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Mutter und Sohn: Reinhard Siede lud Mama Barbara bereits zum fünften Mal auf sein Katamaran-Boot ein.

Segeltörn vor Panama

Katamaran-Tour mit 91 Jahren

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Mit 91 Jahren war Barbara Siede zwei Wochen auf einem Katamaran in der Karibik unterwegs. Seitdem fühlt sich die Lenggrieserin noch bestätigter in ihrem Lebensmut und fragt sich: „Was soll mir schon passieren?“

Lenggries – Barbara Siede, 91 Jahre alt, sitzt vor ihrem Kachelofen und wischt mit dem Mittelfinger auf dem Tablet hin und her. Draußen tobt das wilde Schneetreiben, drinnen zeigt die Lenggrieserin Fotos aus der Karibik. Mit Blick auf das Tablet sagt sie: „Ich habe dieses Ding vor drei Jahren gegen meinen Willen geschenkt bekommen – und ich finde es großartig.“

Es gibt nicht viele 91-Jährige, die lässig mit modernen Flachcomputern hantieren. Es gibt aber wohl noch weniger Frauen in Siedes Alter, die auf einem Katamaran durch die Wellen der Weltmeere peitschen. Genau das hat sie nun aber wieder getan: Zum fünften Mal hat sie ihr Sohn Reinhard auf sein Boot eingeladen. Das Programm im Dezember: 14 Tage Segeln im Karibischen Meer, ein Törn zwischen den 365 San-Blas-Inseln.

Barbara Siede kann eigentlich nicht mehr richtig laufen. Arthrosen im Knie. „Nach 50 Metern ist ohne Gehstöcke Schluss“, sagt sie. „Aber an Bord kann ich mich ja an den Seilen entlanghangeln. Das ist doch kein Problem, oder?“ Die Seniorin stellt oft solche Fragen, auf die es für sie nur eine Antwort gibt: Ja, klar. Diese Eigenart passt zu Siedes gläubiger, positiver Grundeinstellung. „Ich weiß mich ganz tief geborgen. Was soll mir schon passieren?“, fragt sie wieder. „Ob ich zuhause oder im Meer sterbe, macht doch keinen Unterschied.“

Ins Wasser gefallen ist Siede übrigens gleich am ersten Urlaubstag. Die Reise begann nach einem 15-Stunden-Flug mit Zwischenstopp in Madrid in der Bucht von Colón in Panama: Bevor sich die 91-Jährige einen Smoothie gönnen konnte, rutschte sie auf dem Beiboot aus und stürzte ins Hafenbecken. „Aber ich komm’ ja wieder hoch, oder?“ Kam sie, aber über die Hilfe des Hafenchefs, der sie mit einem Mitarbeiter an Land zog, war sie dann doch ganz dankbar.

„San-Blas-Inseln“ sagt Siede nun in ihrem Wohnzimmer zum Tablet. Die Spracherkennung funktioniert: Eine monotone Computerstimme liefert kurz die Fakten zum Karibik-Paradies, dessen Inseln meist nicht mal die Größe eines Fußballfelds erreichen. Nach drei Tagen in der Bucht bei durchwachsenem Wetter begann die Abenteuer-Fahrt mit dem Katamaran Richtung San Blas. Sieben Stunden bei Gegenwind und vier Meter hohen Wellen. „Da kommen Wände auf dich zu“, berichtet Siede.

Die Crew an Bord bestand aus vier Menschen: Neben der Mutter und ihrem 64-jährigen Sohn waren zwei Frauen dabei, Freundinnen von Reinhard Siede. „Mein Sohn erfüllt sich einen Lebenstraum und segelt durch die Weltmeere“, sagt Barbara Siede. Früher sei er Geschäftsführer eines größeren Unternehmens gewesen. Damit die Mutter überhaupt mitsegeln konnte, holten die beiden Frauen sie in Lenggries ab und nahmen sie zum Flughafen mit. „Das mit dem Gepäck, das schaff ich nicht mehr.“ Der kostenlose Rollstuhlservice am Münchner Airport kam da ganz gelegen.

Angekommen im karibischen Inselreich tauchte die Gruppe in die Welt der Kuna-Indianer ein. Ein indigenes Volk, das sich autonom verwaltet. Von da an machte Siede nicht nur mehr Fotos von Sonnenuntergängen und Pelikanen, sondern ließ sich auch mit den Indianern und deren Kindern ablichten. „Eine Frau hat sich extra schick gemacht für das Foto.“ Bei einer anderen kaufte sie eines der bunten Nähkunstwerke, die Molas genannt werden.

Bereichernde Begegnungen, exotisches Essen, berauschende Landschaften: Eine Tortur war für Barbara Siede eigentlich nur die Rückreise – gerade die dreistündige Hügelfahrt durch den Urwald. „31 Stunden vom Schiff in meine Wohnung. Ich habe dann erstmal 13 Stunden geschlafen, als wäre ich tot.“ Dass die 91-Jährige so schnell sterben wird, kann man sich bei ihrem Lebenshunger überhaupt nicht vorstellen.

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