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Platte Reifen: Darüber mussten sich schon viele Lenggrieser ärgern. 

Serientäter

Reifenstecher: „Einweisen lassen“? Gar nicht so einfach

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Der Täter ist bekannt – doch man kann die Bevölkerung nicht vor ihm schützen. Warum eigentlich ist es nicht möglich, den mutmaßlichen Reifenstecher von Lenggries „wegzusperren“, wie viele fordern? Der Tölzer Kurier fragte nach.

Lenggries– Er hat schon bei mindestens 130 Autos zugestochen und damit einen Sachschaden von über 100 000 Euro angerichtet. Doch obwohl die Polizei den mutmaßlichen Reifenstecher von Lenggries bereits zweimal überführt hat, ist der 41-Jährige nach wie vor auf freiem Fuß. In Internet-Kommentaren wird häufig gefordert, ihn einzusperren oder „einweisen“ zu lassen. Doch Nachfragen bei den zuständigen Behörden zeigen: Das geht nicht so einfach.

Aus Sicht der Polizei gilt nach wie vor der bekannte Sachstand: „Wir haben der Staatsanwaltschaft eine Anzeige vorgelegt, eine weitere ist noch in Bearbeitung“, sagt der stellvertretende Tölzer Inspektionsleiter Andreas Rohrhofer. Das Strafverfahren nehme jetzt seinen Gang. „Die entsprechenden Behörden sind ausreichend informiert“, ergänzt Rohrhofer.

Doch einen Haftbefehl spricht die Staatsanwaltschaft nicht aus. Die reine Wiederholungsgefahr reicht bei einer Straftat wie Sachbeschädigung für eine Untersuchungshaft nicht aus.

Und wie steht es mit der Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung? Der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass der Täter – gelinde gesprochen – ein psychisches Problem haben könnte. Anne Köhn, Sprecherin des Amtsgerichts Wolfratshausen, informiert auf Anfrage allgemein über die rechtlichen Möglichkeiten. Es stelle sich stets die Frage, ab wann ein Freiheitsentzug verhältnismäßig sei, so Köhn. Sie nennt das Stichwort „Fall Gustl Mollath“. Der Nürnberger war bekanntlich sechs Jahre gerichtlich im psychiatrischen Maßregelvollzug eingewiesen – bis sein juristischer Kampf dagegen Erfolg hatte. Der Fall gilt als Justizskandal. Auch Mollath war – neben anderen Delikten – eine Serie von aufgestochenen Autoreifen zur Last gelegt worden.

Zur Zwangseinweisung führen zwei Wege

Zwei formale Wege führen laut Köhn zu einer Zwangseinweisung. Einer davon: die im Landesgesetz geregelte „Einweisung nach öffentlichem Recht“. „Dazu muss ein Antrag des Landratsamts beziehungsweise des Gesundheitsamts vorliegen“, erklärt die Richterin. Das wird im Fall des Reifenstechers aber nicht passieren. „Dazu muss die öffentliche Sicherheit und Ordnung in erheblichem Maß gefährdet sein, sprich: Leib und Leben müssen bedroht sein“, erklärt Landratsamts-Sprecherin Marlis Peischer.

Eine andere Variante der Zwangseinweisung ist nach Köhns Angaben denkbar, falls die Person unter Betreuung steht. Dann kann der Betreuer bei Gericht eine Einweisung beantragen – zum eigenen Schutz des Betroffenen. Das geht laut der Richterin aber nur „bei Gefahr, dass derjenige sich selbst tötet oder sich erheblichen gesundheitlichen Schaden zufügt“.

Nach Stand der Dinge wartet der Verdächtige also in Freiheit auf seinen Strafprozess. Anschließen könnten sich zivilrechtliche Forderungen seiner Opfer – wobei fraglich ist, ob beim mutmaßlichen Täter überhaupt Geld für eine Entschädigung zu holen ist. Haben die Opfer zumindest eine Chance, das Geld für die kaputten Reifen von der Versicherung erstattet zu bekommen? Der Tölzer Kurier fragte bei Christian Weishuber, Sprecher der Allianz München, nach. „In der Teilkasko sind zerstochene Reifen kein versicherter Tatbestand – im Gegensatz etwa zu Diebstahl, Brand oder Glasbruch“, sagt er. In der Vollkaskoversicherung dagegen sei „böswillige Beschädigung“ abgedeckt – egal, ob der Lack verkratzt oder die Scheibe eingeschlagen würden. Im Fall der Reifen müsse sich der Versicherte aber überlegen, ob eine Meldung bei der Versicherung sinnvoll ist. „Meistens gilt eine Selbstbeteiligung von 300 Euro“, so Weishuber. Eine Schadensmeldung lohne sich somit allenfalls, wenn alle vier Reifen zerstochen sind. Zu bedenken sei, dass auf der anderen Seite eine Hochstufung der Beträge stehen kann. „In der Regel wird es sich nicht rechnen.“

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