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2500 Exponate gibt es im Lenggrieser Tiermuseum.

Tiermuseum

Warum man in Lenggries ein Gnu sucht

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Einst war es Deutschlands größtes privates Tiermuseum. Doch seit acht Jahren ist die Lenggrieser Institution am Bergweg geschlossen.

Lenggries –  Die Hoffnung, dass sich irgendwann jemand findet, der das Museum wieder aufmacht, hat Petra Waldherr-Merk noch nicht ganz aufgegeben. Aber letztlich bräuchte es dazu schon jemand ganz Besonderen, sagt sie. Einen, der sich mit den Trachten, die im Laden im Erdgeschoss verkauft werden, ebenso auskennt wie mit den rund 2500 Tierpräparaten im Untergeschoss, einen Jäger und Tierliebhaber, der Fragen mit Sachverstand beantwortet, und natürlich einen leidenschaftlichen Sammler. Waldherr-Merks Vater Kaspar war so ein Mann. Im September ist er mit 83 Jahren gestorben.

„Ein bisschen aus Schicksal, ein bisschen aus Hobby“ habe ihr Vater das Museum 1973 gegründet, erinnert sich Waldherr-Merk (50). Eigentlich war Kaspar Waldherr Spengler und hatte sich mit einem Betrieb selbstständig gemacht. Doch 1960 erkrankte er an Kinderlähmung. „Wir waren froh, dass er nicht komplett gelähmt blieb, aber es gab Spätfolgen.“ Trotzdem führte er zusammen mit Ehefrau Theresia den Familienbetrieb noch bis Anfang der 70er-Jahre. Dann entstand die Idee mit dem Museum.

Tag für Tag verbrachte Kaspar Waldherr in seinem Museum und beantwortete fachkundig die Fragen der Besucher. Im September ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

Die ersten Präparate stammten aus einem Nachlass, den Waldherr aufkaufte. Der ganze Verkaufsraum habe vollgestanden, erinnert sich Petra Waldherr-Merk. Das Problem: Besucher fassten die ausgestopften Tiere an, das eine oder andere Exponat verschwand auch einfach. Da sei die Idee entstanden, die Tiere hinter Glas auszustellen. „Meine Mutter hat dann gesagt: Das kannst du doch unterirdisch bei mir im Garten machen“, schildert Kaspars Ehefrau Theresia Waldherr. Über die Jahre wuchs das Museum, das Interesse war groß. Schulklassen kamen, Busgruppen, das Museum machte sich einen Namen – weit über die Region hinaus. „Mein Mann hat einmal in der Mongolei Jäger aus Norwegen getroffen. Als er erzählte, dass er aus Lenggries kommt, hat einer gesagt: ,Das kenn ich. Das ist ein Jagdmuseum. Da war ich schon“, erinnert sich Theresia Waldherr. Wobei es Jagdmuseum nicht so richtig trifft. „Für jedes Exponat gibt es einen Herkunftsnachweis. Für das Museum ist kein einziges Tier geschossen worden“, sagt Tochter Petra. Stattdessen stammen die Tiere beispielsweise von Vogelschutzwarten oder aus Zoos. Ihr Sohn Felix Merk erinnert sich daran, dass sich sein Opa schon mal in den Zug setzte, um in Oslo ein Schneehuhn aus dem Zoo abzuholen.

Dabei war Kaspar Waldherr der Jagd durchaus verbunden und kümmerte sich in der Kreisjagdgruppe lange um die Ausbildung des Nachwuchses. Mit allem einverstanden war er aber bei Weitem nicht. „Er hat sich nie gescheut, seine Meinung zu sagen. Er hat sich beispielsweise furchtbar über einige Jäger aufgeregt, die aus seiner Sicht alles zusammengeschossen haben“, erinnert sich seine Tochter. Auch mit dem Forst, der immer höhere Abschusszahlen forderte, legte er sich an.

36 Jahre lang war das Museum an 365 Tagen im Jahr geöffnet, jeweils von 10 bis 16 Uhr – mit zwei Ausnahmen: „Nur an Heiligabend haben wir mittags zugemacht, und am ersten Feiertag erst mittags geöffnet“, sagt Petra Waldherr-Merk. Personal gab es, bis auf die Familie, keines. Trotzdem – und obwohl die Besucherzahlen gut waren – „ist ein Museum nie ein Geschäft“, sagt Theresia Waldherr. Als Ergänzung gab es daher den Souvenirladen im Erdgeschoss. Dort gab es alles – vom Fuchsschwanz bis zum Trachtenschmuck.

„Ich hab’ gedacht, wir hören damit nie auf“, sagt Theresia Waldherr. Tag für Tag verbrachte ihr Mann im Museum, beantwortete fachkundig die Fragen der Besucher und kümmerte sich um den Bestand. Doch von einem Tag auf den anderen beschloss Kaspar Waldherr, dass es nun genug sei. Tochter Petra hatte sich gerade mit ihrer Hirschkuss-Manufaktur in Gaißach niedergelassen. Das Museum schloss. „Natürlich ist es nach wie vor schade“, sagt die 50-Jährige. Allerdings sei noch alles so wie am Tag der Schließung. „Wir müssten nur durchwischen und könnten aufmachen.“ Die Exponate seien in einwandfreiem Zustand. Viele davon hat Petra Waldherr-Merks vor 20 Jahren verstorbene Schwester Heidi präpariert. Ob das Museum noch einmal aufmachen wird – Petra Waldherr-Merk weiß es nicht. „Die Zeiten haben sich geändert. Heute müsste man fast Führungen anbieten, um das Museum zu erklären“, sagt sie.

Ganz vergessen ist das Tiermuseum aber noch nicht. Es kommt durchaus vor, dass der eine oder andere Isarwinkler ein verendetes oder überfahrenes Tier vorbeibringt und fragt, ob das nicht etwas fürs Museum sei. Und manchmal ruft auch noch jemand an. Für jeden, der nicht mit einem Tiermuseum unter dem heimischen Garten aufgewachsen ist, klingen diese Anrufe wahrscheinlich reichlich skurril. „Zuletzt wollte jemand bei uns ein Gnu kaufen“, sagt Felix Merk schmunzelnd. Hier hätte das Museum aber so oder so nicht weiterhelfen können: Dort stehen nämlich nur Tiere aus Mitteleuropa.

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