Justitia im Gericht
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Nachdem eine Zehnjährige während einer Skifreizeit ins Krankenhaus musste, mussten sich drei Betreuerinnen vor Gericht verantworten.

Verhandlung am Amtsgericht

Kind (10) erleidet Blinddarmdurchbruch bei Skifreizeit: Betreuerinnen stehen vor Gericht

  • vonRudi Stallein
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Mit einer Not-Operation endete für eine damals zehnjährige Schülerin aus München im Februar 2020 eine Skifreizeit in Lenggries. Das Mädchen hatte einen Blinddarmdurchbruch erlitten, kam aber erst am nächsten Tag in die Klinik. Wegen des Vorfalls mussten sich nun eine Sozialpädagogin (41), eine Sozialarbeiterin (28) sowie eine ehemalige Erzieherin (71) vor dem Wolfratshauser Amtsgericht verantworten.

Lenggries/Wolfratshausen - Die Staatsanwaltschaft legte den Frauen „fahrlässige Körperverletzung durch Unterlassen“ zur Last – alle drei wurden am Ende aber freigesprochen.

Laut Anklage soll das Mädchen bereits in den Tagen vor dem Skiausflug zum Brauneck, der vom 21. bis 23. Februar 2020 stattfand, über Bauchschmerzen geklagt haben. Am 22. Februar sollen die Schmerzen besonders heftig gewesen sein. Die Zehnjährige nahm damals noch am nachmittäglichen Skikurs teil, erbrach sich aber in der Nacht. Doch erst am nächsten Tag, als die Schülerin auf Anraten der Skilehrerin den Kurs abbrach, waren zwei Betreuerinnen mit ihr in die Klinik nach Tölz gefahren. Das Gericht hatte nun zu klären, ob die Beschuldigten zu spät und damit falsch gehandelt hatten.

Mädchen klagte über Schmerzen, nahm dann aber am Skikurs teil

Die Sozialpädagogin schilderte detailliert den Ablauf des Wochenendes. Sie bestätigte, dass das Mädchen an jenem Samstag zunächst über Bauchschmerzen geklagt, aber dennoch auf eigenen Wunsch am Skikurs teilgenommen habe. „Da zeigte sie keine Auffälligkeiten“, berichtete die 41-Jährige. Nach der Rückkehr habe es Erdbeeren mit Sahne gegeben, später zum Abendessen Fleischpflanzerl mit Kartoffelpüree und roter Soße.

Erst als es danach Zeit zum Schlafen gewesen sei, waren die Bauchschmerzen plötzlich wieder ein Thema gewesen. „Sie hat geschrien“, erinnerte sich die Angeklagte. Während sie mit der Mutter telefoniert habe, um abzuklären, welche Medikamente man ihr geben dürfe, habe sich das Mädchen übergeben. Beim Fiebermessen habe man nur „leicht erhöhte Temperatur“ festgestellt. Dann habe sie „die ganze Nacht durchgeschlafen“.

Zehnjährige erleidet schwere Blutvergiftung

Als die Schülerin am nächsten Morgen erklärte, es gehe ihr besser, habe man vermutet, dass sie am Vortag vielleicht einfach zu viel gegessen habe. „Aber sie war blass, man hat gesehen, dass sie nicht ganz fit war“, so die Pädagogin. Deshalb habe man, als sie nach der Rückkehr vom Skikurs erneut über Schmerzen klagte und sich den Bauch hielt, entschieden: „Wir warten nicht mehr ab, wir fahren jetzt ins Krankenhaus.“

Keine Minute zu spät, wie der behandelnde Oberarzt Dr. Marc Krumrey, der in der Verhandlung als Gutachter auftrat, bestätigte. „Das Mädchen war schwer krank. Sie hatte eine schwere Blutvergiftung. Wenn nichts unternommen worden wäre, wäre sie gestorben.“ Obwohl eine sehr häufige Erkrankung, sei ein Blinddarmdurchbruch schwer zu diagnostizieren“, erläuterte der Chirurg. Zwar habe die Zehnjährige klassische Symptome gezeigt, die aber von den Betreuerinnen nachvollziehbar fehlinterpretiert worden seien.

„Aus medizinischer Sicht kann man den Angeklagten keinen Vorwurf machen“, erklärte ein Arzt

Der Schrei am Abend sei ein Hinweis darauf, dass der entzündete Anhang des Darms (Appendix) geplatzt sei. Danach gehe es oft kurzfristig besser, so der Mediziner. Das Erbrechen und der Schlaf in der Nacht wiege in Sicherheit und bestätige einen meist in der Meinung, dass es sich um eine Magen-Darm-Grippe gehandelt habe. „Aus medizinischer Sicht kann man den Angeklagten keinen Vorwurf machen“, erklärte der Arzt.

Für die Betreuerinnen war erschwerend hinzugekommen, dass das Mädchen, wie es in der Verhandlung bestätigte, die Schmerzen zeitweilig heruntergespielt hatte: „Ich habe erst mal nichts gesagt, weil ich mit den anderen Kindern spielen wollte.“ Der Zehnjährigen fiel es sichtlich schwer, in Gegenwart ihrer Erzieherinnen, die auch heute „immer noch für mich da sind“, von dem Vorfall zu erzählen. „Man hätte ihr Schmerzen ersparen können, das weiß man heute“, sagte Staatsanwalt Marco Heim.

Freispruch für alle drei Angeklagte

Zum damaligen Zeitpunkt sei dies anders gewesen. „Es ist klar, dass man bei einer Skifreizeit nicht mit jedem Wehwehchen zum Arzt fährt“, so der Anklagevertreter. „Deshalb ist ihnen nicht vorwerfbar, dass sie am Samstag nichts unternommen haben.“

Richter Helmut Berger folgte dem Antrag des Staatsanwalts sowie der drei Verteidigerinnen und sprach die Angeklagten frei.

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