1. Startseite
  2. Lokales
  3. Bad Tölz
  4. Lenggries

Lawinenunglück vor 90 Jahren in Lenggries: Der weiße Tod für sieben Männer der Landespolizei München kam lautlos

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Am Feuchtecksattel entstand dieses Gruppenbild. Sechs der neun Männer auf dem Foto verunglückten wenige Tage später.
Am Feuchtecksattel entstand dieses Gruppenbild. Sechs der neun Männer auf dem Foto verunglückten wenige Tage später. © Krinner

Am 20. Januar 1931 – also vor 90 Jahren – verunglückten sieben junge Männer bei einem Lawinenabgang an der Probstalm tödlich. Sie alle gehörten der Bayerischen Landespolizei an, die „zum Zweck der Winterausbildung“ die auf 1379 Meter Höhe gelegene Probstalm-Hütte gepachtet hatte.

Lenggries – Der weiße Tod holt sich immer wieder neue Opfer. In manchen Jahren ist die Zahl der tödlichen Unglücksfälle durch Lawinenabgänge besonders hoch – wenn Wetter- und Schneelage eine verhängnisvolle Kooperation eingehen. Und manches Mal war und ist auch unbewusstes oder fahrlässiges menschliches Verhalten Ursache derartiger Katastrophen. 90 Jahre ist es jetzt her, dass bei einem Lawinenabgang auf der Probstalm sieben junge Männer ihr Leben verloren.

Ein weiteres Opfer konnte schwer verletzt, aber lebend gerettet werden. Sie alle gehörten der Bayerischen Landespolizei an, die „zum Zweck der Winterausbildung die auf 1379 Meter Höhe gelegene Probstalm-Hütte gepachtet hatte“, steht in einer Aufzeichnung des inzwischen im Ruhestand befindlichen ehemaligen Lenggrieser Polizeihauptkommissars Johann Ertl.

Ertl hat das dramatische Ereignis von 1931 für das Polizeiarchiv nachverfolgt. Generell, so wird geschildert, kamen die Teilnehmer der Skikurse mit dem Zug von München nach Lenggries, um dann von dort aus auf dem damals sogenannten Reichswehrweg den mehrstündigen Aufstieg über das Längental zur Probstalm zu beginnen. So scheint es auch bei jener wohl 14-köpfigen Gruppe gewesen zu sein, die seinerzeit vom 13. bis zum 21. Januar einen Skikurs im Kessel zwischen Latschenkopf, Achselköpfen und Benediktenwand absolvieren sollte. Die Teilnehmer seien allesamt gute Skiläufer gewesen, die Leitung oblag hochalpin erfahrenen Leuten.

Hauptwachtmeister Konrad Stadlhuber aus Bad Tölz verlor am 20. Januar 1931 sein Leben.
Hauptwachtmeister Konrad Stadlhuber aus Bad Tölz verlor am 20. Januar 1931 sein Leben. © KN

Als sportlicher Leiter des Kurses war der 27-jährige Hauptwachtmeister Konrad Stadlhuber aus Tölz bestellt. Doch die äußeren Bedingungen – Regenfälle hatten den Neuschnee an der Oberfläche wässrig gemacht – waren äußerst widrig. Die damit verbundene Lawinengefahr war den Männern bewusst. Entsprechend wählten sie deshalb ein Übungsgebiet, das „nach menschlichem Ermessen und damaligem Wissen“ auch bei derartigen Verhältnissen als lawinensicher galt: an einer vorspringenden Rippe des Rotöhrsattels – einem Einschnitt zwischen Achselköpfen und Benediktenwand.

Schneebrett mit einer Länge von etwa 200 Metern abgebrochen

Am vorletzten Tag des Kurses befindet sich die Hauptgruppe mit wahrscheinlich elf Skiläufern gegen 15 Uhr beim Aufstieg im Steilhang des Kessels, als offenbar lautlos die tückischen Schneemassen talwärts schießen. Ein Schneebrett mit einer Länge von etwa 200 Metern ist abgebrochen und verfüllt den 30 bis 40 Meter breiten Talgrund bis zu sechs Meter hoch. Wahrscheinlich, so Ertls Recherche, seien neun Teilnehmer mitgerissen worden. Im Abstand von etwa 300 Metern und außer Sichtweite sind vermutlich drei andere Kursteilnehmer der ersten Gruppe gefolgt.

Erst durch Hilferufe werden sie auf das Unglücksgeschehen aufmerksam. Sofort nehmen die heil Gebliebenen die Suche nach den Vermissten auf, eiligst werden über das Telefon der Tutzinger Hütte Rettungskräfte alarmiert. Einer der Kameraden kann schließlich bewusstlos und schwer verletzt gerettet werden, doch sieben weitere junge Leute bleiben vorerst in den Schneemassen verschollen.

Über 100 Helfer suchen die Vermissten

Nach dem zeitraubenden Aufstieg sind weit mehr als 100 Helfer die ganze Nacht über im gefahrvollen und äußerst kräftezehrenden Einsatz – allen voran Mitglieder der aus den Alpenvereinssektionen hervorgegangenen Bergwacht-Rettungsstellen Bad Tölz, Lenggries sowie Benediktbeuern und Ried. Später stoßen noch Kollegen von der Münchner Bergwacht und von der Landespolizei dazu. Systematisch werden längs und quer durch das Lawinenfeld tiefe Gräben geschaufelt, mit Sondiereisen wird nachgesucht. Der Lawinenkegel wird dazu mit 150 Fackeln taghell erleuchtet. Überdies beobachten Sicherungskräfte mit tragbaren elektrischen Scheinwerfern die Steilhänge, um bei Anzeichen eines erneuten Abgangs schnellstens reagieren zu können.

Die Schutzpolizei München brachte ein Jahr nach dem Unglück an der Probstalm-Hütte offiziell eine Gedenktafel mit den Namen der Todesopfer an.
Die Schutzpolizei München brachte ein Jahr nach dem Unglück an der Probstalm-Hütte offiziell eine Gedenktafel mit den Namen der Todesopfer an. © KN

Die mentale Anspannung in dieser Atmosphäre ist immens. „Stunden um Stunden verrannen, bis endlich erst ein Ski, dann ein Stock, nochmals ein Stock, dann eine Mütze und endlich gegen 0.30 Uhr der erste Verschüttete tot geborgen werden konnte“, berichtet die „Tölzer Zeitung“ damals. Der letzte Vermisste wird gegen 5 Uhr früh „aus seinem kalten Grab gehoben“. Alle Opfer liegen unter etwa fünf Meter hohen Schneemassen und zeigen fast dieselbe Haltung: Die Hände schützend vor dem Kopf.

Auf Schlitten werden Leichen abtransportiert

Auf provisorisch zusammengebauten Schlitten werden die Leichen zur Probstalm und dann ins Längental gebracht. Von da geht es mit Pferdeschlitten weiter nach Arzbach. Der Schlegldorfer Hans Adlwart stammt aus dem dortigen Probstbauernhof und erinnert sich heute noch an die Schilderungen seines Vaters und dessen Bruders: „Die waren seinerzeit beim Transport mit ihren Pferden dabei.“ Mit zwei Kraftwagen der Landespolizei werden die Toten dann ins Lenggrieser Leichenhaus gebracht, wo eine kleine Leichenfeier stattfindet und die Überführung in die jeweiligen Bestattungsorte vorbereitet wird. Die Verbreitung der Schreckensnachricht sorgt bei der hiesigen Bevölkerung für Bestürzung, leistet wohl aber auch der Neugier und Sensationslust Vorschub: „Die Tölzer Marktstraße“, so berichtet die „Tölzer Zeitung“, „war erfüllt von Menschen, die das Unglück besprachen, dessen Einzelheiten unsere Schaufensteraushänge und Anschläge bekanntgaben.“

Unter großer Anteilnahme fanden die Beerdigungs-Feierlichkeiten statt – das Foto zeigt das Totengeleit auf dem Münchner Westfriedhof.
Unter großer Anteilnahme fanden die Beerdigungs-Feierlichkeiten statt – das Foto zeigt das Totengeleit auf dem Münchner Westfriedhof. © KN

Außerordentlich groß ist auch die Anteilnahme bei den Beerdigungs-Feierlichkeiten für die sieben Männer, von denen der älteste gerade 29 Jahre alt war. „Schwarze Erde über den Opfern des weißen Todes“, umschreibt die Lokalpresse die Trauerzeremonien. Während Hauptwachtmeister Konrad Stadlhuber auf dem Tölzer Waldfriedhof zur letzten Ruhe gebettet wird, werden Oberwachtmeister Oskar Haßler sowie die Unterwachtmeister Siegfried Fodermeier und Josef Glötzl auf dem Münchner Westfriedhof beigesetzt – vorausgegangen war ein Gottesdienst mit Kardinal Faulhaber in der Theatinerhofkirche. Die Oberwachtmeister Franz Thumer und Martin Weinmüller sowie Unterwachtmeister Johann Hausmann liegen wohl in ihren Heimatorten Waldsassen, Kaufering und Walding begraben. Am Unglücksort stellt der nachfolgende Skikurs ein schlichtes Holzkreuz auf, während die Schutzpolizei München ein Jahr später an der Probstalm-Hütte eine Gedenktafel mit den Namen der Todesopfer anbringt.

Todesahnungen vor dem Unglückstag

Zwei der Verunglückten, so ist überliefert, sollen kurz vor dem unheilvollen Tag Todesahnungen geäußert haben. Wie es überhaupt zu diesem Drama kommen konnte, warum der Skikurs trotz Warnungen der Bergwacht durchgeführt wurde, diese Fragen wurden auch im Landtag aufgeworfen. Doch war besagtes Areal bis dato nicht als lawinengefährdetes Gelände aufgefallen, die Kursteilnehmer galten als bergerfahren. Die Presse übermittelte aus dem Landtag die vorläufige Einschätzung, es sei anzunehmen, „dass höhere Gewalten das furchtbare Unglück herbeigeführt haben“. Johann Ertl resümiert in seiner Aufzeichnung, Untersuchungsergebnisse seien ihm nicht bekannt.

Lesen Sie auch:

Freizeitsportler stören Winterruhe bei Tieren im Tölzer Land

Lawine begräbt zwei Tourengeherinnen auf Skipiste am Brauneck - Bergwacht warnt vor gefährlicher Schneelage

Auch interessant

Kommentare