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Bei der Mittagsrast in der Bärengrube erklärte AVO-Chef Georg Mair (2. v. re.) die Bergwelt. Im Hintergrund zu sehen sind (v. re.) der Steig zur Delpsalm sowie Fleischbank, Hölzelstaljoch und Grasbergjoch.

AVO-Lehrfahrt im Karwendel

Lärchkogelgebiet: „Eine der schönsten Almen, die wir haben“

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Wie hat sich Almwirtschaft verändert? Welche Herausforderungen gibt es und welche Lösungsansätze? Das waren die zentralen Fragen einer Lehrfahrt ins Lärchkogelgebiet. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern (AVO) hatte dazu am Mittwoch eingeladen.

Lenggries – In zwei Bussen wurden die 100 Teilnehmer ein Stück ins Bächental gefahren. Unterhalb des Lärchkogel-Niederlegers ging es dann zu Fuß weiter. „Wir haben schon öfter Lehrfahrten ins Ausland gemacht“, erklärte AVO-Geschäftsführer Michael Hinterstoißer. „Aber wir haben hier bei uns ja auch etwas zum Herzeigen.“ Das Lärchkogelgebiet wird von acht Bauern bewirtschaftet. Es sei ein Beispiel „für mustergültige Almbewirtschaftung“, erklärte Hinterstoißer.

Einer der Almbauern ist AVO-Chef Georg Mair. Er stellte das Gebiet vor und ging auf Allgemeines ein. Ein „gewichtiges Thema“ ist beispielsweise der jährliche Verlust von Almflächen. Im Schnitt liege der pro Jahr bei 100 bis 150 Hektar. 2016 aber gingen „570 Hektar verloren. Das geht an die Substanz.“ Steuere man hier nicht gegen, „schaffen wir uns selbst ab“, sagte Mair.

Klimawandel lässt Vegetation üppiger wachsen

Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus dem Lärchkogelgebiet: Gemeinsam mit dem Tölzer Forstbetrieb der Bayerischen Staatsforsten wurde auf einem Areal der Baumbestand deutlich reduziert und die Weidefläche so wieder hergestellt. Auch mit anderen Forstbetrieben seien derartige Kooperationen sicherlich möglich. „Nehmt’s Kontakt auf“, riet der AVO-Vorsitzende. Dass die Zusammenarbeit gut ist, bestätigte Rudolf Plochmann, Leiter des Tölzer Forstbetriebs. Manchmal gehe es zwar „um ein gegenseitiges Abtasten der Grenzen“, aber generell „haut das schon hin. Wir bewirtschaften die Gebiete ja gemeinsam“.

220 Stück Hornvieh und 20 Pferde dürfen am Lärchkogel aufgetrieben werden. Das sei mittlerweile eigentlich zu wenig, um dem Bewuchs Herr zu werden, sagte Mair. „Der Klimawandel schreitet voran, die Vegetation wird üppiger.“

Wurden früher vor allem Milchkühe aufgetrieben, steht heute nur noch Jungvieh auf den Almen.

War früher die personalintensive Milchviehhaltung auf Almen normal, wird heute nur noch Jungvieh aufgetrieben. Und das sei bei den Versteigerungen begehrt, erklärte Dr. Franz Gasteiger, Zuchtleiter beim Miesbacher Zuchtverband. Almtiere würden erwiesenermaßen älter und könnten problemlos in jedes Stallsystem integriert werden. „Älpung wird bei Käufern daher sehr positiv gesehen“, so Gasteiger.

Zentrales Thema auf jeder Alm ist die Wasserversorgung. „Eine Wasserstelle reicht nicht aus“, sagte Mair. Am Lärchkogel setzen die Almbauern auf Stahlwannen, die aus auseinandergesägten Gastanks bestehen. „Sie sind aus hochwertigem Stahl, den es im Winter nicht verbiegt, und sie sind absolut geschmacksneutral.“ 29 Stück stehen im gesamten Almgebiet. 1000 bis 2000 Liter Wasser fasst jede Wanne.

Bis zu 400 Pflanzenarten gefunden

Dass Almbewirtschaftung und Naturschutz alles andere als Gegensätze sind, betonte Hinterstoißer. Und Joachim Kaschek von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt widersprach nicht. Im Vorfeld des Ludernweg-Baus seien die vorkommenden Pflanzenarten untersucht worden. „Ökologisch ist das hier ein Top-Vorzeigemodell“, sagte Kaschek. Man könne am Lärchkogel von 350 bis 400 Pflanzenarten ausgehen. „Und wenn man bedenkt, dass an jede Art etwa zwei bis drei Tierarten gebunden sind, ist das hier wirklich ein Supergebiet.“ Gerade an den Rändern, wo Weide in Wald übergeht, würden einige extrem seltene Arten wie der Gelbringfalter leben. Kaschek: „Das hier ist eine der schönsten und vielfältigsten Almen, die wir haben.“

Ergänzt wurden die Fachvorträge von Anekdoten, die die Austragler Georg Wasensteiner sen. (Eham) und Josef Gerg (Kohlhauf), erzählten. Zum Ausklang gab’s dann am Niederleger noch eine Brotzeit, Kaffee und Kuchen. Und Michael Hinterstoißer befand: „Es war eine wunderbare Tour. Heute hat man sich viel abschauen könne, wie man Almwirtschaft nachhaltig betreibt.“

Almpflegetag des AVO im Lärchkogel-Almgebiet

Weitere Informationen zum Lärchkogel-Almgebiet:

Das Almgebiet liegt im Naturschutzgebiet Karwendel/Karwendelvorgebirge. Es besteht aus Berechtigungsflächen in Bayern sowie Berechtigungs- und Eigentumsflächen in Österreich. Bewirtschaftet wird es von acht Landwirten aus Lenggries und Gaißach. Jedes Jahr wird ein anderer zum Hauptbauern bestimmt, der unter anderem die Gemeinarbeiten koordiniert.

 Auf bayerischer Seite werden 759 Hektar bewirtschaftet, davon 271 Hektar Lichtweide und 488 Hektar Waldweide. 160 Hektar Waldweide wurden 1991 bei der Trennung von Wald und Weide aufgegeben. Ersatzflächen entstanden durch Rodungen am Stierschlag, außerdem begann die Wiederbeweidung des Kotzen-Hochlegers. Der war zuvor mindestens 30 Jahre lang nicht mehr bewirtschaftet worden, wie Almbauer Georg Mair erläuterte. „Wir waren einige Jahre mit Schwenden und Latschenschneiden beschäftigt. Heute präsentiert sich die Fläche hervorragend.“ 25 Stück Jungvieh und zwei Pferde sind dort aufgetrieben. Erreichbar ist der Hochleger nur zu Fuß über den Serpentinensteig von Ludern aus.

 Die österreichische Fläche umfasst 181 Hektar. 

Die Weidezeit geht von 1. Juni bis 29. September. Die Weideflächen erstrecken sich vom Stierschlag auf 900 Metern Höhe bis zum Stierjoch (1900 Meter). Es gibt 14 Almhütten ohne Ausschank.

 In den 60er-Jahren wurde die Straße von der Dürrach bis zum Stierschlag gebaut. Den Weiterbau bis zum Niederleger verweigerten die Behörden. Erst sollte die Trennung von Wald und Weide vollzogen werden. Tatsächlich dauerte es fast 25 Jahre, bis die letzten 2,5 Kilometer Fahrweg Mitte der 90er-Jahre gebaut werden konnten. 2014/15 erfolgte die Verlängerung (1,6 Kilometer) bis Ludern. Dazu gibt es zwei Quad-befahrbare Steige Richtung Lärchkogel-Hochleger und Delps.

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