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Die Nacht, als das Wasser kam: Familie aus Dernau spricht über Flutkatastrophe

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Von: Veronika Ahn-Tauchnitz

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Familie Gieler aus Dernau verbringt gerade eine Woche in Lenggries. Begrüßt wurden sie von (v. li.) Bürgermeister Stefan Klaffenbacher, Tourist-Info-Leiterin Maria Bader, TI-Mitarbeiterin Natalia Glaser und Brauneckhotel-Direktor Christoph Seitz (re.). Er wurde von Winzer Gerhard Gieler noch mit einer Flasche Flutwein überrascht. © Krinner

Familie Gieler aus Dernau erlebte die Flutkatastrophe im Ahrtal. Ihr Haus ist immer noch unbewohnbar. Im Rahmen der Aktion „Lenggries hilft“ darf die vierköpfige Familie im Brauneckdorf Urlaub machen und einmal durchatmen.

Lenggries – Ein Nachthemd, Unterwäsche, Hausschuhe und ein Kuscheltier. Das war alles, was Anna (7) am 15. Juli 2021 noch hatte. In der Nacht zuvor hatte sich die Ahr in einen todbringenden Strom verwandelt und das Tal geflutet. Einer der mit am schwersten betroffenen Orte der Hochwasser-Katastrophe war die 1800-Einwohner-Gemeinde Dernau, die Heimat von Anna, ihrem Bruder Johannes (12) und ihren Eltern Kathrin und Gerhard Gieler. Die vier verbringen seit Sonntag auf Einladung des Brauneckhotels eine Woche Urlaub in Lenggries, um einmal durchschnaufen zu können.

Über 40 Vermieter bieten kostenlose Urlaube für Flutopfer an

Vermittelt wurde das Ganze im Zuge der Aktion „Lenggries hilft“ von der Gemeinde und dem Tourismusverein, der auch die Verpflegung übernimmt. Mehr als 40 Vermieter hätten sich seinerzeit nach dem Aufruf gemeldet und Betroffenen aus dem Flutgebiet angeboten, bei ihnen einen kostenlosen Urlaub zu verbringen, sagt Bürgermeister Stefan Klaffenbacher. „Eine Familie war schon da, die nächste kommt im April“, sagt Maria Bader, Leiterin der Tourist-Info. „Wir haben die Aktion gerne unterstützt“, ergänzt Hoteldirektor Christoph Seitz.

Das Haus in Dernau ist nach wie vor unbewohnbar

Gielers können die Auszeit gut brauchen. Ihr Haus in Dernau ist nach wie vor unbewohnbar. Es gibt keine Heizung, keinen Strom. Handwerker seien schwer zu bekommen, dazu müssen laufend Verhandlungen mit der Versicherung geführt werden. „Wir hoffen, dass wir Weihnachten wieder zurück können“, sagt Gerhard Gieler. Bis dahin ist die Familie auf 68 Quadratmetern in seinem Elternhaus untergekommen.

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Etwa 200 Meter wohnen Gielers von der Ahr entfernt – „auf ansteigendem Gelände“, sagt der Gärtner und Winzer. Wasser im Keller habe es schon mal gegeben – „durch das Grundwasser, nicht durch die Ahr“, erklärt er. Das Ausmaß der Katastrophe in der Nacht zum 15. Juli – „das hat sich hier keiner vorstellen können“, ergänzt Ehefrau Kathrin.

Noch am Nachmittag versucht Gerhard Gieler, das Haus mit Sandsäcken zu sichern

Noch am Nachmittag des 14. Juli ist Gerhard Gieler – er ist bei der Feuerwehr – unterwegs, um Sandsäcke zu besorgen. Der heftige Regen hat zu diesem Zeitpunkt den Fluss schon deutlich ansteigen lassen. Gieler sichert das eigene Haus und versorgt mit seinen Kameraden auch andere Hausbesitzer. Um 19.30 Uhr bittet er seine Frau darum, Essen zu kochen, „weil klar war, dass der Strom irgendwann ausfallen wird“, schildert er. Wenig später dringt das erste Wasser ins Haus ein. Kathrin Gieler schafft es noch, die Kinder zu Nachbarn zu bringen, die etwas höher gelegen wohnen. Ihr Mann rettet den Traktor, doch das Auto steht schon zu weit im Wasser.

In der Nacht sitzt das Ehepaar irgendwann im Obergeschoss fest

Der Pegel der Ahr steigt unaufhaltsam. Irgendwann in der Nacht sitzen Gielers im Schlafzimmer im Obergeschoss fest. Die Räume darunter sind vollgelaufen. „Was wir gemacht hätten, wenn das Wasser noch weiter gestiegen wäre – darüber habe ich erst drei, vier Tage später nachgedacht“, sagt Kathrin Gieler. Doch bevor das Wasser den oberen Stock erreicht, ist der Scheitelpunkt überschritten. Die Ahr zieht sich langsam zurück – und nimmt vieles an Hab und Gut mit. „Ich habe kein einziges Foto mehr von meinen Eltern“, sagt Gerhard Gieler. „Was im Wohnzimmerschrank war, das ist alles weg.“ Anna habe aber am meisten verloren, ergänzt seine Frau. „Alle Anziehsachen, das ganze Spielzeug.“

Zurück blieben Trümmer, stinkender Schlamm und beschädigte Häuser

Zurück ließ die Ahr Trümmer, unrettbar beschädigte Häuser und stinkenden Schlamm, durchsetzt mit Fäkalien und Heizöl. „Als Erstes haben wir mit meinem Traktor die Autos weggezogen, um die Straße frei zu machen“, erinnert sich der Dernauer. Dann sei auch schon die Bundeswehr gekommen. Wenig später trafen die ersten Freiwilligen in Dernau ein. „Die Hilfe war unbeschreiblich“, sagt Kathrin Gieler. „Und es soll noch einmal jemand über die jungen Leute schimpfen – die haben bis zuletzt gekämpft. Das war der Wahnsinn“, sagt sie.

Kinder lernen Skifahren am Brauneck

Ende Oktober verbrachte die Familie vier Tage im Münsterland – bei den freiwilligen Helfern, die bei ihnen in Dernau mit angepackt hatten. Viele Gespräche drehten sich um die Katastrophe. Hier in Lenggries gibt es mehr Abstand zum Geschehen. „In Dernau schau ich aus dem Fenster und denke mir: Es war tatsächlich kein Traum. Hier schau ich raus, und alles ist schön“, sagt Kathrin Gieler. Noch bis Sonntag bleiben sie im Brauneckhotel. Für Anna und Johannes stand schon Anfang der Woche eine Premiere auf dem Programm: Am Jaudenhang lernten beide Skifahren.

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