+
Aussprache im Gasthaus (v. li.) Amanda Reiter, Lisa Busch (Vorstandsmitglied Schutz-Verein), Bill Mozer (Zweiter Vorsitzender des Vereins „Mia san’s“) und Michael Gascha (Vorsitzender des Lenggrieser Faschingsvereins).

Nach diskriminierenden Scherzen

Transsexuelle spricht sich mit Faschings-Burschen aus

  • schließen

Lenggries – Nach der Entgleisung beim Lenggrieser Faschingszug fand die Aufarbeitung nun ein versöhnliches Ende. Amanda Reiter traf sich mit den Erbauern des Wagens, der auf geschmacklose Art die Transsexualität der Unternehmerin thematisiert hatte.

Die 24 jungen Männer entschuldigten sich bei der Lenggrieserin – und sie reichte jedem einzelnen die Hand. Michael Gascha, Vorsitzender des veranstaltenden Vereins „Mia san’s“, räumte ebenfalls Fehler ein und kündigte für die Zukunft Konsequenzen an.

Es gehe ihr darum, „aus einer Niederlage etwas Positives zu machen“, erklärte Reiter zu Beginn der Zusammenkunft im Wegscheider „Pfaffensteffl“. Deswegen war es ihr wichtig, die Burschen auf die Tragweite ihres Handelns hinzuweisen und für die Situation transsexueller Menschen, aber auch anderer Minderheiten zu sensibilisieren. Dabei bekam sie Unterstützung von Lisa Busch vom Vorstand des Tölzer Vereins „Schutz“ (Schwule und Lesben im Oberland).

Bei den Darstellungen und Aufschriften auf dem Wagen (siehe Bericht) habe es sich eindeutig um Diskriminierungen gehandelt, stellte Reiter fest. Davon betroffen sei nicht nur sie allein. „Ich habe einen neunjährigen Sohn. Was soll ich ihm sagen, wenn er in der Schule damit konfrontiert wird?“ Zudem gebe es in der Region noch mehr Transsexuelle, rein statistisch müssten es allein in Lenggries rund 100 sein. „Ihr müsst also damit rechnen, dass in Eurer Familie auch welche dabei sind.“ Öffentlich werde diese Tatsache aber kaum. „Die meisten verstecken sich, aus Angst, niedergemacht zu werden“, sagte Reiter. Diese traurige Tendenz sah sie durch den Faschingswagen verstärkt. „Soweit haben wir nicht gedacht“, räumten die Burschen ein. „Aber jetzt hat’s jeder kapiert.“

Ähnliche Auswirkungen skizzierte Lisa Busch auch für Schwule und Lesben. Von denen, die sie im Schutz-Verein kenne, leben Busch zufolge nur etwa 20 Prozent geoutet. „Die anderen trauen sich nicht. Sie fürchten die Reaktion ihrer Eltern, Kollegen, Freunde, Mitschüler oder -studenten.“ Zwar lebe es sich im Tölzer Land als homosexueller Mensch im Allgemeinen gut. „Trotzdem existieren Anfeindungen, und das Mobbing ist nicht zu unterschätzen.“ Ihre Hoffnung sei nun, dass die Wagenbauer in Zukunft in ihrem Umfeld gegen Diskriminierungen eintreten. „Widersprecht, wenn gelästert wird, oder wenn jemand ,schwul‘ als Schimpfwort benutzt“, sagte Busch.

Da schloss sich Amanda Reiter an: „Ihr habt etwas gutzumachen, also tut es!“ Als eine erste Schlussfolgerung aus dem Faschings-Eklat will der Schutz-Verein mit Unterstützung von „Mia san’s“ für mehr Aufklärung über Transsexualität sorgen und hat dazu den ehemaligen Leistungssportler Balian Buschbaum zu einem Vortrag nach Lenggries eingeladen. Er wurde im Körper einer Frau geboren, lebt heute aber als Mann.

Nicht akzeptieren wollte Amanda Reiter Erklärungen der jungen Männer, laut denen der Wagen so nicht geplant gewesen sei und sie ursprünglich nur Grundstücksangelegenheiten rund um die Reiter-Säge hätten thematisieren wollen. „Ihr habt den Wagen über Wochen und Monate geplant und vorbereitet, das war kein spontaner Ausrutscher.“ Genau erkundigte sie sich auch nach dem Alter der Beteiligten. Ergebnis: Die meisten sind um die 20, einzelne auch 27 oder 28. Verantwortung trägt aus Reiters Sicht zudem der Faschingsverein – aber auch die Allgemeinheit. „Was ich stark kritisiere, ist, dass der Wagen durch Lenggries gefahren ist und keiner die Courage hatte, dagegen vorzugehen.“ Dankbar sei sie dagegen den Menschen, die sich durch öffentliche Statements und Leserbriefe für ihre Belange einsetzten.

„Ich nehme mich keineswegs aus der Verantwortung“, sagte Gascha als Vorsitzender des Faschingsvereins. „In fünf Jahren werden wir anders an die Sache herangehen und vorher mit zwei Leuten die Wagen noch einmal genau anschauen. Im Bedarfsfall sagen wir dann: Ihr müsst den Wagen entschärfen oder Ihr fahrt nicht mit.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Guten Morgen! Unser blumiges Leserfoto des Tages
Guten Morgen! Unser blumiges Leserfoto des Tages
Termine des Tages: Das steht an am Dienstag
Termine des Tages: Das steht an am Dienstag
Schulleiter Klaus Fortner verlässt Realschule Hohenburg nach nur zwei Jahren
Klaus Fortner geht zum Ende des Schuljahres. Den Leiter der St.-Ursula-Mädchenrealschule zieht es zurück in seine Heimat Neuburg an der Donau. Er ist seit zwei Jahren in …
Schulleiter Klaus Fortner verlässt Realschule Hohenburg nach nur zwei Jahren
Feuerwehr zu Porsche-Crash: „So etwas noch nie gesehen“
Bichl - Dieser Unfall schockierte selbst erfahrene Rettungskräfte: Eine Porsche-Fahrerin touchierte bei einem Überholmanöver zwei Autos und fuhr frontal in ein drittes. …
Feuerwehr zu Porsche-Crash: „So etwas noch nie gesehen“

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare