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Ohne Maus und ohne Bildschirm surft Markus Ertl durchs Internet. Die Inhalte lässt er sich von Hochgeschwindigkeitsstimmen vorlesen.

Porträt

Markus Ertl ist blind: So kämpft der Lenggrieser europaweit für barrierefreies Internet

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Barrierefreiheit steht für Rollstuhlrampen, Großraumaufzüge und Behinderten-WCs. Nur wenige verbinden das Wort mit dem Internet. Markus Ertl kämpft für eine Netzwelt, die allen zugänglich ist. Als Blinder musste er das Surfen vor sechs Jahren neu lernen. Gegen Schranken stößt er noch immer.

Lenggries– Ohne Steffi, Yannick, Peter und Eloquenz wäre Markus Ertl aufgeschmissen. „Das sind meine Spezln geworden“, sagt er. Seine vier Freunde bahnen den Weg in die digitale Welt, der ihm sonst versperrt bliebe. Er kann das Internet nicht sehen – aber hören: Steffi führt ihn durch das Startmenü und den Dateimanager, Eloquenz durch Word und Excel, Peter hilft ihm dabei, Texte zu erkennen, und Yannick ist der Online-Profi.

Dank der Stimmen seines Spezialprogramms kann der Mann aus Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) selbstständig und ergonomisch am Computer arbeiten. Doch es gibt noch so viele Barrieren, die auch Yannick und Co. nicht wegräumen können. Das Internet trieft vor unbeschrifteten Bildern und unstrukturierten Homepages. Und Ertl kämpft dafür, dass es weniger werden. Er schreibt Mails an Minister und McDonald’s. Und wenn es sein muss, steht er beim Behindertenbeauftragten in Berlin persönlich auf der Matte.

Mit zehn Jahren erfuhr Markus Ertl von der fortschreitenden Netzhauterkrankung. Sein Sichtfeld wächst langsam zu. Heute ist Ertl 45 – und seit sechs Jahren sieht er so gut wie nichts mehr. Er bezeichnet sich als Blinder mit Sehrest. „In einem Puzzle mit 200 Teilen sehe ich drei – aber nur wenn die Lichtverhältnisse passen.“

Der Sprachassistent rattert schnell – Ertl versteht jedes Wort

Hier im Esszimmer des Wohnhauses, in dem er mit seiner Frau und zwei Töchtern lebt, passen sie nicht. Weil es zu hell ist, kommt bei Ertl nur Dunkelheit an. Ein Freitagnachmittag, ein gepflegtes Wohnidyll mit Garten am Fuße des Braunecks: Ertl, Personalentwickler bei der Sparkasse, hat gerade Feierabend gemacht – und sitzt schon wieder am zugeklappten Laptop. Einen Bildschirm braucht er genauso wenig wie eine Maus. Dafür stehen auf dem Tisch ein Dokumentenscanner, mit dessen Hilfe er den Inhalt von Briefen entschlüsselt, und eine Braillezeile – ein Gerät, das die PC-Inhalte in Blindenschrift übersetzt. Und Yannick rattert. Seine Stimme klingt wie die eines Menschen, sie spricht aber dreimal so schnell. Der Ungeübte nimmt nur einen Schwall wahr. Ertl versteht jedes Wort. Er muss es, um effizient arbeiten zu können.

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Das Höchstgeschwindigkeits-Hörverstehen hat er lange trainiert. Genau wie das Schreiben, ohne die Tasten zu sehen. Irgendwann schaffte Ertl 350 Anschläge in der Minute – mit nur zwei Fehlern. Heute kocht und grillt er wieder, fährt Tandemrad und macht Blindenskilauf. Seit seine Sehkraft 2012 verschwunden ist, hat er sich Stück für Stück zurück ins Leben gekämpft – und mittlerweile kämpft er für andere: Ertl ist einer der Inklusionsbotschafter der Interessenvertretung „Selbstbestimmt Leben in Deutschland“. Beim Wort Barrierefreiheit denkt er nicht nur an Rollstuhlrampen, Großraumaufzüge und Behinderten-WCs – sondern vor allem an das Internet, dessen Möglichkeiten auch sehbehinderten, gehörlosen und motorisch eingeschränkten Menschen zustehen. Deshalb hat sich auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband vor wenigen Tagen mit einer Resolution an Länder und Kommunen gewandt. Er fordert, die EU-Richtlinie umzusetzen, nach der öffentliche Stellen einen unbeschränkten Zugang zu ihren Webangeboten schaffen müssen.

Dank ihm ist dieApp von McDonald’s barrierefrei

In seinem Esszimmer demonstriert Ertl vor allem eines: Der 45-Jährige ist ein Meister der Tastenkombinationen. Bei der Sparkasse zeigt er sehenden Kollegen, wie sie schneller durch Menüpunkte springen können. „Oft geht genau das aber nicht“, sagt Ertl. „Eine Webseite braucht eine klare Struktur mit definierten Regionen.“ Die meisten Homepages sind nicht blindengerecht programmiert. Yannick kann nicht helfen, wenn er keine Navigation erkennt. „Ich muss mich dann durch 47 Links hören.“ Oder durch 100 Seiten einer PDF-Datei, deren Zwischentitel nicht festgelegt sind. Mit der H-Taste („Headline“) von Überschrift zu Überschrift zu springen, wird unmöglich.

Ertl geht es um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das sich immer mehr auch in sozialen Netzwerken abspielt. Bei Facebook sieht er ein Grundproblem: „Viele Fotos sind nicht beschriftet.“ Zur Demonstration navigiert er sich auf die CSU-Seite – dass das erste Bild Horst Seehofer am Rednerpult zeigt, erfährt er nicht. Yannick sagt nur: „Grafik“. Noch mehr ärgert sich Ertl über sogenannte „Captchas“ – die Tests, bei denen man durch das Erkennen von Zahlen oder Symbolen beweisen muss, dass man kein Roboter ist. Ertl bleibt an den undefinierten Feldern regelmäßig hängen.

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Die App von McDonald’s ist mittlerweile barrierefrei – weil der Lenggrieser so oft nachhakte. Die Drucksachen des Bundestags zu neuen Gesetzen sind es nach seiner Aussage nicht. Obwohl Behörden nach dem Behindertengleichstellungsgesetz dazu verpflichtet sind. Ertl zog deshalb in Berlin vor die Schlichtungsstelle – ohne Erfolg. Sein nächster Schritt: eine Feststellungsklage gegen den Bundestag. „Das ist einfach ein Unding“, schimpft er und drückt die Strg-Taste, weil ihm Yannick im Hintergrund zu viel redet. „Strg heißt Schnauze halten.“

Ein Befehl, eine Wirkung: Wer nichts sieht, brauche vor allem Ordnung, sagt der Lenggrieser. An die neue Sitzecke, hier im Esszimmer, habe er sich auch nach drei Wochen noch nicht gewöhnt. Im Urlaub räumt er immer sofort die Küchenschränke nach seinen Gewohnheiten um. Das Internet kann er nicht alleine umräumen – ein bisschen gerechter machen aber schon.

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