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Neue Aufgabe für Annette Ehrhart: Seit dem 1. Januar ist sie nicht mehr für den Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ tätig. Stattdessen engagiert sie sich für die Gemeinde als Ehrenamts-Koordinatorin.

Lenggrieser Asylbewerber 

„Kontakt zu Einheimischen könnte besser sein“

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Es gibt eine Personengruppe, die bereitet dem Lenggrieser Helferkreis Asyl Kopfzerbrechen. Und das sind junge Mütter mit Kindern. Warum dies so ist, erläutert Ehrenamts-Koordinatorin Annette Ehrhart.

Lenggries– Zwei Jahre war Annette Ehrhart als Ehrenamts-Koordinatorin beim Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ angestellt. Seit 1. Januar ist die Gemeinde ihr direkter Arbeitgeber. Ihre Aufgabe ist dieselbe geblieben: alle im Bereich Asyl aktiven Gruppen zusammenbringen und richtig vernetzen.

Insgesamt sind in den Lenggrieser Asylbewerber-Unterkünften laut Ehrhart 103 Menschen untergebracht. Der Großteil (45) sind Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen nehmen an Integrationskursen teil: „Die Ansprüche und das Tempo sind hoch“, berichtet Ehrhart. „Es ist ein Level wie in der Schule, in der man auch nicht auf jeden Einzelnen Rücksicht nehmen kann.“ Dabei habe jeder Asylbewerber eine andere Motivation, andere Talente und andere Erlebnisse zu verarbeiten.

Die Folgen davon bekommt der Helferkreis zu spüren: „Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe sind die Hauptaufgabe der Helfer.“ Und die seien „manchmal am Verzweifeln“. Es gehe in den Kursen nicht nur um Sprache, sondern auch viel um Gesellschaftspolitik. „Zum Teil sind das wirklich anspruchsvolle Aufgaben“, sagt Ehrhart. Beispielsweise wenn es darum geht, alle Bundeskanzler und Bundespräsidenten aufzuzählen: „Da gibt’s oft auch Aha-Erlebnisse für uns.“

Das Problem seien junge Mütter mit Kleinkindern, die an solchen Kursen nicht teilnehmen können, da es kaum Angebote für Kleinkinder-Betreuung gibt: „Jeder, der ein Baby hat, weiß, wie die Situation ist“, sagt Ehrhart. „Wenn man zwei oder drei kleine Würmchen daheim hat, ist es noch schwieriger.“ Die Bundesagentur für Arbeit versuche zwar immer wieder einzuhaken: „Aber das ist schwierig.“ Der Helferkreis biete Sprachkurse für diese Mütter an, teilweise mit professionellen Lehrern. Doch diese kosten Geld. Finanziert werden sie über ein Spendenkonto der evangelischen Kirchengemeinde.

Ebenfalls gut beschäftigt ist der Helferkreis mit den 45 Kindern und Jugendlichen in Lenggries. Für sie bieten die ehrenamtlichen Helfer Vorlese- und Filmnachmittage sowie kleine Ausflüge an. So sollen die unter 18-Jährigen an die deutsche Sprache herangeführt werden.

Bei etlichen Asylbewerbern macht die Integration gute Fortschritte. Insgesamt 30 Asylbewerber sind aus den Statistiken herausgefallen, weil sie als Flüchtlinge anerkannt wurden, arbeiten und eine Wohnung gefunden haben. Hinzu kommen weitere zwölf Asylbewerber, die noch in Unterkünften leben und ebenfalls eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle gefunden haben – unter anderem als Landschaftsgärtner, Küchenhilfe oder Elektriker.

Doch damit ist der Integrationsprozess noch längst nicht abgeschlossen: „Viele beklagen sich, dass der Kontakt zu den Einheimischen besser sein könnte“, sagt Ehrhart. So habe der Helferkreis beispielsweise einen Mutter-Kind-Treff eingerichtet, an dem bislang noch keine Einheimischen teilgenommen haben. „Es wäre auch schön, wenn Mütter mit Kindern aus der Kaserne jemanden hätten, mit dem sie einfach mal spazieren gehen können.“ Einige Zuhörer im Erzählcafé, wo Ehrhart jüngst zu Gast war, schlugen vor, dass der Helferkreis und die Asylbewerber stärker an die Vereine herantreten sollen.

Trotz allem könne man die Stimmung in den Unterkünften nicht als schlecht bezeichnen, sagt Ehrhart. „Im Gegenteil, es ist bewundernswert, wie gut es die Leute schaffen, ihr Leben zu meistern und sich gegenseitig zu stützen.“ Natürlich habe jeder, der schon mal zwei Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft gelebt hat, den Wunsch nach eigenen vier Wänden: „Irgendwann will man sich das Zimmer einfach nicht mehr mit Leuten teilen, die einem fremd sind.“

Auch wenn die Helfer schon lange gefordert sind, bleibt ihre Zahl bei 50 weitgehend konstant. Manche nähmen sich allerdings eine Auszeit, wenn sie zwei Jahre lang die Patenschaft für einen Asylbewerber übernommen haben: „Es ist normal und richtig, dass sie den Kopf mal frei kriegen wollen.“ Sie seien nicht dauerhaft weg. Ehrhart: „Wenn man sie anruft, weil man Hilfe braucht, sind sie sofort wieder da.“ Nur einen Wunsch hat sie: dass sich mehr junge Leute projektbezogen engagieren.

Asyl-Spendenkonto

Damit der Helferkreis weiter Sprachkurse für Asylbewerber anbieten kann, benötigt er Spenden. Geld kann auf folgendes Konto überwiesen werden: Evangelische Kirchengemeinde, IBAN 34 7005 4306 0240 0242 40, Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen. Weitere Informationen gibt es bei Annette Ehrhart unter Telefon 0 80 42/5 00 81 71. Erreichbar ist sie im Rathaus montags und mittwochs von 9 bis 13 Uhr sowie dienstags und donnerstags nach Terminvereinbarung.

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