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Immer bereit für skurrile Inszenierungen: Sebastian Horn (rechts) und Gerd Baumann, die Köpfe der „folklorefreien“ Volksmusikband Dreiviertelblut.

Single ist schon draußen

Neues „Dreiviertelblut“-Album kommt: Ein Einblick in Odelgruben und KZ-Zellen

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Abgründe erforscht hat Fishbones-Sänger Sebastian Horn für das neue Album seiner Zweitband Dreiviertelblut. Es wird „Diskothek Maria Elend“ heißen. Einen ersten Einblick bietet die neue Single „Wos übrig bleibt“.

Lenggries/Dietramszell – Seine Fantasie trieb Sebastian Horn schon an viele finstere Orte. Im Aufschreiben selbsterlebter und selbsterfundener skurriler Begebenheiten ist der Sänger der Bananafishbones ein Phänomen. Die Geschichten des 47-Jährigen Lenggriesers werden nicht milder – sondern eher deutlicher und drastischer. Das beweisen seine bairischen Liedtexte zum mittlerweile dritten Album seiner anderen Band Dreiviertelblut. Für die Platte „Diskothek Maria Elend“ fiel Horn gedanklich in eine Odelgrube, sperrte sich im KZ ein, besuchte die grausamen Abgründe kaputter Familien – und eine Zombie-Party auf dem Friedhof.

Das neue Album erscheint am 28. September, das Release-Konzert steigt im Münchner Circus Krone am 2. Oktober. Die Single „Wos übrig bleibt“ ist nun auf dem Markt. Eine textliche Kostprobe: „Rot is des wos übrig bleibt, wannst Haut obziagst von olle Leid.“ Oder: „Dei Voda a Dregsau, dei Muada a Schlang, deine Briada, sie meng di daschlong.“ Düstere Diagnosen, die Horn trotzdem als Mutmacher verstanden wissen möchte. „Wenn einem sein Umfeld nicht taugt, sollte man sich trauen, es zu verlassen“, sagt er. „Wos übrig bleibt“ steht für einen Befreiungsschlag aus den Ketten der Gesellschaft.

Ein Befreiungsschlag ist das Album auch für die selbst ernannte „folklorefreie“ Volksmusikband. Bei der ersten CD „Lieder aus dem Unterholz“ (2013) waren Sebastian Horn und der Filmmusik-Komponist Gerd Baumann noch zu zweit. Auch die „Finsterlieder“ (2016) stammen größtenteils aus der musikalischen Feder Baumanns. Die anderen Mitglieder waren damals eher Gastmusiker. „Diskothek Maria Elend“ sei nun das erste große Gemeinschaftsprodukt – „aus der Live-Erfahrung geboren“, wie Horn sagt. 13 Tage zog sich die Gruppe, der auch Trompeter Dominic Glöbl, Schlagzeuger Flurin Mück, Gitarrist Luke Cyrus Goetze, Kontrabassist Benny Schäfer und Klarinettist Florian Riedl angehören, nach Dietramszell zurück. In einem alten Haus nahe der Wallfahrtskapelle „Maria Elend“ spielten die Musiker die Lieder so lange gemeinsam ein, „bis sie vom Gefühl her gepasst haben“, sagt Horn. „Für mich war das eine der intensivsten und schönsten Zeiten meines Musikerlebens.“ Bei Dreiviertelblut konzentriert sich der Fishbones-Bassist auf den Gesang. „Weil ich kein Instrument spiele, war ich bei den Aufnahmen Koch und Versorger“, erzählt der Lenggrieser.

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In Sachen Songwriting verleiht Horn der Band die düstere Tiefe und wagt sich diesmal an historischen Stoff: Im Lied „13 Minuten“ schildert er die letzten Momente des NS-Widerstandkämpfers Georg Elser in einer Zelle des Dachauer Konzentrationslager. „Ich habe versucht, mich in diese Situation hineinzuversetzen. Das Lied ist eine Art Abschiedsbrief an Elsers Frau, den er selbst nie geschrieben hat“, sagt Horn. Elsers Attentat auf Adolf Hitler und die Nazi-Führung scheiterte 1939 im Münchner Bürgerbräukeller nur knapp. Er wurde im April 1945 in Dachau hingerichtet.

In den weiteren Stücken verarbeitet Horn unter anderem „Horrorkindheitserlebnisse“. „Mit drei oder vier Jahren“ fiel er in eine Odelgrube, ein Nachbarsmädchen zog ihn heraus. „Sie hat mir das Leben gerettet, aber das haben damals weder meine Mutter noch ich realisiert.“ Kontakt zu seiner Retterin hat Horn nicht mehr. „Aber ich weiß, dass es sie noch gibt und bringe ihr eine CD vorbei, wenn sie fertig ist.“

Nun wäre da noch das Wort „Diskothek“ im Albumtitel, das so gar nicht zum handgemachten Wohnzimmer-Sound von Dreiviertelblut passen mag. Horn klärt auf: „Viele der Songs sind fast tanzbar. Es rumpelt und pumpelt.“

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