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In Höhlen der Halbinsel Yucatán opferten die Maya einst Menschen. Huber tauchte durch sie und fand Schädel und Skelette von Urzeit-Elefanten. 

Buch „Tauchgang ins Totenreich“

Umso tiefer, umso besser

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Lenggries – „Ich tauche durch alle Zeiten“, sagt Florian Huber (41). Der Unterwasser-Archäologe aus Lenggries hat ein Buch über fremde Welten und seinen spannenden Beruf geschrieben, das nicht nur Meeresbiologen gerne lesen dürften.

Drei Millionen. Die Zahl treibt Florian Huber an. Weil sie so unglaublich klingt – und weil sie ihm versichert: Die Arbeit geht seiner Branche so schnell nicht aus.

Drei Millionen Schiffswracks vermutet die Unesco in den Flüssen, Seen und Meeren der Erde. Hubers Branche ist die Unterwasser-Archäologie, sein Job ist es, in den versunkenen, jahrhundertealten Bootsresten Geschichten zu lesen – und sie ans Tageslicht zu bringen. „Umso tiefer sie liegen, umso schwieriger sie zu erreichen sind, umso mehr reizen sie mich“, sagt er. Dass der Lenggrieser unter Wasser nach weit mehr als nur Wracks sucht, zeigt sein Buch „Tauchgang ins Totenreich“.

Sechs Großprojekte aus den vergangenen zehn Jahren präsentiert der Wissenschaftler: darunter die Reise in die Totenhöhlen der Maya in Mexiko, die Erkundung des schwedischen Kriegsschiffes „Mars“ in der Ostsee, das Abseilen in einen 50 Meter tiefen Brunnen der Nürnberger Kaiserburg und die Kontrolle des Kesselbergstollens.

Florian Huber (41) Unterwasser-Archäologe aus Lenggries.

„Wer möchte schon am Schreibtisch in der Uni sitzen, wenn er die Alternative hat, am anderen Ende der Welt in einer geheimnisvollen Höhle zu tauchen“, schreibt Huber im Kapitel über die Cenoten, vollgelaufene Höhlensysteme, in denen die Maya einst Menschen geopfert haben. 3000 sind auf der mittelamerikanischen Halbinsel Yucatán bekannt. Huber fand in dieser Unterwelt Überbleibsel von Riesenfaultieren, Urzeit-Elefanten und einen Maya-Friedhof mit 126 Skeletten.

Die Gegenden, die Huber als Forscher erkundet hat, seien zu spannend, um über sie „für zehn Hanseln im Fachblatt zu berichten“, sagt er. „Jeder soll erfahren können, was da unten alles liegt.“ Mit verwissenschaftlichter Sprache, die oft nur vor vermeintlich klugen Schachtelsätzen strotzt, lassen sich Abenteuer nicht näher bringen. Deshalb beschreibt Huber, wie Vögel im Regenwald von Guatemala mit Brüllaffen um die Wette schreien, wie Moskitos sein Blut saugen. Er rühmt das Walchensee-Wasserschloss als perfekten James Bond-Drehort und benutzt Wörter wie „Knochenchaos“ statt sich in forschungstechnischen Details zu verlieren.

„Es war ein Lernprozess, emotional und in der Ich-Form zu schreiben“, räumt Huber ein, der zwar schon für Tauchmagazine, aber zuvor noch nie ein populärwissenschaftliches Buch geschrieben hatte. Manchmal habe er sich gefragt: „Stelle ich mich zu cool dar?“ Im Gespräch stellt Huber oft etwas klar, was selbstverständlich sein sollte: „Wir sind Wissenschaftler und keine Adrenalin-Junkies.“ Für die Tauchgänge heißt das: Akribische Vorbereitung, Risiko minimieren. Huber und seine Forschungskollegen – „alles Kumpels“ – legen immer eine Leine, um in verzweigten Unterwasserlandschaften den Rückweg zu finden.

In Höhlen der Halbinsel Yucatán opferten die Maya einst Menschen. Huber tauchte durch sie und fand Schädel und Skelette von Urzeit-Elefanten.

Hubers Basis ist Kiel. Dort machte er 2002 die Ausbildung zum geprüften Forschungstaucher. In der Hauptstadt Schleswig-Holsteins lebt und lehrt er, wenn er nicht gerade im Pazifik schwimmt. Oder in der Ostsee, wo er 2013 nach der „Mars“ tauchte – ein schwedisches Schlachtschiff, das am 30. Mai 1564 nach einem Gefecht auf den Meeresboden sank. Die Archäologen bargen bewusst eine Bronzekanone, die im Krieg zerborsten war. An ihr könne man bestens erzählen, wie die vom Dauerfeuer glühenden Vier-Meter-Waffen beim Sturz in die eiskalte See auseinanderbrachen.

Nach eindrucksvollen Geschichten suchte Huber auch im Walchensee. Mit einem Unterwasser-Scooter mit Elektromotor fuhr er durch den 1200 Meter langen Kesselbergstollen, der den See mit dem Wasserschloss des Kraftwerks verbindet. Während das Taucherteam den Zustand des Kraftwerks prüfte, fanden sie ein Gewehr der deutschen Wehrmacht. Huber war zu schwer beladen, um das „Karabiner 98k“ mitzunehmen. Wieder so eine Stelle im Buch, an der der Lenggrieser persönliche Gedanken reflektiert: „Immerhin liegt es hier sicher vor Plünderern.“ Klar, der Walchensee ist Hubers Revier. So nah liegt das bis zu 190 Meter tiefe Gewässer, um das sich so manche Mythen ranken, an der Heimat Lenggries. „Ich bin sicher, der See ist voll mit Booten“, sagt er. Auch „drei, vier Flugzeuge“ würden im Walchensee vermutet. Ein Projekt für irgendwann.

Huber ist als einer von wenigen deutschen Unterwasser-Archäologen gefragt. Auf Kreuzfahrtschiffen erzählt er vor 900 Menschen von seinen Abenteuern, demnächst auf dem Meer zwischen Dubai, Bahrain und Oman. 2013 gründete er mit Studienkollegen die Firma Submaris, sie sind Dienstleister in Sachen Forschungstauchen. Für die ZDF-Reihe „Terra X“ wirkt er regelmäßig an aufwendigen Drehs mit. In diesen Tagen taucht Huber zivil im TV auf, bei Markus Lanz, im Sat1-Frühstücksfernsehen oder im BR-Kulturmagazin „Capriccio“ durfte er sein Buch bewerben. „Der Start war unglaublich gut“, sagt Huber. 5000 Stück gingen in den ersten vier Wochen weg, sein Verlag habe ihn schon beim Schreiben bestärkt – jetzt pusht Rowohlt ihn durch die Medienlandschaft.

Er habe schon Ideen für das nächste Buch, erzählt Huber und klingt dabei aufgeregt wie ein Kind. Festlegen möchte sich der Mann, der Ur- und Frühgeschichte, Anthropologie, Nordische Philologie und Ethnologie studiert hat, auch in Zukunft nicht. Weil ihn gerade die Vielfalt der Unterwasserwelt reizt, sagt er: „Ich tauche durch alle Zeiten.“

Huber live und im TV

Mit dem befreundeten Meeresbiologen und Fotograf Uli Kunz steht Huber am 11. März auf der Bühne des Live Outdoor & Adventure Festivals im Tölzer Kurhaus. Am 27. Januar läuft eine Doku mit dem Titel „Bei Anruf Abenteuer. Mit Forschungstauchern ins Unbekannte“ im NDR. Gezeigt wird unter anderem die Tauchaktion im Kesselbergstollen.

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