Berend Jochem bei der Arbeit im „Therapieraum Natur“ in Fall. Dort stehen auch Häuser der Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft.
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Berend Jochem bei der Arbeit im „Therapieraum Natur“ in Fall. Dort stehen auch Häuser der Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft.

WIE GEHT’S?

So ging es der Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft in der Corona-Zeit

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    VonVeronika Ahn-Tauchnitz
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In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona Zeiten erleben. Diesmal im Interview Berend Jochem von der Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Wackersberg/Lenggries – Vor fast 25 Jahren gründete Berend Jochem aus Wackersberg die Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft. Das Ziel war es, traumatisierten Polizisten, aber auch Angehörigen aus anderen Blaulichtberufen, zu helfen. Heute verfügt die Stiftung mit Sitz in Lenggries über Häuser im Brauneckdorf, in Fall und Niedernach, in denen sich Menschen erholen und zur Ruhe kommen können. Jochem, gerade 76 geworden, koordiniert das Ganze mit seinem Team und sammelt unermüdlich Spenden für die Stiftung. Corona hat aber auch diese Hilfe für Helfer schwieriger gemacht.

Herr Jochem, welche Auswirkungen hatte Corona auf die Arbeit der Stiftung?

Corona bedeutete für uns neun Monate lang absoluten Stillstand. Wie Hotels sind auch wir zweimal in den Lockdown gegangen. Das bedeutete nicht nur, dass wir keine Stiftungsfälle aufnehmen konnten, wir konnten freie Kapazitäten auch nicht vermieten. Zu uns kommen ja auch Angehörige aus Blaulichtberufen, die hier ganz normal ihren Urlaub verbringen. Auch andere Einnahmen sind uns weggebrochen. An den Gerichten wurden Verfahren verschoben. Damit wurden auch weniger Bußgelder zu unseren Gunsten verhängt.

Gab es denn staatliche Hilfen für die Stiftung?

Nein. Aber es gab viel Unterstützung von Unternehmen. Beispielsweise hat die Stiftung der Badischen Beamtenbank zu Spenden aufgerufen und uns mit 35 000 Euro unterstützt. Der Freistaat ist uns zudem beim Erbpachtzins entgegengekommen. Das alles war wichtig, weil wir unsere Mitarbeiter weiterbeschäftigen wollten. Wir haben sechs Kräfte auf 450 Euro Basis und zwei Teilzeitbeschäftigte.

Zweimal im Lockdown und weniger Bußgeld

Läuft denn jetzt wieder alles normal?

Normalerweise ist das Verhältnis von Stiftungsfällen und regulären Ferienvermietungen bei 50:50. Durch den Lockdown hatten sich aber 40 Stiftungsfälle angestaut, die vorrangig behandelt wurden. Daher hatten wir zwischenzeitlich nur etwa ein Drittel normale Vermietungen.

2018 wurde der „Therapieraum Natur“ in Fall eingeweiht, ein Areal, auf dem man Ruhe genießen, aber auch viel Interessantes über Flora und Fauna erfahren kann. Wie hat sich dieser denn entwickelt?

Gut – fast zu gut (lacht). Wir haben dort Rekordwuchs zu verzeichnen. Vor allem die Schlingpflanzen wachsen hervorragend (lacht). Ich sehe in der Arbeit im „Therapieraum Natur“ gerade meinen persönlichen Ausgleich. Ich habe 60 bis 80 Arbeitstage pro Jahr dort – mit vier bis sechs Stunden pro Tag. Und das bekommt mir gut. Ansonsten haben wir dort zwei größere Arbeitswochen – im Juni und im Oktober. Da kommen sechs bis acht Leute, die helfen. Die Menschen, die den Therapieraum nutzen, nehmen die Natur hier schon sehr bewusst wahr. Gerade hat uns auch die Witwe eines Kollegen aus der Oberpfalz besucht, der im vergangenen Jahr mit 58 an Corona gestorben ist. Nach ihm haben wir einen Rundweg auf dem Gelände benannt.

Beherbergen Sie gerade auch Stiftungsfälle?

Ja. Außerdem läuft gerade eine Aktion nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Unter dem Motto „Polizeibeamte helfen Polizeibeamten“ sind 110 000 Euro zusammengekommen, die der Stiftung überwiesen wurden. Es gibt etwa 300 bis 400 Polizeifamilien, die durch die Flut geschädigt wurden. Wir werden diejenigen, die am härtesten getroffen sind, zu uns einladen – inklusive Halbpension. Die habe ich mit dem Hotel „Jäger von Fall“ ausgehandelt und dort auch weitere Zimmer angemietet. Es ist schön, wenn es vor Ort so eine Kooperation gibt. Die ersten Familien kommen demnächst, die meisten aber erst im nächsten Jahr, weil sie erst einmal zu Hause wieder alles in Ordnung bringen müssen.

Energieversorgung der Häuser soll erneuert werden

Hat die Stiftung noch weitere Zukunftspläne?

Ja, wir haben ein wirklich tolles Projekt in Angriff genommen. Wir wollen die Energieversorgung der Häuser in Fall möglichst auf erneuerbare Quellen umstellen. Im Frühjahr hat der Einbau einer Hackschnitzelheizung begonnen, mit der wir die eigenen Gebäude, aber auch die von zwei Nachbarn versorgen. Für Spitzenzeiten gibt es Flüssiggas. Zudem nutzen wir Solar. Wir haben 300 000 Euro investiert, bekommen aber auch öffentliche Förderung in Höhe von 45 Prozent. Möglich war das Projekt, weil die Stiftung eine Erbschaft in dieser Höhe gemacht hat. Als Dank werden wir den Namen des Ehepaars, das uns das Geld vermacht hat, an einem unserer Häuser anbringen. Zum Nachhaltigkeitsgedanken trägt auch eine Spende der Stiftung der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen bei, durch die wir ein E-Auto anschaffen können.

Und mit Blick auf den Titel dieser Serie noch die Frage: Wie geht’s Ihnen persönlich?

Ich bin gerade 76 geworden und mir geht es gut – auch, weil ich eine Aufgabe habe. Wenn man arbeitet, fühlt man sich meistens wohler als wenn man sich nur Sorgen macht.

In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen CoronaZeiten erleben.

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