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Lenggries: Neue Kletterroute am Gamsjoch für Profis entdeckt

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Ralf Sussmann auf der neuen Kletterroute in der Nordwestwand des Gamsjoches.
Ralf Sussmann auf der neuen Kletterroute in der Nordwestwand des Gamsjoches. © privat

Der Extremkletterer Ralf Sussmann entdeckte jüngst eine neue Kletterroute am Gamsjoch. Diese ist allerdings nichts mit dem Schwierigkeitsgrad 8+ absolut nichts für Ungeübte.

Hinterriß/Lenggries – Bei der Suche nach lohnendem Qualitätsfels im ansonsten überwiegend ziemlich brüchigen Karwendelgebirge ist der in Murnau ansässige Extremkletterer Ralf Sussmann erneut fündig geworden. In der Nordwestwand des Gamsjoches hat er in anstrengender Ferienarbeit mit dem Akkubohrer eine Neutour eingerichtet, die mittels ausschließlich von unten gebohrter Standplätze und zahlreicher Zwischenhaken solide abgesichert ist. „Ich schaue immer darauf, wo in einer Wand das Wasser runterkommt. Genau dort ist der Schotter rausgeräumt und der Fels bombenfest“, erklärt Sussmann, wie er seine Routen findet. „Die eingebrachten Haken in der Wand dienen ausschließlich der Absicherung und werden beim Freiklettern nicht zur Fortbewegung genutzt“, stellt er zudem klar. Solchermaßen abgesichert, sei die neue Route im Schwierigkeitsgrad 8+ bei entsprechendem Können „sehr abwechslungsreich und auch nicht gefährlich“.

„Die Freuden des Sisyphos“

Am 18. August hat der 50-Jährige die Route zusammen mit Martin Krause erstmalig durchstiegen und am 2. September deren erste freie Begehung gemeistert. Kaum hatte er die Route auf seine Webseite gestellt, waren es dann zwei Lenggrieser Kletterer, die sich schon am 5. September die erste Wiederholung gesichert haben.

Sussmanns zahlreiche Neutouren führen durch senkrechte, bislang unbegangene und sehr kompakte Wandbereiche hinauf, die andere Kletterer zuvor entweder schlicht übersehen oder es nicht für möglich gehalten hatten, dass man dort überhaupt klettern kann. Im Fall der Nordwestwand des östlichen Vorgipfels – der eigentlich nur eine markante Schulter im langen Gipfelgrat des Gamsjoches ist – muss das aber doch irgendwie verwundern: Zu verlockend leuchtet diese lotrechte, helle Felsmauer seit jeher über dem Grün und den öden Schuttkaren des Laliderertals in der Abendsonne.

Route ist nichts für Gehfaule oder Ungeübte

Mit seiner Vorliebe für Motive aus der altgriechischen Mythologie hat der Physiker Sussmann seine neue Route mit „Die Freuden des Sisyphos“ benannt. Richtig: Es geht um jenen Sisyphos, der sich zeitlebens vergebens damit herumquälte, einen zentnerschweren Felsbrocken den Berg hinaufzuwuchten. Sussmann nimmt Bezug auf eine literarische Umdeutung von Albert Camus aus dem Jahr 1942, der in dieser Schinderei auch „die verborgene Freude des Sisyphos“ entdeckte. „Auch Klettern ist für mich eine Form von Schinderei, die ein Glücksgefühl erzeugen kann“, sagt Sussmann. Seine Kletterleidenschaft ist freilich keine Geschichte permanenten Scheiterns.

Einen kleinen Nachteil hat die spektakuläre neue Kletterroute doch, denn sie ist weder etwas für Gehfaule noch für Ungeübte: Die Eintrittskarte zum Kletterspaß erwirbt man sich erst mit einem mehrstündigen 1000-Meter-Zustieg, der „weglos, äußerst mühsam und auch nur sehr schwierig zu finden ist, allerdings in eine großartig wilde Landschaft in vollkommener Einsamkeit führt“, betont Sussmann. Die Kletterlänge der neuen Route beträgt 380 Meter, die sich auf elf Seillängen im siebten bis oberen achten Schwierigkeitsgrad verteilen.

Sussmann spricht begeistert von einer „eleganten senkrechten Wandkletterei an teils wasserzerfressenen Erosionsstrukturen und glattgeschliffenen Platten“. Er habe die Route so eingerichtet, dass man sie komplett wieder abseilen kann. Es bestehe aber auch die Möglichkeit, über den Verbindungsgrat mit einer kurzen Unterbrechungsstelle im dritten Grad zum Wandergipfel des Gamsjoches hinüber zu queren.

Im Zeitalter eines ausgefeilten Klettertrainings in der Halle gibt es heute immer mehr leistungsstarke Alpinisten, welche die entsprechende Klettertechnik und Athletik für so ein Unternehmen mitbringen. Kaum hatten die beiden Extremkletterer Sebastian Brandhofer aus Lenggries und Simon Ehrtmann aus Schlegldorf von Sussmanns Neutour erfahren, machten sie sich am 5. September zusammen mit ihrem Bergfreund Max Heinl aus dem Ostallgäu selbst auf den Weg. Und sie schafften den Durchstieg auf Anhieb „onsight“, also auf Sicht im ersten Versuch. Brandhofer äußerte sich danach voller Anerkennung für Sussmann: „Wir waren vor zwei Jahren schon mal da oben, um die Wand für eigene Schandtaten zu checken. Wie immer perfekt eingerichtet und bestes Ambiente. Sehr lohnend.“ (R. Bannier)

Weitere Infos

Näheres zu Sussmans Neutour mit ausführlicher Beschreibung, Routengrafik (Topo) und vielen Bildern finden Interessierte auf seiner Webseite www.nordalpenklettern.lima-city.de

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