Ein Selbstläufer: Bei der jüngsten Bürgerfahrt im Jahr 2019 waren die Plätze innerhalb von vier Tagen ausgebucht.
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Ein Selbstläufer: Bei der jüngsten Bürgerfahrt im Jahr 2019 waren die Plätze innerhalb von vier Tagen ausgebucht.

Deutsch-französische Verbundenheit

Lenggries und die bretonischen Gemeinden: 40 Jahre lebendige Partnerschaft

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
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Seit vier Jahrzehnten pflegt Lenggries die Partnerschaft mit fünf Gemeinden in der Bretagne in Frankreich. Die Kontakte sind lebendig wie eh und je - nicht nur in der Familie von Christelle Kiefersauer-Mercier.

Lenggries – Was wäre, wenn es die deutsch-französische Freundschaft nicht gäbe? Höchstwahrscheinlich wäre das Leben der Lenggrieserin Christelle Kiefersauer-Mercier ganz anders verlaufen. Sie würde vielleicht heute noch an der Küste leben. Sie wäre wahrscheinlich nie in ihrem Leben nach Lenggries gekommen. Sie hätte nie ihren Mann Hubert kennengelernt. Und sie wäre auch nicht Mutter von zwei französisch-isarwinklerischen Kindern geworden. Vor exakt 40 Jahren wurde die Partnerschaft zwischen Lenggries und fünf französischen Gemeinden besiegelt: Nicht nur für Kiefersauer-Mercier weit mehr als ein symbolischer Akt.

Bereits im Jahr 1972 fuhren erstmals 15 junge Lenggrieser in die Bretagne. Seit damals gibt es jedes Jahr einen Jugend-Austausch. Rund 2700 Jugendliche aus Lenggries und der Bretagne haben sich bislang daran beteiligt.

Beim ersten Besuch in Lenggries vorsichtshalber immer mit „Vielleicht“ geantwortet

Kiefersauer-Mercier war das erste Mal im Mai 1989 dabei. Da Deutsch damals eines der Lieblingsfächer der jungen Französin war, sollte sie beim Besuch der Lenggrieser Feuerwehrleute die Rolle der Dolmetscherin übernehmen. Die damals 19-Jährige war von den feschen Isarwinklern und Isarwinklerinnen beeindruckt: „Sie sind alle mit Lederhosen und Dirndln angerückt“, erinnert sich Kiefersauer-Mercier. „Diese traditionelle Seite hat mir gefallen, weil meine Oma auch Tracht getragen hat.“ Das einzige Problem: der Dialekt. „Ich war mündlich in Hochdeutsch die Beste in unserer Klasse, hab’ aber null kapiert, was sie sagen“, erzählt sie lachend. Sicherheitshalber habe sie nie mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet, sondern immer nur „Vielleicht“. Diese Anekdote muss sie sich heute noch manchmal anhören.

Christelle Kiefersauer-Mercier, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins.

Trotz aller Verständigungsprobleme verstand sie sich sofort bestens mit der Isarwinkler Gruppe und beschloss, eine gewisse Zeit in Lenggries zu verbringen, um dort zu arbeiten und die Sprache besser zu erlernen. Die Lenggrieser Feuerwehr-Kommandanten kümmerten sich um einen Job und eine Gastfamilie. Von Tag zu Tag gewöhnte sich die junge Bretonin mehr an den Klang des Dialekts.

In Lenggries fand Christelle Kiefersauer-Mercier die Liebe

Bereits im Winter kam sie wieder nach Lenggries, um das Skifahren zu erlernen. Anschließend beschloss sie, ein ganzes Jahr in Lenggries zu bleiben: „Ich bin nur mit zwei Koffern und 30 Euro im Geldbeutel angereist“, erinnert sie sich. „Die 30 Euro habe ich gleich am ersten Abend in der Milchbar verprasst.“ In dem Lokal an der Tölzer Straße (jetzt Eisdiele Cortina) fühlte sich die Bretonin besonders wohl, „denn meine Mama war Wirtin, als Kind war ihre Bar mein Wohnzimmer“. Die Clique lieh ihr Geld, bis sie von ihrem Arbeitgeber ihren ersten Lohn bekam, In der Milchbar lernte sie ihren Hubert immer besser kennen: „Und jetzt bin ich verheiratet, habe einen wunderbaren Ehemann und wunderbare Kinder.“

Die Anfänge: Bereits 1979 reisten 50 Lenggrieser in die Bretagne.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass ihr die deutsch-französische Partnerschaft besonders am Herzen liegt. Bereits 1993 wurde sie Beisitzerin im Partnerschafts-Komitee und begleitete 1994 die erste Bürgerfahrt. 2007 wurde sie Zweite Vorsitzende, seit 2016 ist sie die Vereins-Chefin. „Ich bin ziemlich schnell integriert worden und habe lange gewerkelt, ohne irgendwelche Titel zu haben“, sagt die 51-Jährige. „Ich wollte zurückgeben, was mir der Partnerschaftsverein gegeben hat.“

Gändehaut-Momente bei Besuchen in bretonischen Partnergemeinden

Sie habe seither viele ergreifende Momente erlebt. „Jede Fahrt ist eine Gefühlssache, Emotion pur.“ Beispielsweise das Jahr 2014, als 40 Mitglieder der Lenggrieser Feuerwehr in die Bretagne fuhren, darunter die drei Söhne der drei Feuerwehr-Kommandanten, die sie 1989 kennengelernt hatte. Die Söhne waren inzwischen alle selbst Feuerwehr-Kommandanten geworden.

Für die anderen Teilnehmer sei es ebenfalls ein ganz spezielles Erlebnis. Viele seien zunächst unsicher, da sie kein Wort Französisch sprechen: „Ich sag’ dann immer: Keine Panik, wir sind eh alle beisammen.“

Einige Tage später steigen die Lenggrieser dann Arm in Arm mit den Franzosen in den Bus ein, beim Abschied werden die neu gewonnenen Freunde gedrückt, es fließen jede Menge Tränen: „Das sind Gänsehaut-Momente.“

Plätze bei Bürgerfahrten schnell ausgebucht

Ihrer Ansicht nach ist die Partnerschaft sehr lebendig. Nur wenige Gemeinden böten die Möglichkeit, dass Jugendliche jeweils zwei Wochen bei Partnerfamilien verbringen können. Bei der vorerst letzten Bürgerfahrt im Jahr 2019 seien alle 30 Plätze innerhalb von vier Tagen ausgebucht gewesen. Alle großen Vereine – von den Trachtlern bis zu den Fußballern – hätten sich schon an den Bürgerfahrten beteiligt, 100 Familien und Einzelpersonen zahlen den Vereinsbeitrag. Die Jugendlichen seien durch das Internet ihren französischen Freunden nahe.

Kiefersauer-Mercier selbst lebt inzwischen schon länger in Lenggries, als sie in der Bretagne gelebt hat – und vermisst nur eines: Den Blick aufs Meer und dessen Geruch: „Dieses Gefühl geht nicht weg – und soll auch nicht weggehen.“

  • Lenggries beflaggen: Vor exakt 40 Jahren wurde die Partnerschaft zwischen Lenggries und den bretonischen Gemeinden Châtelaudren, Pablo, Brignole, Plouvara und St. Jean-Kerdaniel offiziell besiegelt. Als Symbol werden am Samstag am Rathausplatz die Lenggrieser und bretonische Flagge aufgehängt. Der Partnerschaftsverein bittet alle Mitglieder und Nicht-Mitglieder, am Jubiläumstag ebenfalls – sofern vorhanden – eine bretonische Fahne an Haus oder Balkon anzubringen.

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Patrick Staar

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