Genial einfach ist die Idee der Tafel: Im Landkreis gibt es derzeit Tafeln in Bad Tölz, Lenggries und eine gemeinsame in Geretsried/Wolfratshausen.

Besuch bei Freiwilligen

Lenggrieser Tafel: Mehr als eine Essensausgabe

  • schließen

Lenggries - Zu Weihnachten sind die Kühlschränke gefüllt und die Tische gedeckt. Nicht bei jedem. Gerade zum Monatsende ist bei manchen das Geld so knapp, dass es kaum für das Nötigste reicht. Hier helfen die Tafeln mit Lebensmitteln weiter. Ein Weihnachtsbesuch bei der Verteilung in Lenggries.

Karin Schwab und Andrea Danner sortieren gerade Obst und Gemüse in grüne Kisten. Schwab halbiert die wenigen Gurken mit einem Messer. „Damit mehr etwas bekommen“, sagt sie. „Obst und Gemüse haben wir eigentlich immer zu wenig“, fügt Regina Weindl hinzu. Heute schaue es aber gut aus. Überhaupt gibt es so kurz vor Weihnachten ein paar Extras: Fruchtsäfte wurden gespendet, selbst gemachte Würste, eine Jugendgruppe hat Lebensmittel zusammengetragen, die Bäuerinnen spendierten Milch.

Regina Weindl ist nicht nur Helferin, sondern auch Zweite Vorsitzende des Vereins „Nur a bisserl Zeit“, der die Tafel mit Unterstützung des BRK vor acht Jahren ins Leben gerufen hat. Heute ist es für sie und die anderen acht Helfer hektischer als sonst. Normalerweise verteilen sie die Lebensmittel im Wechsel mit vier anderen Teams am Samstagnachmittag in der Gästeinfo. Doch diesen Samstag ist Heiliger Abend, daher wurde der Termin auf Donnerstag, 18.30 Uhr, vorgezogen. Allerdings könnten die Bäcker und Metzger im Ort, die die Tafel unterstützen, erst nach Ladenschluss um 18 Uhr angefahren werden, sagt Weindl, bevor sie sich rasch auf den Weg zum Kramerladen macht.

Das Sortieren muss dann schnell gehen, schließlich drängen sich im Vorraum schon die ersten Kunden. Zu ihnen gehört Melissa (Name geändert). Seit über zwei Jahren kommt sie Woche für Woche, um Lebensmittel abzuholen. „Wir haben sehr wenig Geld“, erzählt sie. Mit zwei Kindern und einem kranken Mann werde es dann gerade zum Monatsende hin richtig knapp. „Es ist sehr schön, dass es die Tafel gibt. Das ist eine wirkliche Hilfe. Und die Leute sind sehr, sehr nett.“ Wählerisch sei sie nicht. „Wir können alles brauchen.“ Die Unterstützung bei der Tafel hilft der Familie dabei, Geld für andere Anschaffungen zu sparen. „Wenn beispielsweise eines der Kinder was für die Schule braucht“, sagt Melissa. Anfangs, räumt sie ein, sei es ihr schon schwer gefallen, zur Tafel zu kommen. „Ich habe mich ein wenig geschämt und nicht so wohl gefühlt. Aber man gewöhnt sich daran.“

Freuen sich immer auf ihre Kunden: die Lenggrieser Tafel-Helfer, hier das Team 5. Am Donnerstagabend kümmerten sie sich um die Verteilung

Seine Scham überwinden musste auch Stefan (Name geändert). „Aber die Atmosphäre hier ist so angenehm und nett.“ Seit Anfang an ist Stefan Kunde der Tafel. „Sonst komme ich einfach nicht über die Runden.“ Zwar verdiene er sich stundenweise etwas dazu. „Aber die Rente reicht nicht.“ Dass sich Leute ehrenamtlich bei der Tafel engagieren, findet er toll.

Die Atmosphäre bei der Verteilung ist familiär. Viele Kunden kennen sich seit Jahren. 25 bis 30 Menschen versorgt die Lenggrieser Tafel pro Woche. Zwischenzeitlich gab es mal einen Aufnahmestopp, berichtet Birgitta Opitz. „Danach sind es ein bisschen weniger geworden.“ Nun nehme die Zahl allerdings langsam wieder zu. Der Vorsitzenden des Vereins „Nur a bisserl Zeit“ ist es sehr wichtig, dass sich niemand als Bittsteller fühlt, sondern jeder weiß, dass er willkommen ist. „Packen Sie sich die Tüten voll. Ware ist heute genug da. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten“, sagt sie in die Runde. An die Helfer hat sie schon vorher kleine Geschenke verteilt. Eine Tafel Schokolade – dekoriert mit einem filigranen Paar Engelsflügel. „Weil das alles meine Engel sind“, sagt sie lächelnd.

Der Verein hilft nicht nur mit Lebensmitteln. „Wenn wir Sie zusätzlich irgendwo unterstützen können, wenn Sie etwas brauchen, das Ihnen den Alltag erleichtert, rufen Sie mich bitte an. Es bleibt unter uns“, wendet sich Opitz wieder an die Tafelkunden. Ein paar Minuten später hat sie zugesichert, dass der Verein drei durchgelegene Matratzen ersetzt und beim Kauf eines Trockners hilft.

Schon in der Vorwoche wurde dafür gesorgt, dass kein Tafel-Kind an Weihnachten ohne Geschenk bleibt. Jedes hatte schon vor Wochen einen Wunsch bis 25 Euro auf einen Zettel notiert. Die wurden dann an einen Zweig im Früchtehaus Holzner gehängt. Wer wollte, nahm einen ab und kaufte das Gewünschte, das dann vergangenen Samstag auf dem Tafel-Gabentisch landete. „22 Kinder standen mit leuchtenden Augen und roten Wangen davor“, schildert Opitz die Szene. Die Hohenburger Schülerinnen sorgten zudem mit Kinderpunsch und Plätzchen für weihnachtliche Stimmung – wie an allen Adventssamstagen.

Im Lesesaal ist derweil fertig sortiert. Auch die Körbchen für die Hauslieferungen sind gepackt. In deren Genuss kommt, wer zu gebrechlich ist, um zur Verteilung zu kommen. „Wir brauchen noch fünf Minuten“, bittet Thomas Trenkler die Wartenden um Geduld. Gerade noch genug Zeit, damit die Kunden schon einmal ihre Nummer ziehen können. Die runden Plättchen hat Trenkler in ein rot-weißes Säckchen gesteckt. Jeder zieht blind. In welcher Reihenfolge die Nummern aufgerufen werden, das hat Trenkler schon vorher auf einen Zettel geschrieben. „Niemand soll das Gefühl haben, dass ein anderer bevorzugt wird.“ Der Helfer kontrolliert auch die Sozialcard, die jeder Abholer vorlegen muss. „Ich bin der Türsteher“, sagt Trenkler mit breitem Lächeln. Er ist ein sehr lieber Türsteher. „Soll ich noch einen Stuhl für Sie holen?“, fragt er gerade eine ältere Frau. „Mir ist sehr wichtig, dass alle freundlich behandelt werden“, sagt er.

Für das Verteil-Team im Lesesaal ist das Ehrensache. „Und wir haben auch nur nette Kunden“, sind sich Karin Schwab und Andrea Danner einig. Für sie und die anderen Helfer wird es ernst. Die Verteilung beginnt. Die Gurken werden am Ende selbst halbiert nicht für alle reichen. Trotzdem wird die Tafel auch an diesem Abend wieder dafür sorgen, dass das Leben einiger Menschen ein kleines Stück einfacher wird.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Grusel-Video: Filmer steigen ins verlassene Alpamare ein
Amateurfilmer steigen unbemerkt ins Alpamare ein. Sie dokumentieren das verfallene Bad in allen Details auf Youtube. Zu sehen sind rostige Saunaöfen, aktive Drehkreuze …
Grusel-Video: Filmer steigen ins verlassene Alpamare ein
BR-„Abendschau“ berichtet heute über Trimini-Eröffnung
BR-„Abendschau“ berichtet heute über Trimini-Eröffnung

Kommentare