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Streit um Gamsbeschuss im Tölzer Land - „Weit entfernt von bedrohlicher Bestandslage“

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Von: Felicitas Bogner

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Gams
In den Alpen finden Gams ideale Lebensbedingungen – nun wurde klar: der Bestand in den bayerischen Bergen ist nicht so gering wie von einigen gedacht. © LWF

Der Leiter des Tölzer Forstbetriebs, Rudolf Plochmann, spricht im Interview mit unserer Zeitung über die neuesten Erkenntnisse zum Gamsbestand im Karwendel. Er fühlt sich in seiner bisherigen Arbeit bestätigt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sie ist ein Wahrzeichen der bayerischen Alpen. Das Symboltier findet man sogar im Wappen der Jachenau. Doch auch darüber hinaus polarisiert die Gams immer wieder. Schließlich dreht sich seit Jahren ein Dauerstreit um ihren Beschuss. Nun brachten Forschungsergebnisse des Wildmonitorings im Karwendel allerdings zum Vorschein, dass es den Gams in Bayern besser geht, als viele dachten. Einen überrascht die Nachricht jedoch nicht: Rudolf Plochmann, den Leiter des Tölzer Forstbetriebs. Stand der Freistaat wegen seines Umgangs mit den Felskletterern oft in der Schusslinie von Tierschützern, sieht Plochmann sich in seiner Arbeit bestätigt. Im Interview erklärt er sein Vorgehen beim Gamsbeschuss und die Gründe dafür.

Herr Plochmann, Forschungsergebnisse brachten die Erkenntnis, was Sie seit vielen Jahren bereits zum Thema Gams sagen ...

Überrascht bin ich nicht. Wir nähern uns dem Thema des Gamsbestands seit Jahren von vielen Seiten an. Unter anderem zählen wir das Gamswild oberhalb der Waldgrenze oder sehen uns den Zustand der Waldverjüngung an. Deswegen sind unsere Schätzungen gar nicht weit davon weg, was Wissenschaftler nun mit aufwendigeren Methoden herausgefunden haben. Ich bin froh und dankbar darüber und hoffe, dass nun die Diskussion endlich versachlicht wird.

Mal von vorne. Wo findet man hier Gams?

Im Isarwinkel gibt es sie im Bergwald und oberhalb der Waldgrenze fast flächendeckend. Dort ist ihr natürliches Habitat.

Stimmt es, dass die Tiere sich wegen der vielen Freizeitsportler immer mehr in die Wälder verziehen?

Im gesamten Ökosystem spielen die zunehmenden Störungen durch den Menschen eine große Rolle. Vor allem, weil die Störungen im Vergleich zu früher in den frühen Morgen- und späten Abendstunden zugenommen haben. Das hat auch mit den E-Bikes zu tun. Es kommen mehr Menschen den Berg hoch und können dort auch länger bleiben, weil sie schneller wieder im Tal sind. Schalenwild generell und auch die Gams sind vor allem in den Dämmerungszeiten aktiv. Wenn sie gestört werden, suchen sie deckungsreiches Gelände auf – also Wälder. In der Folge steigt dort der Verbiss. Besonders problematisch ist das im Winter, da dann der Stoffwechsel der Gams reduziert ist. Die Tiere bewegen sich wenig und brauchen weniger Nahrung als im Sommer. Wenn sie gestört und zur Flucht gezwungen werden, steigt der Energie- und damit auch der Nahrungsbedarf an.

Wie werden die Tiere dem erhöhten Nahrungsbedarf gerecht?

Die Folge ist wiederum ein stärkerer Verbiss der Waldverjüngung.

Rudolf Plochmann
Rudolf Plochmann leitet den Tölzer Forstbetrieb. © Peter Kornatz

Wo führt das ab wann zu Problemen?

Es ist wie mit vielen Dingen im Leben. Die Dosis macht’s. Schwierig wird es dann, wenn die Anzahl und Konzentration in gewissen Bereichen zu groß wird, es zu viele Schäden im Wald gibt und es so zum Ungleichgewicht kommt. Denn die Gams regelt durch den Verbiss ja gewissermaßen die Konkurrenzsituation zwischen den jungen Bäumen und damit die zukünftige Waldzusammensetzung.

Wie meinen Sie das?

Im Wesentlichen haben wir Buchen, Fichten, Tannen und Ahorn im heimischen Bergmischwald. Die sind bei den Gams unterschiedlich beliebt – Tannenknospen schmecken offensichtlich besonders gut und werden deswegen am stärksten verbissen. Wenn aber eine Baumart bevorzugt verbissen wird, bleibt diese im Wachstum zurück, wird von den anderen Baumarten überwachsen und irgendwann ausgedunkelt. Auf diese Weise wird die eine Baumart quasi aussortiert. Man nennt das die selektive Wirkung des Verbisses.

Zunehmende Störungen durch Freizeitsportler führen zu mehr Verbiss in den Bergwäldern

Wo führt das zu Problemen?

Zum einen wollen wir natürlich die Tanne überall als wesentliche Baumart unseres Bergmischwaldes erhalten. Sie ist für unsere Wälder im Hinblick auf den Klimawandel unglaublich wichtig und unverzichtbar. Zum anderen kann es vor allem in sogenannten Schutzwäldern durch den Verbiss zu großen Problemen kommen. Diese Wälder sind enorm wichtig als Schutz vor Steinschlag, Lawinen oder Muren. Leider gibt es etliche Bereiche, in denen der Schutzwald aktuell in keinem guten Zustand ist. Fehler in der Vergangenheit wie Übernutzung, zu starke Beweidung aber auch überhöhte Bestände von Rot- und Gamswild haben dazu geführt, dass kein Jungwuchs mehr aufkommt und die beschriebenen Schutzfunktionen massiv gefährdet sind. Hier müssen die Förster aktiv eingreifen und Bäume für die nächste Waldgeneration pflanzen. Das kann aber nur gelingen, wenn durch eine intensive Jagd der Wildverbiss möglichst gering gehalten wird. Auf einzelnen Flächen hat man sogar die Schonzeit aufgehoben und bejagt die Gams ganzjährig. Das ist nicht schön, aber für eine gewisse Zeit unverzichtbar.

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Wo im Tölzer Land sind solche Gebiete?

Sanierungsbedürftige Schutzwälder sind meist oberhalb von Straßen und Ortschaften, die ohne Wald von Lawinen und Steinschlag bedroht sind. Ein Beispiel ist der steile Schutzwald oberhalb der Bundesstraße vom Sylvenstein zum Achenpass. Hier arbeiten die Förster seit Jahrzehnten intensiv für eine neue Waldgeneration, denn die Straße muss schon jetzt immer wieder wegen Lawinengefahr gesperrt werden.

Wann kann man die Ergebnisse davon sehen?

Erste Ergebnisse kann man schon sehen. Aber im Gebirge wachsen Bäume langsam. Bis der Schutzwald vollumfänglich saniert ist, warten noch Jahrzehnte harter Arbeit. Ich werde das nicht mehr erleben. Wir arbeiten für die Generationen nach uns und haben uns mit dem zu arrangieren, was unsere Vorväter hinterlassen haben. Das ist ein Generationenvertrag.

Plochmann: „Es geht um die Balance“

Wie viele Gams verträgt der Wald?

Hier kann niemand seriöse Zahlen nennen. So viele wie möglich, so lange der Verbiss nicht die Waldverjüngung verhindert. Da man Gamswild, und auch Rot- und Rehwild, im Wald nicht zählen kann, nehmen wir den Verbiss als Gradmesser. Der wird auch alle drei Jahre in Form des Vegetationsgutachtens durch die staatliche Forstverwaltung festgestellt. Verjüngt sich der Wald mit all seinen Baumarten, stimmt auch der Wildbestand.

Aktuell steht die Gams auf der Vorwarnstufe der Roten Liste. Halten Sie diese Einstufung für legitim?

Die Vorwarnstufe ist per se nichts sehr Bedrohliches. Rote Liste – das klingt immer plakativ. Aber wir sind weit entfernt von einer bedrohlichen Bestandslage. Abgesehen davon finde ich selbst diese Einstufung im Isarwinkel nicht gerechtfertigt.

Wie viele Gams wurden 2021 in Ihrem Revier geschossen?

Wir schießen im Tölzer Landkreis rund 400 Gams pro Jahr.

Was ist Ihr Ziel mit Blick auf das Wild im Wald?

Einen gesunden Wald mit Wild zu erhalten. Ein Wald ohne Wild ist nicht vorstellbar, ein Bergwald ohne Tanne aber auch nicht. Es geht um die Balance.

Interview: Felicitas Bogner

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