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Asyl

Waldkirche schützt Iraker vor Abschiebung

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Lenggries - Die evangelische Kirchengemeinde gibt Fouad und Kaid Kirchenasyl. Die 21-Jährigen gehören zur Minderheit der Jesiden, die im Nordirak vom IS verfolgt wird. Nun sollten sie nach Bulgarien abgeschoben werden, wo sie ins Gefängnis kommen würden.

Das eine oder andere Gemeindemitglied hat sich schon gewundert, warum es in letzter Zeit in der Lenggrieser Waldkirche nach Essen riecht. Den Grund verkündet Pfarrer Stefan Huber am morgigen Sonntag im Gottesdienst offiziell, im Anschluss gibt es beim Kirchenkaffee Gelegenheit zum Gespräch. Seit drei Wochen wohnen Fouad und Kaid aus dem Nordirak in der Hausmeisterwohnung im Obergeschoss, wo sie natürlich auch regelmäßig für sich kochen.

Die evangelische Gemeinde gibt den beiden 21-Jährigen Kirchenasyl. Sie gehören laut Huber zur Minderheit der Jesiden, die in ihrer Heimat von der Terrormiliz des Islamischen Staats verfolgt, diskriminiert und angefeindet werden. Fouad und Kaid sind unabhängig voneinander über die Türkei, Bulgarien und die Balkanroute nach Deutschland geflohen. Weil sie in Bulgarien erfasst wurden, sollen sie dorthin abgeschoben werden.

„Kaid war zwei Monate in Haft in Bulgarien, dort wurde er geschlagen und die Hygienebedingungen waren einfach ekelhaft. Es gab eine Toilette für 200 Menschen“, berichtet Huber. Fouad habe drei Wochen im bulgarischen Gefängnis verbracht. Dorthin würden die Jesiden nach ihrer Abschiebung direkt zurückkommen, weil sie unerlaubt das Land verlassen haben. „Das ist menschenunwürdig.“

Die jungen Männer sind nicht ohne Grund nach Deutschland gekommen. Fouads Ehefrau lebt seit 2010 mit ihrer Familie in München. „Sie sind alle in Arbeit“, sagt Huber. Kaid hat den familiären Rückhalt seiner Brüder, die im Land verstreut leben.

Die evangelische Kirchengemeinde wurde bereits drei Mal um Kirchenasyl gebeten und hat deshalb die leerstehende Hausmeisterwohnung in der Waldkirche vor einiger Zeit hergerichtet. „Der Kirchenvorstand steht hinter der Entscheidung.“

„Sie wollen uns etwas zurückgeben“

Für Fouad war das Glück. Die Landeskirche suchte händeringend einen Platz für ihn. „Seine Aufenthaltsgenehmigung lief bis 19. Juli und die Erfahrung zeigt, dass die Betroffenen schon vorher in Abschiebehaft kommen, wenn sie außerhalb ihrer Unterkunft aufgegriffen werden“, sagt Huber. Er holte Fouad am 17. Juli mit dem Auto in München ab – mit dem Zug war es zu riskant.

Kaid zog kurz darauf in Lenggries ein. „Fouad kam nicht mit dem Alleinsein klar und hatte Angstattacken in der Nacht.“ Da es so nicht hätte weitergehen können, vermittelte die Landeskirche einen weiteren Jesiden an die evangelische Kirchengemeinde. Kaid war bereits in Kirchenasyl und muss noch sechs Wochen bleiben (siehe Kasten). Huber hält es für wahrscheinlich, dass die beiden Männer in Deutschland bleiben können. „95 Prozent der Asylanträge von Jesiden wird stattgegeben.“

Fouad und Kaid verstehen sich gut, sagt Huber. „Sie sind sehr bescheiden und schüchtern.“ Wenn jemand mit Einkäufen komme, eilen sie herbei, um ihm alles abzunehmen. „Sie wollen was zurückgeben.“ Die 21-Jährigen sind auf Hilfe angewiesen, die für sie einkaufen gehen. Die beiden sind übrigens Kurden und müssen sich an keine muslimischen Speisevorschriften halten. Auch Helfer, die Deutschunterricht geben, werden gesucht. „Es wäre schön, wenn wir die Zeit in der abgelegenen Kirche nutzen und den Tagesablauf strukturieren können“, sagt Huber. Er sucht außerdem noch einen Elektriker, der die Küchenzeile anschließen kann. Bisher benutzen Fouad und Kaid eine Kochplatte.

303 Kirchenasyle in deutschen Kirchen

Es gibt kein Gesetz, das Kirchenasyl regelt. „Genau genommen ist es illegal“, sagt Pfarrer Stefan Huber. Aber es herrsche Gewohnheitsrecht. Kirchenasyl gab es bereits im Römischen Reich. „Die Polizei greift nicht auf Kirchengrund zu“, so Huber. Das heißt aber auch: Verlässt ein Flüchtling das Gelände, kann er sofort in Abschiebehaft kommen. Abschiebungen nach Bulgarien werden innerhalb von 24 Stunden vollzogen. „Kirchenasyl gibt es nicht überall, aber es ist gar nicht so selten“, sagt Huber. Im Dekanat weiß er aber nur von einem anderen Fall. Insgesamt schätzt die ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“ die Zahl der Fälle derzeit auf 303. Laut der Statistik sind 473 Menschen in Kirchenasyl, 110 davon sind Kinder. 246 der Kirchenasyle bestehen aufgrund der Dublin III-Verordnung, das heißt, diese Flüchtlinge wurden in einem anderen EU-Staat registriert und sollen dorthin abgeschoben werden. Gelingt diese Abschiebung nicht innerhalb von sechs Monaten, kann ein neuer Asylantrag gestellt werden. Das heißt, diese Zeit des illegalen Aufenthalts wird durch das Kirchenasyl überbrückt. Die Kosten für den Unterhalt der Flüchtlinge trägt die Kirchengemeinde. Kirchenasyl wird gewöhnlich nur gewährt, wenn eine Gefahrensituation für den Menschen besteht und der Asylantrag Aussicht auf Erfolg hat. Huber: „Sonst würde man es ja nur verzögern.“

Helfer gesucht

Wer die evangelische Gemeinde unterstützen möchte, kann sich ans Pfarramt, Telefon 0 80 42/24 63, wenden. Es hat Dienstag und Mittwoch von 8.30 bis 12 Uhr geöffnet. Der Gottesdienst am Sonntag beginnt um 9.30 Uhr.

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