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Enge Verbindung: Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie besuchte Margit Kobler (li.) ihre Mutter Aug uste Fischer fast täglich im Pflegeheim.

Pflegeheime in der Corona-Krise

Leben heißt mehr, als den Tod fernzuhalten

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Wenn in der Öffentlichkeit die Auswirkungen des Corona-Lockdowns diskutiert werden, stehen die Bewohner von Pflegeheimen selten im Blickfeld. Eine Lenggrieserin schildert aus erster Hand, wie sich die aktuelle Lage auf sie und ihre demenzkranke Mutter auswirkt – und plädiert für ein Umdenken.

Lenggries – Ein regnerischer Tag im Mai. Die Temperatur liegt um die sechs Grad. Margit Kobler (69) und ihre Mutter Auguste Fischer (94) dürfen sich zum ersten Mal seit Wochen wiedersehen. Jetzt sitzen sie einander gegenüber – getrennt durch zwei Tische und eine Plexiglasscheibe. Trotz des unwirtlichen Wetters findet das Treffen auf der Terrasse statt. So sind die Regeln für einen Besuch im Pflegeheim. Die Mutter erkennt nicht, wer sich hinter dem Mundschutz verbirgt, versteht nicht, was diese Frau ihr sagen will. Nach kurzer Zeit steht die demenzkranke 94-Jährige auf und geht zurück ins Haus. Sie sagt nur: „Ja, seid’s Ihr narrisch?“

„Sterben die Menschen an Corona oder an Einsamkeit?“ Diese Frage hatte der renommierte Pflegekritiker Claus Fussek kürzlich in einem Interview mit dem Tölzer Kurier aufgeworfen. Damit trat er für kreative, menschliche Lösungen ein, um Bewohner von Pflegeheimen in der Corona-Krise nicht in der Isolation versinken zu lassen. Fussek forderte, ihnen mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zuzugestehen. Mit seinen Worten verlieh der 67-Jährige vielen Menschen eine Stimme, die sonst kaum gehört werden.

Menschen wie Auguste Fischer und Margit Kobler. Die Tochter hat sich daraufhin entschlossen, die Sicht einer betroffenen Familie selbst aus erster Hand öffentlich zu schildern. Sie wolle niemanden anklagen, keinem eine Schuld zuweisen, wisse um den großen Einsatz der Pflegekräfte, sagt sie im Gespräch mit dem Tölzer Kurier immer wieder. Doch was durch die Abschirmung der Pflegeheime in der Corona-Krise passiere, das sei „der Schutz vor dem Tod um jeden Preis“ – aber eben nicht der Schutz eines menschenwürdigen Lebens.

Seit etwa drei Jahren lebt Auguste Fischer in einem Pflegeheim im Landkreis. Es gilt als vorbildlich geführte Einrichtung. Margit Kobler sieht sich dennoch in der Verantwortung für ihre Mutter, weiß, dass sie mehr braucht, als es ein Pflegeheim leisten kann.

Für Demenzkranke ist eine Kontaktaufnahme über Worte allein nicht möglich

An vier bis fünf Tagen in der Woche ist die Lenggrieserin in der Einrichtung zu Besuch, bleibt in der Regel drei Stunden. Eine Weile dauert es dann immer. Die Mutter ist erst aufgeregt, redet wirr. „Aber dann kommt sie irgendwann im Hier und Jetzt an.“ Dann ist ihre Freude offensichtlich. „Sie will allen erzählen, dass sie Besuch hat.“

Demenzkranke „versinken in Vergessenheit“, sagt Margit Kobler. „Aber es ist kein gnädiges Vergessen, es ist ein grausames Vergessen.“ Ein kurzer Moment des Wiedererkennens und der Wertschätzung, das Gefühl, geliebt zu werden: Das sei, „wie wenn man einem Ertrinkenden die Hand reicht“.

Die Lenggrieserin schließt auch die anderen Bewohner auf der Station ins Herz, singt nach dem Abendessen zusammen mit ihnen. „Da machen auch Menschen mit, die sonst kein Wort mehr herausbringen.“

Am 13. März kommt Margit Kobler am Pflegeheim an – und steht vor verschlossener Tür. Es gilt nun ein Besuchsverbot, um die Bewohner vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. „Dass der Staat am Anfang eingegriffen hat, war lebensrettend“, zeigt die 69-Jährige Verständnis für die Maßnahme. Auf Isolation zu setzen, bis man das Virus besser versteht, das sei im Katastrophenfall vorübergehend richtig gewesen.

Mittlerweile aber sind mehr als dreieinhalb Monate vergangen, in denen Mutter und Tochter der direkte menschliche Kontakt praktisch verwehrt bleibt. Einmal pro Woche sind anfangs Videotelefonate per Skype möglich. Ihre Mutter versteht nicht, dass die Frau auf dem Bildschirm tatsächlich live am anderen Ende der Leitung sitzt. „Die kenne ich, die kommt nicht mehr“, sagt Auguste Fischer und steht auf.

Ab Mitte Mai sind wieder Besuche möglich, unter strengen Auflagen. Margit Kobler hat nun maximal einmal pro Woche 20 Minuten Zeit, um – im Beisein einer Pflegekraft – mit der Mutter zu sprechen. Nach dem ersten Besuch bei Regen fällt der nächste Termin auf einen der heißesten Tage des Jahres. Man sitzt zweieinhalb Meter voneinander entfernt im Freien. Eine Verständigung kommt nicht zustande. „Für Demenzkranke“, sagt Margit Kobler, „ist eine Kontaktaufnahme über Worte allein, ohne ein Lächeln, ohne physischen Kontakt, einfach nicht möglich.“

Ende Juni treten in Bayern weitere Lockerungen bei den Besuchsregeln in Kraft. Margit Kobler erkundigt sich im Pflegeheim nach den neuen Bedingungen. Mit der Begründung, dass Demenzkranke die Hygienevorschriften nicht einhalten können, ändert sich offenbar bis auf Weiteres nichts. Die 69-Jährige weiß nicht, ob sie das ihrer Mutter unter diesen Umständen noch einmal antun soll. „Was nach so einem Besuch zurückbleibt, ist nur noch mehr Verwirrung, Verzweiflung und Verlassenheit.“

Meine Mutter würde sagen: Was, das tut Ihr uns an, um uns zu schützen?

Das Coronavirus ist gekommen um zu bleiben. In den Pflegeheimen aber kann es auf Dauer so nicht weitergehen, findet Margit Kobler. Ein „schnelles Umdenken“ sei jetzt nötig. Sie fühlt sich in der Verantwortung – und durch die strikten Besuchsregeln gleichzeitig entmündigt. „Ich trage meinen Mundschutz, habe mich praktisch in Quarantäne begeben und habe einen Lebensstil, dass ich wirklich sagen kann: Ich kann es verantworten, zu meiner Mutter zu gehen.“ Von ihr werde erwartet, dass sie dem Pflegeheim vertraue. „Aber das geht nur, wenn das Vertrauen beidseitig ist.“

Die pflegenden Angehörigen, die tatsächlich regelmäßig im Heim präsent seien, könne man „an einer Hand abzählen“. Es brauche jetzt Kreativität und Mut, um ihnen wieder einen echten Kontakt zu den Bewohnern zu ermöglichen. Margit Kobler plädiert dafür, genau hinzuschauen und abzuwägen. „Wenn meine Mutter einen guten Moment hätte, dann würde sie sagen: ,Was, das tut Ihr uns an, um uns zu schützen?“

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble habe Recht gehabt, als er sagte, dass der Schutz des Lebens nicht automatisch über allen anderen Grundrechten stehe. „Sie bedingen einander“, sagt Margit Kobler. „Es ist nicht damit getan, den Tod fernzuhalten, wenn dabei ein Leben in Würde auf der Strecke bleibt.“

Die 69-Jährige findet es „heroisch“, was sie Gesellschaft in der Corona-Krise geleistet hat. „Wir haben Freiheitsverluste in Kauf genommen, um die Schwächsten zu schützen, und sind jetzt selber erstaunt, was wir hingekriegt haben.“ Bei allen Schäden, die dabei entstanden sind, könne man nur hoffen, dass man sie wiedergutmachen kann. „Aber bei alten Menschen, die im letzten Abschnitt ihres Lebens sind, geht das nicht mehr.“

Von Heimleitungen sei jetzt zu hören, dass man sich in einem Dilemma befinde. „Aber wie kommt man raus aus der Zwickmühle?“, fragt die Lenggrieserin. „Nicht, indem man sagt: Wir brechen den Dialog ab und haben keine Antwort.“ Was jetzt nötig sei, das sei „Offenheit für Diskussionen“.

Wie sich Auguste Fischer jetzt fühlt: Die Tochter kann es schwer sagen. Vom Pflegepersonal hört sie: „Ihrer Mutter geht es gut, sie macht ihre Witze.“ Margit Kobler ist klar, dass das nur ein kleiner Teil der Wahrheit ist. „Ich weiß nicht, ob sie weiß, dass ich ihre Tochter bin. Aber ich weiß, dass sie den Kontakt, die Zuwendung, das Erkennen vermisst. Sie wird das als Verrat empfinden. Wie soll sie es sich sonst erklären, dass ich nicht mehr komme?“

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