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Großaufgebot: Als die mutmaßlichen Täter 2005 nochmal nach Fleck kommen, gleicht der Ort einer Festung.

Almbach-Prozess

Als zwei Morde Fleck erschütterten

Fleck – Vor zehn Jahren bewegte ein Gerichtsprozess den Isarwinkel: Es ging um die Aufklärung der Almbach-Morde in Fleck. Zwei Männer wurden dabei zu lebenslanger Haft verurteilt.

Es sollte ein schöner Betriebsausflug werden – doch er endete ganz anders als geplant. Am 2. September 2004 sind ausgerechnet Beamte der Bereitschaftspolizei aus Dachau beim Schlauchbootfahren auf der Isar, als sie nachmittags auf Höhe des Almbachs eine Leiche in der Isar entdecken. Der Körper ist in mehrere Bettlaken und eine Wolldecke eingerollt und hat grausame Wunden am Kopf.

Der Betriebsausflug endet mit einem Großeinsatz: Wasserwacht und Bergwacht rücken aus, die Kripo aus Weilheim und die Staatsanwaltschaft aus München eilen sofort nach Fleck. Ein Hubschrauber kreist lange über dem Gebiet, unter anderem, damit Luftbilder aufgenommen werden können. Die Polizei verhängt eine Nachrichtensperre. Doch die Nachricht vom schrecklichen Fund verbreitet sich in Windeseile in Lenggries und Umgebung.

Vier Tage später präsentiert die Polizei der Öffentlichkeit mehrere Tatverdächtige – und wartet mit einer weiteren schrecklichen Nachricht auf: Ein Mann berichtet von einem weiteren Mord in Fleck, begangen im Juni. Die Bevölkerung ist schockiert.

Erste Spurensicherung im September 2004: Polizisten durchkämmen jedes Gebüsch.

Um die Taten aufzuklären, müssen Polizei („Soko Almbach“) und Staatsanwaltschaft akribisch arbeiten. Die Tatverdächtigen, mehrere Russlanddeutsche, und ihre beiden Opfer, Karl E. und Horst H., lebten in einem Mehrfamilienhaus am Ortseingang von Fleck. Die Polizei nimmt fünf Verdächtige fest und bringt sie in verschiedenen Haftanstalten in Bayern unter. Die Gefahr, dass die Männer ansonsten untereinander Kontakt aufnehmen würden, sei durchaus gegeben, erklären die Beamten. Zwei Männer, Arkadi B. (damals 26 Jahre alt) und Alexej F. (damals 24 Jahre alt), gelten als Hauptverdächtige. Die anderen werden der Beihilfe bezichtigt.

Als die Verdächtigen gefilmt werden, klingelt die Post

Die Aufklärung der Fälle ist ein mühsames Puzzlespiel. Weil sich die Verdächtigen anfangs alle widersprechen, ordnet die Staatsanwaltschaft im Februar 2005 einen Ortstermin in Fleck an: Alle Männer werden dorthin gebracht, damit sie die Szenen in dem ehemaligen Arbeiterhaus der Papierfabrik nachspielen. Die Entwicklung soll auf Video aufgenommen werden, um die Morde rekonstruieren zu können.

Ein größeres Polizeiaufgebot hat Fleck vermutlich nie gesehen. Beamte aus Tölz, Weilheim und Garmisch sowie Dutzende Polizisten in zivil sind vor Ort. An der Bundesstraße parkt eine Schlange von Einsatzfahrzeugen. Hundeführer sind in Stellung. Alle Polizisten tragen geladene Waffen. „Ich rechne zwar nicht damit, dass ein Fluchtversuch unternommen wird, aber man weiß ja nie“, sagt ein Ermittler.

Die mittlerweile sechs Tatverdächtigen, fünf Russlanddeutsche und ein Deutscher (er wird der Strafvereitelung bezichtigt), werden einzeln vorgefahren und von ihren Anwälten begleitet. Allerdings stimmen nur zwei Männer zu, gefilmt zu werden. Die vier anderen verweigern die Mitwirkung und werden daraufhin wieder in die Gefängnisse zurückgefahren.

Mitten in diesen gruseligen „Film“ platzt ein Postbote. Er hat ein Paket für einen anderen Hausbewohner abzugeben. Die Polizei lässt ihn gewähren – danach wird der „Dreh“ fortgesetzt.

Ende Juli 2005 erhebt die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage gegen die sechs Männer. Der Prozess beginnt Ende November in München: sechs Angeklagte, sieben Verteidiger, 40 Zeugen und neun Sachverständige. Der Vorwurf lautet: zwei Morde aus Habgier.

Der Prozess kommt anfangs nur schleppend voran. Ein Verteidiger bombardiert das Gericht gleich mit Befangenheits-, Ablehnungs- und Terminänderungsanträgen – 14 Anträge an der Zahl. Der Richter ist verärgert. Und er ist dies auch am folgenden Prozesstag, als eine Verteidigerin den Saal verlässt, weil ihr Antrag auf Unterbrechung abgelehnt wird. Der Richter droht mit Konsequenzen bei der Rechtsanwaltskammer und sagt: „So ein Verhalten hat es seit den Zeiten von Baader-Meinhof in München nicht mehr gegeben.“

Beim Zechgelage vier Promille Alkohol im Blut

Nach diesem Hin und Her geht es dann aber zügig voran. Im Laufe des Prozesses kristallisieren sich Arkadi B. und Alexej F. als Täter heraus. Arkadi B. legt schließlich Mitte Dezember ein Teilgeständnis ab.

Was hatte sich nun im Sommer 2004 in Fleck abgespielt? Das Gericht hat rekonstruiert, dass beide Morde aus Habgier geschahen. Die Männer saßen am 28. Juni bei einem Zechgelage zusammen und gerieten mit Mitbewohner Horst H. (damals 58 Jahre alt) wegen Geld in Streit. Zu später Stunde holte Alexej F. einen Hammer und schlug diesen Horst H. auf den Kopf. Der Mann starb an den Folgen. Der Polizei und dem Notarzt wurde erzählt, Horst H. sei betrunken die Treppe hinuntergefallen. Sie glaubten es. „Aus polizeilicher Sicht ist damals (im Sommer 2004, Anm. d. Red.) alles getan worden, um die Sache aufzuklären“, sagt im Herbst 2004 ein Kripo-Beamter. Auch für Gerichtsmediziner und Polizisten sei es nicht immer einfach, jede Verletzung richtig zu beurteilen. „Das läuft nicht so wie im Krimi.“ Der Todesfall wurde zu den Akten gelegt.

Dass er schließlich doch noch zur Sprache kommt, liegt an dem Bericht von Arkadi B. wenige Wochen später, als es eigentlich um den Toten in der Isar geht. Arkadi B. habe sich dabei einfach „alles von der Seele reden wollen“, sagte ein Polizeibeamter zu unserer Zeitung.

Bei dem Toten in der Isar handelt es sich um Karl E., damals 52 Jahre alt und Mitarbeiter der Gemeinde Lenggries. Auch er wurde bei einem Zechgelage, bei dem ums Geld gestritten wurde, getötet. Laut Gutachter hatten Arkadi B. und Alexej F. zum Tatzeitpunkt rund vier Promille Alkohol im Blut. „Sie waren aber Alkohol gewöhnt und trotz des literweisen Konsums wohl voll steuerungsfähig“, schildert der Gutachter vor Gericht.

Karl E. wurde mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, dann stachen die Täter mit dem Messer auf ihn ein. Sie wickelten die Leiche in Bettlaken und eine Wolldecke ein, warfen sie aus dem Fenster und zogen sie in die Isar.

Richter: Taten zeugen von gescheiterter Integration

Ende Dezember 2005 werden die Urteile gesprochen: Alexej F. erhält wegen zweifachen Mordes lebenslänglich (mit „besonderer Schwere der Schuld“), Arkadi B. wird wegen Mordes ebenfalls zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Drei weitere Männer werden wegen Strafvereitelung zu zwei, zweieinhalb und vier Jahren Haft verurteilt. Ein Verdächtiger wird freigesprochen.

Bei der Urteilsverkündung spricht der Richter auch von gescheiterter Integration: die Tatbeteiligten hätten versucht, in Deutschland Fuß zu fassen. Es sei ihnen aber nicht gelungen.

Christiane Mühlbauer

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