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„Es wird neu verhandelt, was man als Verbraucher eigentlich kann, soll und darf“: Tom Hansing mit dem von ihm mitherausgegebenen Buch „Die Welt reparieren“.

Tom Hansing stellt sein Buch vor

Ein Lenggrieser repariert die Welt

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Der Wegwerfkultur ein Schnippchen schlagen: Der Lenggrieser Tom Hansing stellt in dem neuen Buch „Die Welt reparieren“ eine soziale Praxis jenseits von Markt und Staat vor.

Lenggries – „Die Welt reparieren“ heißt ein Buch, das eine Art neuer sozialer Praxis vorstellt: Menschen reparieren lieber statt kaputte Geräte einfach in die Tonne zu hauen. Sie organisieren sich gemeinschaftlich, teilen Gebrauchsgegenstände, machen Wissen für die Allgemeinheit zugänglich, retten Lebensmittel vor der Entsorgung oder versorgen sich gleich selbst. Damit schlagen sie einigen Mechanismen unserer Wegwerfkultur ein Schnippchen, organisieren sich jenseits von Markt und Staat – und haben auch noch Spaß dabei. Einer der Herausgeber des Buchs ist der Soziologe Tom Hansing (40). Der zweifache Familienvater stammt aus Lenggries und lebt heute in Berlin.

Herr Hansing, dem Titel Ihres Buchs zufolge beschränken Sie sich nicht aufs Herrichten von Radios oder Staubsaugern, sondern wollen gleich „die Welt reparieren“. . .

Stimmt, der Titel klingt nach einem wenig demütigen Anspruch. Dahinter verbirgt sich aber eigentlich das genaue Gegenteil. Die Diagnose „kaputt“, die am Anfang vieler Aktivitäten „in eigenem Auftrag“ steht, bezieht sich heute nicht mehr nur auf Bügeleisen, iPhones und Fahrradschläuche, sondern zielt auf alles, was als verbesserungswürdig gesehen wird – die Stadtplanung, das gesellschaftliche Verhältnis zur Natur oder die strukturelle Ausbeutung des globalen Südens. Reparieren als Antwort auf das Defekte generell. Bei den Ansätzen, um die es im Buch geht, zeigen wir die Hinwendung zum Machbaren, dem Kleinräumigen, zu dem, was man konkret vorfindet – zum Beispiel dem Reparieren eines Alltagsgegenstands. Wer sich bemächtigt, ein Gerät zu verstehen und es selbst zu reparieren, statt es wegzuwerfen und ein neues zu kaufen, der tut etwas, was im Industriekapitalismus nicht vorgesehen ist. Es wird neu verhandelt, was man als Verbraucher eigentlich kann, soll und darf. Die Annäherung weg vom Utopischen hin zu den konkret auffindbaren Möglichkeiten etwas selber zu machen, das ist etwas Neues und eine ganz andere Form der Systemkritik als etwa bei den 68ern etwa, wo Theorie und Diskurs die Bezugsgrößen waren.

Aber die Welt verbessern wollen die Menschen, die diesen Ansatz verfolgen, schon?

Ja, aber nicht gleich die Weltordnung im Großen – etwas, das womöglich kaum zu beeinflussen ist –, sondern in dem Rahmen, in dem es vor Ort gemeinsam mit anderen geht. Man hilft sich gegenseitig, man hebt die Grenze zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden auf. Das Besondere dabei ist, dass all das ohne ein verbissenes Recht-Haben-Wollen passiert. Der Austausch auf Augenhöhe steht im Vordergrund. Man kann auch nicht von einer einheitlichen Bewegung sprechen. Es sind eher ganz viele kleine Bewegungen, informell und durchaus mit Spaß bei der Sache.

Wie ist das Buch entstanden?

Aus der täglichen Arbeit der „Anstiftung“ heraus, der Stiftung, bei der ich beschäftigt bin. Wir fördern und vernetzen Initiativen des Selbermachens und der Selbstversorgung, seien es offene Werkstätten, Gemeinschaftsgärten, neue Formen des Reparierens, Produzierens und des Fabrizierens. In dem Buch haben wir 32 Praxisbeispiele aus neun Bereichen zusammengetragen, etwa Energie, Essen, Reparieren, Mobilität oder Kommunikation.

Was wäre so ein Praxisbeispiel?

Etwa die „Volxküchen“ und die „NoBorder Kitchens“: Im Sommer 2015 schafften es Freiwillige am Münchner Hauptbahnhof, bis zu 5500 warme Mahlzeiten pro Tag für die ankommenden Flüchtlinge zu kochen. Dabei geht es aber nicht nur um Nahrungsaufnahme, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes um das Wohlergehen der Ankommenden. Die Fürsorglichkeit, die zumeist in engen Familien- oder Freundschaftsbeziehungen gepflegt wird, wandert in die öffentlichen Orte, an denen Schutzsuchende in Schlangen stehen. Die Helfer wurden direkt vor Ort rekrutiert. Sie wurden so zu Komplizen und Kollaborateuren – eine privat und spontan organisierte Alternative dazu, dass die Geflüchteten „staatlich behandelt“ wurden.

Wie leben Sie persönlich in Ihrem Alltag das „Welt-Reparieren“?

Ich bin selbst in einer offenen Werkstatt aktiv, in der wir zum Beispiel Siebdruckgeräte bauen, mit denen man dann T-Shirts gestalten oder Kunst produzieren kann. In der Werkstatt werden viele Sprachen gesprochen, und es kommen Menschen aus unterschiedlichen Milieus zusammen. Die Grenzen zwischen den Menschen werden abgebaut. Zudem teile ich mit Nachbarn Eigentum: Ich besitze Lastenräder, die ich kostenfrei zur Verfügung stelle. Ich benutze die Lastenräder nicht jeden Tag, warum also sollen nicht die Nachbarn damit die Waschmaschine zur Reparatur bringen, ihr Umzugsgut transportieren oder mit dem Grill in den Park fahren? Lastenräder sind sowieso stark im Kommen, als Ersatz fürs Kfz.

Sind Ihnen auch Beispiele aus dem Landkreis bekannt?

Ja, auch hier werden es immer mehr. Da ist zum Beispiel der Gemeinschaftsgarten am ehemaligen Franziskanerkloster. Das ist auch deswegen ein interessantes Projekt, weil man auch nur temporär mitmachen kann. Und weil es flexibel ist. Wenn die Rosentage stattfinden, kann der Garten verlegt werden. Außerdem gibt es den „Lenggrieser Acker“, den verschiedene Menschen gemeinsam bewirtschaften. In Bad Tölz gibt es eine offene Werkstatt in der Angerstraße. Und es gab schon Gespräche bei den Isarwinkler Werkstätten, am Jungmayrplatz eine offene Werkstatt einzurichten. Dieses Projekt ist aber noch nicht verwirklicht.

Was könnten noch Ansätze für den ländlichen Raum sein?

Es gibt die Idee des Projekts Open Source Ecology, die 50 wichtigsten Landmaschinen selbst zu bauen. Ein Landwirt aus Lenggries würde jetzt vielleicht noch darüber lachen. In 20 Jahren könnte das anders sein. Die Hersteller schließen den Kunden immer mehr aus. Als Herzstück der Landmaschinen tritt die Software in Erscheinung – und die ist als „geistiges Eigentum“ geschützt, patentiert und unantastbar. Der Nutzer kann nicht selbst reparieren, weil er die Diagnose-Software nicht kriegt. Deswegen werden Konzepte, die den Landwirten mehr Eigenständigkeit geben, im ländlichen Raum an Relevanz gewinnen. Und diese Eigenwilligkeit liegt ja den Bayern im Blut.

Infos: „Die Welt reparieren, Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis“, herausgegeben von Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller und Karin Werner; transcript-Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro. Auf der Internetseite www.die-welt-reparieren.de kann man das Buch auch kostenlos als E-Book oder als pdf-Datei herunterladen.

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