Blick vom Roßsteingipfel zur Tegernseer Hütte. Unmittelbar darüber erhebt sich der Buchstein mit der Südwand.
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Blick vom Roßsteingipfel zur Tegernseer Hütte. Unmittelbar darüber erhebt sich der Buchstein mit der Südwand.

Oberlandtouren im Tölzer Land

Charakterberg mit Doppelgipfel

Roß- und Buchstein zählen zu den vielseitigsten Hausbergen. Eine Tour auf die markanten Gipfel.

Lenggries – Markant hebt er sich empor, der 1700 Meter hohe Doppelgipfel des Roß- und Buchsteins. Er ist die höchste Erhebung zwischen dem Isarwinkel und dem Tegernseer Tal – genau auf der Grenze zwischen den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach. Wer sich ihm zum ersten Mal nähert, der erschrickt freudig, wenn sich dieses kecke Felsmassiv plötzlich zwischen lauter gemütlichen Wiesen- und Waldgipfeln heraushebt. Ein richtiger Charakterberg eben.

Der Roß- und Buchstein ist vielleicht der vielseitigste aller Isarwinkler „Hausberge“, denn er lässt sich über zahlreiche, sehr unterschiedliche Wege besteigen. Und er ist ein Berg mit gefühlt 100 fantastischen Kletterrouten im weißen, eisenharten Korallenkalk. Zudem steht im schmalen Sattel zwischen beiden Gipfeln – einem Adlerhorst gleich und ein Kalenderbildmotiv – die kleine bewirtschaftete „Tegernseer Hütte“ des Alpenvereins mit einer Aussichtsterrasse direkt über dem südseitigen senkrechten Abgrund. 1903 erstmals errichtet, brannte sie 1965 nach Blitzschlag komplett ab, wurde neu erbaut und zuletzt 2006 saniert.

Rund um dieses Schmuckstück möchten die sympathischen Wirtsleute Michl und Sylvia Ludwig für ihre Gäste trotz des bisweilen extremen Ansturms noch eine Atmosphäre von natürlicher Abgeschiedenheit aufrechterhalten: Wer dort trotz der grandiosen Aussicht immer noch glaubt, lieber mit seinem Smartphone spielen und seine Mitmenschen mit lästigem Gelaber nerven zu müssen, für den haben sie am Hütteneingang unmissverständlich einen Hackstock und einen Hammer platziert, versehen mit dieser Hinweistafel: „Handy bitte hier ausschalten.“

Mit Herzklopfen über steile Felsen zum Buchsteingipfel

Der kürzeste Anstieg auf den Roß- und Buchstein ist jener vom südseitigen Bayerwald an der Bundesstraße 307. Von dort aus gewinnt man rasch an Höhe, passiert den herrlich gelegenen Sonnbergalm-Hochleger, gelangt kurzweilig zum markanten Brotzeitfelsen und kommt direkt an der schlanken, bis zu 50 Meter hohen Roßsteinnadel vorbei, die vom Bergkörper durch eine tiefe Kluft abgespalten ist. Sodann steigt man besonders vorsichtig an einigen Drahtseilen hinauf zur Tegernseer Hütte. Leichtsinn ist dort nicht erlaubt, denn unterhalb des Steiges bricht es senkrecht zur Nadel hin ab. Nach rund zwei Stunden hat man es dann bis zur Hütte geschafft.

Hier hat der Bergfreund nun die Wahl, welchem Gipfel des felsigen Brüderpaares er aufs Dach steigen möchte: Entweder er steigt über den kurzen, leichten Ostrücken auf den Roßstein – oder er klettert mit Herzklopfen durch eine Wandeinbuchtung über steile, griffige Felsen hinauf zum zwei Meter höheren Buchsteingipfel. Wage es, wer sich das zutrauen darf! Die Kletterei ist nicht schwer, aber die Felsen sind durch die vielen Begehungen extrem abgeschmiert und insbesondere bei Nässe spiegelglatt. Ganz bewusst hat der Alpenverein hier keine Drahtseile angebracht, sonst würden sich nur noch mehr ahnungslose Aspiranten in Gefahr begeben.

Schöne Tour mit dem Mountainbike zum Röhrlmoos

Besonders schön, aber deutlich weiter sind die Zugänge von Lenggries aus: Eine Möglichkeit besteht darin, ab Fleck mit dem Mountainbike (oder heute ganz trendig als Faulenzervariante per E-Bike) zum Röhrlmoos, einem bezaubernden kleinen Alpenmoor, und dann die Kehren hinauf zu den Roßstein-Almen zu fahren. Von dort aus benötigt man nur noch eine gute halbe Stunde bis zu den Gipfeln: Entweder wählt man jetzt den einfachsten, auch relativ schattigen Nordaufstieg zur Tegernseer Hütte, oder (schöner) man umrundet den Roßstein westseitig und stößt am Brotzeitfelsen auf den bereits beschriebenen Südaufstieg vom Bacherwald. Eine dritte, besonders reizvolle Möglichkeit (aber nur für Geübte) führt über den luftigen Westgrat direkt auf den Roßstein.

Der schönste, aber auch längste und abwechslungsreichste Weg zum Roß- und Buchstein mit immer wieder wechselnden Ausblicken ist aber jener ab Fleck über die Bauernrast zum Sattel Mariaeck und in einer langen Querung unter den Felsnadeln des Plattel hindurch zu den Roßstein-Almen.

Wen wunderbare Roß- und Buchstein einmal freundlich empfangen haben, der ist unheilbar vom Bergvirus befallen und kommt immer wieder. Das gilt insbesondere für jene, die das spannende Abenteuer im steilen Fels suchen und hier ein geradezu ikonisches Kletterparadies vorfinden. Am Roßstein, an der Roßsteinnadel und am Buchstein gibt es heute unzählige Routen mit Klettergartencharakter vom dritten bis zum neunten Schwierigkeitsgrad. Früher war es hier ausgesprochen gefährlich zu klettern, worauf mehrere Marterl am Wandfuß hindeuten. Doch seit der Routen-Sanierung mit Bohrhaken haben viele Wege Plaisircharakter, und man kann dort auch schon mal im Stau stehen.

Besonders beliebt sind die Reibungskletterei an der „Sonnenplatte“ des Roßsteins, auch „Zwergerlrutschbahn“ genannt (Schwierigkeitsgrad IV), dann der exponierte Westgrat auf die Nadel (III+) sowie die Mehrseillängenroute „Südwand-Schmankerl“ auf den Buchstein (V-VI), die – wie unzählige andere Routen auch – von einheimischen Kletterern perfekt mit Standplatz- und Zwischenhaken abgesichert worden ist. (Rainer Bannier)

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