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Sie halfen bei der Suche nach Jeff Freiheit (v. li.): Peter Huck, Trevor McConnell, Caro W. (hinten li.), Ashley Lowe, Allyson Chaple, Martina Lachmuth (hinten, re.), Kayla Kuefler, Klaus Lechner, Marion Müller, Joseph und Susanne Williams, Oliver Landolt, Wolfgang Haider, Robin Simmerle, Anne Fuchs, Johanna Bartos und Roland Konopac.

Vermisster Wanderer

Die Suche nach  Jeff Freiheit führte sie zusammen: Freiwillige, die Freunde wurden

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Der kanadische Wanderer Jeff Freiheit verschwand am 2. August am Brauneck. In den Wochen danach standen dutzende Freiwillige seiner Familie zur Seite. Was bewegt Menschen dazu, völlig Fremden zu helfen? Eine Geschichte über das Suchen und das Finden, eine Geschichte voller Liebe und über Menschen, die bereit waren, etwas zu geben, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten.

LenggriesJeff Freiheit liebte Filme. Vor allem die mit Jack Nicholson. Er kannte ganze Passagen auswendig. Er unterrichtete Kinder, kümmerte sich besonders um die Schwächeren und sorgte dafür, dass niemand ausgeschlossen wurde. Er hatte eine Katze namens Sugar. Sein Kleidungsstil war manchmal ein bisschen ausgefallen, aber es war ihm egal, wenn jemand darüber schmunzelte. Jeff hing von klein auf sehr an seiner Mama. Er liebte  seine Frau Selena. Sie war 19 und er 23, als er sie zum ersten Mal bat, mit ihm auszugehen. Er reiste gerne. Für heuer hatte er sich ein besonderes Abenteuer vorgenommen: Die Alpenüberquerung auf dem Traumpfad München-Venedig. Der 32-Jährige hatte zuvor schon den Kilimandscharo bezwungen und das Mount-Everest-Basislager erreicht. In beiden Fällen war er mit einem Führer unterwegs. Dieses Mal brach er alleine auf. 

Einige erledigten Fahrdienste, andere übersetzten

Nichts von alledem wussten die Menschen hier über Jeff Freiheit, als sich die Spur des Kanadiers am 2. August am Brauneck verlor. Seine Mutter Kathy würde erst sehr viel später einige dieser kleinen Dinge über ihren Sohn erzählen. Jeff war da schon tot, abgestürzt auf der Südseite der Achselköpfe. Gefunden wurde er dort am 25. August – von seiner Mutter, seinem besten Freund Adam und Freiwilligen. Denn obwohl die Freiheits völlig Fremde waren, beschlossen in den Tagen nach dem Verschwinden hunderte Menschen, der Familie bei der Suche nach dem 32-Jährigen zu helfen.

Jeff Freiheit war auf dem Traumpfad-Fernwanderweg unterwegs. Am 2. August stürzte er auf den Südseite der Achselköpfe in den Tod.

Die Unterstützung fiel ganz unterschiedlich aus. Manche telefonierten Hütten ab, um herauszufinden, ob jemand den Kanadier gesehen hatte. Andere hängten Suchplakate zwischen hier und Venedig auf oder verteilten den Suchaufruf in sozialen Netzwerken. Wer Zeit hatte, übernahm wie Monika Brandhofer aus Lenggries Fahrdienste, um Selena und Kathy Freiheit beispielsweise in die Jachenau zu bringen. Oder übersetzte wie der Penzberger Ben Walz, der am Tölzer Gymnasium Englisch unterrichtet, die Kommunikation mit Behörden.

Koordiniert wurden die Aktionen über die Facebookgruppe „Volunteers searching for Jeff Freiheit“, die seine Schwester Amanda und ihr Mann Nick Devigne zusammen mit Rich Manfield gegründet hatten. Manfield drehte später noch kleine englischsprachige Videos, um Freunde in Kanada, die die Vermisstensuche verfolgten, auf dem Laufenden zu halten.

Als die Bergwacht nicht mehr suchen konnte, weil es einfach keinen weiteren Hinweis auf den Verbleib des 32-Jährigen gab, sprangen auch hier die „Volunteers“ ein. „Ich hab’ gedacht, es darf nicht sein, dass bei uns jemand vermisst wird, und wir ihn nicht suchen“, erklärt Martina Lachmuth aus Penzberg ihre Motivation. Die 38-Jährige brachte zusammen mit der Jachenauer Wildnis-Führerin Susanne Williams (48) Struktur in die Suche, während Oliver Landolt (48) aus München zusammen mit seinem Sohn Nicolas und Jeffs Freund Carter Gregory alle Bereiche, die bereits abgesucht waren, in eine Karte übertrug.

„Es kann nicht sein, dass  jemand verloren geht.“

Über die sozialen Medien stießen Trevor McConnell (25) und Ashley Lowe (23) auf die Suche. Beide kommen aus Toronto, leben aber derzeit in München. „Ich habe gedacht, ich bin Kanadierin. Ich sollte etwas unternehmen“, sagt Lowe. An einem Samstag brachen sie genauso wie Kayla Kuefler (24) aus Edmonton auf und suchten im Bereich der Tutzinger Hütte.   

Etwas tun wollte auch Anne Fuchs (37). „Es kann nicht sein, dass in meinem ,Wohnzimmer‘ jemand verloren geht“, dachte sich die Tölzerin und fuhr am Morgen des 25. August zum Brauneck. Genauso wie der Otterfinger Wolfgang Haider (54), die Jachenauerin Allyson Chaple (48), der Sauerlacher Peter Huck (51), der Dietramszeller Klaus Lechner (47) und die Waakirchnerin Marion Müller (43) war sie in der Gruppe, die Jeff Freiheit schließlich fand. Für Lechner war die Hilfe eine Selbstverständlichkeit. „Wenn es um mein Kind ginge, würde ich ja auch wollen, dass sich jemand kümmert.“

Einer der ersten, die aktiv suchten, war Robin Simmerle. Selbst nachts noch leuchtete er Berghänge bei Vorderriß ab – in der Hoffnung auf eine Reflexion und einen Hinweise auf den Verbleib des Kanadiers. „Ich bin schon so oft verloren gegangen“, sagt der 44-Jährige aus dem Kleinwalsertal. Daher wisse er, wie es sei, wenn man Hilfe brauche. Das weiß auch Susanne Williams. „Wer selbst schon mal gerettet wurde, dem ist klar, dass er das bei seinen eigenen Rettern nie wieder ausgleichen kann. Aber ich sehe es als Verpflichtung, etwas von der Hilfe, die man selbst erfahren hat, zurückzugeben.“ Bei Simmerle liegt es vielleicht aber auch ein bisschen in seinen Genen. „Mein Opa hat schließlich eine Bergwacht gegründet“, sagt er.

„Es war für mich normal, zu helfen“

Zeitgleich mit ihm startete Peter Huck die Suche. Der 51-Jährige radelte oder wanderte die Strecken ab, die Jeff Freiheit hätte nehmen können. So selbstlos sei das aber nicht gewesen, wendet er ein. „Ich wäre sowieso wandern gegangen. Und ob ich das nun woanders oder am Brauneck mache und vielleicht dem Zufall auf die Sprünge helfe, ist doch egal.“ Ähnlich formuliert es Wolfgang Haider: „Da ich ohnehin viel in den Bergen unterwegs bin und in der Region lebe, war es für mich normal, dass ich versuche zu helfen.“ Natürlich, sagt Huck, sei das Ganze noch einmal mehr zu einer Herzensangelegenheit geworden, nachdem er Jeffs Frau und seine Mutter zum ersten Mal persönlich getroffen hatte. „Wenn es um Menschen geht, die man mal in den Arm genommen hat, ist es natürlich was anderes.“ Johanna Bartos sieht das ähnlich. „Ich bin selber Mutter von zwei Söhnen. Ich hab’ das persönlich genommen“, sagt die 54-jährige Münchnerin. Wie der Neubiberger Roland Konopac (53) gehört sie der Münchner Bergwacht an, zu deren Einsatzgebiet auch das Brauneck zählt. Für Konopac kam Aufgeben übrigens nie in Frage: „Ich hab’ gesagt, ich dreh jede Latsche um und schau’ in jeden Spalt.“

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Trotzdem war es am Ende wohl Zufall oder vielleicht auch Schicksal, dass Kathy Freiheit erst den Schuh und dann den Rucksack ihres Sohnes entdeckte – nur Minuten, nachdem die Freiwilligen an jenem wolkenverhangenen Samstag zur Suche aufgebrochen waren. „Ich war am Mittwoch davor an derselben Stelle, nur fünf Meter weg – und ich hab’ ihn nicht gesehen“, erzählt Robin Simmerle. Deshalb sei jede Kritik an der Bergwacht völlig haltlos. „Auch auf den Videos, die ich von dem Bereich gemacht habe, war nichts“, ergänzt Susanne Williams. Der grüne Rucksack habe von oben ausgesehen wie Blätter, schildert Marion Müller. „Der war von der Umgebung nicht zu unterscheiden.“

„Wir sind ein Clan, ein Herzenstruppe“

Der Moment, in dem klar war, dass sie Jeff tatsächlich gefunden hatten, „lässt sich kaum beschreiben“, sagt Klaus Lechner. „Enttäuschung, Erleichterung“ – alles sei dabei gewesen. Natürlich habe man irgendwann gewusst, dass man ihn wohl nicht mehr lebend finden würde, ergänzt Anne Fuchs. Das änderte aber nichts am unbedingten Willen. „Mir war es wichtig, dass ihn seine Familie mit nach Hause nehmen kann.“

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Die Suche hat viele der Freiwilligen zusammengeschweißt. „Wir sind ein Clan“, sagt Susanne Williams. „Eine Herzenstruppe“ – und dazu zählt sie alle Helfer – von den Suchern über den Bergbahn-Betreiber, die Polizei und die Bergwacht bis hin zu den Almleuten, die die Auffahrt mit dem Auto erlaubten. Viele aus der Gruppe haben Nummern ausgetauscht. „Wir gehen bestimmt noch mal zusammen wandern“, sagt Anne Fuchs.

Dass die Suche und das Schicksal der Freiheits viele nachhaltig bewegt hat, zeigt auch die Tatsache, dass niemand die Facebook-Gruppe auflösen will. Mehr als 500 Mitglieder zählt sie mittlerweile. Viele sprachen sich dafür aus, die Gruppe bestehen zu lassen – im Gedenken an den 32-Jährigen, aber auch als Erinnerung an diese außergewöhnliche Unterstützungsaktion und den Zusammenhalt, der hier entstanden ist. Nick Devigne hat sie deshalb nur umbenannt: Aus den „Volunteers“ sind jetzt die „Friends of Jeff Freiheit“ geworden.

Vor wenigen Tagen hat Kathy Freiheit ihren Sohn nach Hause gebracht. In Brandon wurde er am Samstag zu Grabe getragen. Jeff Freiheit hinterlässt in Kanada eine Familie, die ihn liebt – und in Oberbayern viele Freunde. Freunde, die ihn nie kennengelernt haben, die ihn aber trotzdem niemals vergessen werden.

Read here an english translation of the story 

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