Sommerlauf-Teilnehmer Rudi Miller flitzte beim Riesentorlauf in der Eng in kurzer Hose dem Ziel entgegen – bis er von einer Gämse behindert wurde. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1973.
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Sommerlauf-Teilnehmer Rudi Miller flitzte beim Riesentorlauf in der Eng in kurzer Hose dem Ziel entgegen – bis er von einer Gämse behindert wurde. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1973.

Traditionelles Finale

Sommerlauf in der Eng: Wenn plötzlich die Gams im Weg steht

  • VonHans Demmel
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Skifahren im Sommer? Ja, das war bis in die späten 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts in der Eng gar nicht so unüblich. Zeitzeugen erinnern sich an die teilweise sehr ungewöhnlichen Umstände.

Hinterriß/Eng – Nun hat der Sommer wohl endgültig die Oberhand gewonnen. Auf den Isarwinkler und Loisachtaler Gipfeln sind die Schneefelder nahezu komplett verschwunden. Es ist ja immerhin schon Ende Juni. Da herrschten in früheren Jahren manchmal allerdings noch ganz andere Verhältnisse. So sind auf einem Bild im Tölzer Kurier vom 10./11. Juni 1967 noch Skifahrer im Fahrenberglift am Herzogstand zu sehen.

Und ein Foto vom Brauneck zeigt im selben Monat meterhohe Schneewälle neben dem Weg von der Bergstation in Richtung Tölzer Hütte. Den Saisonausklang der Skirennen bildete damals viele Jahre lang immer im Juni der Sommerlauf in der Eng.

Der Touristenverein „TV die Naturfreunde Bad Tölz“ veranstaltete ab 1967 einen Riesentorlauf im Grubenkar. Obwohl kein Lift nach oben führte und schon der Anmarsch bis zum Ziel auf „Schusters Rappen“ zurückgelegt werden musste, beteiligten sich – wie damals im Tölzer Kurier zu lesen war – am ersten Wettbewerb bereits 80 Läuferinnen und Läufer der Ortsgruppen Bad Tölz, Wolfratshausen, Penzberg, Kochel am See, Holzkirchen sowie Hausham.

Spaß mit Touristen: „Dressierte Gämsen ziehen Läufer nach oben“

Bereits am Tag zuvor hatten fleißige Helfer der Tölzer Naturfreunde die Strecke in einwandfreien Zustand gebracht. Bei der Rückkehr in die Eng fragte freilich ein Feriengast aus dem hohen Norden verwundert, warum noch Skifahrer unterwegs sind. Schmunzelnd habe damals Rupert Haimerl sen. erklärt, dass einige dressierte Gämsen die Läufer auf den im Bereich der Felswände sichtbaren Schneefeldern nach oben ziehen würden. Das berichtet Hans Dapfer, ehemaliges Mitglied der Naturfreunde, im Gespräch mit dem Tölzer Kurier über die damalige Begegnung.

Abends bereiteten sich alle Beteiligten dann im Alpengasthof Eng bei einem Glaserl Wein auf den nächsten Tag vor. Tagesbestzeit fuhr doch etwas überraschend der Gaißacher Jugendläufer Hans Fischhaber. Zum Sieger wurde jedoch Wolfgang Kocak erklärt. Für den Haushamer zeigte die Stoppuhr exakt die gleiche Zeit, er war jedoch mit einer höheren Startnummer ins Rennen gegangen. Schnellste bei den Damen war Monika Seibold von den Naturfreunden Bad Tölz. „Zünftig ging’s immer her bei der Siegerehrung auf der Terrasse unseres Hotels“, erinnert sich Seniorchefin Margit Kofler an das alljährliche Treffen in ihrem Alpengasthof. Überall wurde anschließend in Skifahrerkreisen von dem Ereignis bei traumhaften Bedingungen erzählt, und so wurde das Teilnehmerfeld in den Jahren danach immer größer.

Und plötzlich stand eine Gämse mitten im Tor

Mehr als 140 Skibegeisterte kamen zum 4. Sommerlauf in die Eng, darunter auch Läufer aus Tirol. Bei diesem Rennen waren die Voraussetzungen besonders günstig. Schnee gab es in Hülle und Fülle, und so konnte der Lauf im unteren Teil vom Hochglück ausgetragen werden. Allerdings donnerten auch mehrmals Steinbrocken von den umliegenden Felswänden nieder. Ein Streckenposten am „Kirchl“, auch „Brotzeitfelsen“ genannt, unterbrach dann durch das Schwingen einer Fahne für kurze Zeit das Geschehen.

Ein ganz anderes Hindernis zwang Rudi Miller als Teilnehmer des Sommerlaufs einst, seine rasante Fahrt zu unterbrechen. Richtig flott unterwegs stand plötzlich eine Gämse mitten im Tor.

Da das Rennen gleichzeitig als Lauf des Unterbezirks „Hochland“ gewertet wurde, musste neben Torstangen, Zieltransparent und anderen Utensilien auch eine komplette elektronische Messanlage in schweißtreibender Trägerarbeit zum Austragungsort gebracht werden. Ein großer Aufwand – und deshalb wurde beschlossen, am Tag vor dem Sommerlauf bereits die vereinsinterne Clubmeisterschaft auszutragen.

1989 wurde der beliebte Lauf wiederbelebt

Mit der Zeit stumpfte aber das Interesse ab, die Teilnehmer wurden weniger, bis der Wettbewerb letztlich nicht mehr durchgeführt wurde. „Dann hat sich jedoch eine Gruppe entschlossen, den einst so beliebten Lauf wiederzubeleben“, berichtet Hans Dapfer über das Comeback 1989. Dapfer fungierte als Rennchef: „Zu den Hütten der Naturfreunde zählte die Laliderer Alm. Unweit davon wurde das Rennen abgehalten.“ Die Siegerehrungen wurden natürlich auf der Alm durchgeführt.

Wie oft dort gefahren wurde und wann endgültig zum letzten Mal ein Sommerlauf stattfand, ist nicht genau bekannt. 2016 jedenfalls hat sich der Verein aus Mangel an Interesse der Mitglieder an sämtlichen gebotenen Aktivitäten aufgelöst. Das war der einst so beliebte Sommerlauf in der Eng aber schon lange aus dem Jahresprogramm verschwunden.

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