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Zuhören, erfahren, verstehen l autete das Motto des Waldkirchenforums. Neben den Zeitzeugen (v. li.) Kerstin Laugk und Mandy Scholz gab es einige Wortmeldungen aus dem Publikum, wie etwa von Ines Graf-Paul (re.)

Diskussion beim Waldkirchenforum in Lenggries

30 Jahre nach dem Mauerfall: Katastrophe oder Befreiungsschlag ?

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Für den einen stellte der Fall der Mauer eine „Katastrophe“ dar, die andere empfand die Wende als Befreiungsschlag. Beim Waldkirchenforum in Lenggries wurde lebhaft diskutiert.

Lenggries –  Beim Waldkirchenforum in Lenggries zum Thema „30 Jahre nach der Wende – So war das für mich“ wurden vor allem zwei Aspekte deutlich: wie unterschiedlich Zeitzeugen das historische Ereignis bewerten – und wie viel Redebedarf auch heute noch zu diesem Thema besteht.

Die spontane Wortmeldung von Ines Graf-Paul aus Bad Tölz etwa entwickelte sich zu einem mehrminütigen, aber sehr kurzweiligen Monolog über die Erfahrungen der 53-Jährigen mit dem DDR-Regime und einer komplett neuen Welt nach der Wende. Aufgewachsen nördlich von Magdeburg und später in Leipzig, gefiel Graf-Paul zwar das Gemeinschaftsgefühl als Mitglied bei den „Jungen Pionieren“. Doch je älter sie wurde, desto größer wurde ihre Ablehnung: „Die Stasi war eigentlich überall“, sagte Graf-Paul. „Egal, wo man hinging: Man musste immer aufpassen, was man sagt.“ Ein Freund von ihr, der kritische Lieder schrieb und sang, bekam nicht nur keinen Job. „Sie zogen ihm einen Sack über den Kopf, fuhren mit ihm in den Wald und taten so, als wollten sie ihn töten.“

Westdeutschland empfand Graf-Paul nach dem Mauerfall als eine komplett andere Welt: „Die ganzen Farben, die Werbung und die vielen Eindrücke waren überwältigend und verursachten mir Kopfschmerzen.“ Das Freiheitsgefühl aber sei unbeschreiblich gewesen: Endlich konnte man sagen und machen, was man wollte. „Es war wie der Ausbruch aus einem riesigen Gefängnis.“

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Ganz anders der Wortbeitrag eines weiteren Zuhörers: „Die Wende war eine Katastrophe, das Schlimmste, was mir hätte passieren können“, sagte der ältere Herr sichtlich bewegt. „Alles, was ich in den 47 Jahren vorher erlebt und erarbeitet hatte, wurde plötzlich zerstört, weil einige wenige das große Geschäft machen wollten.“ Laut Moderatorin Barbara von Uthmann hätte es den Rahmen der 90-minütigen Veranstaltung gesprengt, die Hintergründe zu dieser Wortmeldung zu erklären. Aber es zeige, dass man viel mehr zuhören müsse – „auch um zu verstehen, was heute vor sich geht“.

Deutlich positiver fielen die Erinnerungen aus, die die Wahl-Lenggrieserinnen Kerstin Laugk und Mandy Scholz mit dem Publikum teilten. Geboren 1973 in Thüringen, genoss Scholz die Möglichkeiten, die ihr eine Mitgliedschaft bei der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) oder den „Jungen Pionieren“ eröffneten. „Nicht wegen des Idealismus dahinter, sondern wegen den gemeinsamen Unternehmungen.“ Dass sie 1989 nach Abschluss der zehnten Klasse nicht weiter zur Schule gehen durfte, um das Abitur zu machen, habe sie zwar geärgert. „Aber ich habe das so hingenommen, obwohl ich gute Noten hatte.“ Das Problem: Ihre Religionszugehörigkeit und eine Mutter und ein Vater, die „nicht so ganz ins System passten“.

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Im Gegensatz zu Scholz hatte Laugk keinen Spaß an der Mitgliedschaft in den staatlichen Jugendorganisationen.

Trotzdem habe sie nie das Gefühl gehabt, eingesperrt zu sein. „Ich bin in diese Zeit reingewachsen.“ Wäre sie fünf Jahre älter gewesen – Laugk ist Jahrgang 1974 – wären die Brüche im Lebenslauf durch die Wende vielleicht größer gewesen, wenn etwa die Ausbildung nicht anerkannt worden wäre.

Eine ihrer ersten Erfahrungen mit Westdeutschland fiel enttäuschend aus, schilderte sie auf Nachfrage von Barbara von Uthmann. Voller Erwartungen hatte sie sich ihre erste Dose „Sprite“ gekauft, nur um dann festzustellen: „Die schmeckte nicht anders als unsere Zitronenlimonade.“ Inzwischen genieße sie die Freiheiten, in einer Demokratie zu leben, aber sehr. In diesem Zusammenhang mahnte ein Mann aus dem Publikum zu mehr Mut und Anstand, damit diese Freiheiten erhalten blieben: „Wir müssen aufpassen, dass uns der Laden nicht um die Ohren fliegt.“ 

Thomas Fritzmeier macht gerne mal was Neues.Jetzt macht der Tölzer etwas, das noch niemand vor ihm gemacht hat. Es hängt mit dem Ojos de Salado zusammen, dem höchsten Bergsee der Welt. Und einem Stand-up-Paddelbord.

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