus Lesung und Bericht. 

Horst Seehofer wird sicher nicht kommen

Springer: Nein, davon gehe ich nicht aus.....aber bestimmt einige Lehrer. Es freut mich, dass mein Buch schon im Unterricht verwendet wird.


Weitere Infos: Christian Springer liest am Donnerstag, 28. April, im „Kramerwirt“ in Arzbach aus seinem Buch und stellt sich den Fragen der Zuhörer. Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 16 Euro. Karten über Sabine Pfister vom KKK, Telefon 0 80 42/91 24 65 und E-Mail sabine@kkk-lenggries.de Das Büchlein „Landesvater, cool down“ (70 Seiten) ist im Eigenverlag erschienen und überall im Buchhandel erhältlich. Es kostet 7 Euro.

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