„Der Einbruch war eine Fortsetzung des Sexualverbrechens“: Davon ist Fallanalytiker Alexander Horn überzeugt. Der Einbruch habe das Machtgefühl des Täters über das Opfer verlängert.   cs-press

10 Jahre Kriminalfall Leitenberg – Folge 10: Was sagt der Fallanalytiker? 

Vergwaltiger vom Brauneck: „Wir müssen den Täter entmonstern“

Lenggries - Was ist das für einer, der sich sein Opfer, eine ältere Frau, offenbar sorgfältig aussucht, mit ihm wandert, bevor er es sexuell missbraucht und hilflos gefesselt aussetzt? Und dann auch noch einbricht in ihre Wohnung? Ist das eine Sexbestie? „Nein, ist er nicht“, sagt der Leiter des Kommissariats Operative Fallanalyse, Alexander Horn. Der „Profiler“ wagt die These: Wenn wir den Täter „entmonstern“, haben wir vielleicht eine Chance, ihn zu kriegen.

Es besteht Hoffnung, den Fall Leitenberg auch nach zehn Jahren zu lösen. Der Fall Dennis konnte 2011 sogar nach 19 Jahren erfolgreich beendet werden. Ein früheres Opfer erinnerte sich plötzlich an einen unauffälligen und netten Betreuer aus einer Jugendfreizeit, der sich Monate vor der Tat bei ihm über seine Wohnungsverhältnisse erkundigt hatte. Der Maskenmann war dort dann eingedrungen und hatte ihn missbraucht. Den netten Betreuer und den schrecklichen schwarzen Maskenmann hatte das Opfer jahrelang nie in einen Zusammenhang gebracht. „Bis es bei einem erneuten Fahndungsaufruf der Polizei klick machte“, erzählt Fallanalytiker Alexander Horn. Der Betreuer Martin N. war daraufhin als Maskenmann enttarnt. Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Es gibt zwei Typen von Sexualstraftätern, zitiert der 43-jährige Horn aus einer bayerischen Studie. Die dissozialen Täter, die kriminell sind und neben anderen Delikten auch bei der Vergewaltigung landen. Dieser auffällige Tätertyp, der bei den meisten Menschen im Kopf herumgeistert, wenn es um Sexualverbrechen geht, ist tatsächlich für 85 Prozent der Fälle verantwortlich.

Horn zählt den etwa 1,75 Meter großen, hageren Mann mit den markanten, schmalen Lippen und der leicht bairischen Mundart, der am Brauneck eine 67-jährige Frau überfiel, zum zweiten Tätertyp, der ungleich schwerer zu ermitteln sei. Bei ihnen finde man im Vorfeld häufig keine Straffälligkeit, sie leben angepasst und in einem normalen Umfeld. Irgendwann leben sie ihre sexuelle Präferenzstörung aus. Tatplanung, Vorbereitung und Durchführung sind Teil dieses Auslebens.

Der Leitenberg-Täter hat sein Verbrechen vermutlich oft durchgespielt, vielleicht sogar geprobt, glaubt Horn. „Aber er führt vermutlich das Leben eines normalen Mensch wie du und ich“, meint der OFA-Chef. „Er ist einer, dem es gelingt, eine doppelte Buchführung über Jahre aufrechtzuerhalten.“ Das heißt, sein Lebensumfeld vollständig darüber im Unklaren zu lassen, dass er eine dunkle Seite besitzt.

Und das ist auch die Hoffnung von Alexander Horn, den Leitenberg-Täter auch nach zehn Jahren noch zu überführen und den „cold case“, also ungelösten Fall, zu lösen. Vielleicht erinnert sich eine Frau an eine Kontaktaufnahme durch den Mann. Vielleicht hat er versucht, wie beim Leitenberg-Fall, von einer Wanderroute abzuweichen. Die Fallanalytiker im Polizeipräsidium München, die eng mit der Kripo Weilheim zusammenarbeiten, setzen noch auf einen anderen Punkt. „In zehn Jahren“, sagt Horn, „kann sich viel tun.“ Der Mann könne tot sein, es könnten sich aber auch Änderungen in seinem Lebensumfeld ergeben haben. Horn meint Beziehungsgeflechte wie Freundschaften oder Ehe. „Er könnte sich getrennt haben.“ Möglicherweise habe der eine oder andere da etwas im Kopf, was er bisher überhaupt nie ernsthaft mit dem Brauneck-Fall in Zusammenhang brachte, weil er eine Sexbestie im Kopf hatte. „Wir müssen ihn entmonstern“, wiederholt Alexander Horn. Und dann gebe es auch wichtige Ansatzpunkte. Im Leitenberg-Fall gibt es eine Menge Spuren, nicht nur DNA. Horn hält zum Beispiel das rote Klebeband für „auffällig“. Das ist keine Nullachtfünfzehn-Massenware aus dem Baumarkt.“ An dieses Spezialband der Firma Sprügel, von dem es nur 10 000 Exemplare gab, von dem die Kripo etwa 9500 nachvollziehen konnte, könnte sich nach Überzeugung Horns jemand aus dem Lebensumfeld des Täters auch nach zehn Jahren noch erinnern.

Das Klebeband ist für den Experten übrigens auch Zeichen dafür, dass der Mann seine Tat strukturiert plante und „präpariert“ war. Auch das Opfer, eine ältere, alleinstehende Frau, die Tat beim Wandern und der Tatort am Berg sind für Horn Merkmale des geplanten Vorgehens.

Selbst der mysteriöse Einbruch in der Wohnung des Opfers passt für den Fallanalytiker ins Gesamtbild. „Das war kein gewöhnlicher Einbruch. Der Mann hat die Wohnung nicht durchwühlt, sondern gezielt durchsucht und nur einzelne Gegenstände mitgenommen, darunter alte Fotokameras, Eheringe, nichts wirklich Wertvolles. Für Horn besteht kein Zweifel, dass dieser Einbruch letztlich eine Fortsetzung des Sexualverbrechens am Brauneck ist. „Der Einbruch hat das Machtgefühl über das Opfer nochmals verlängert.“ Daraus folgt für den Polizeibeamten auch, dass „dass er den Tod seines hilflos zurückgelassenen Opfers billigend in Kauf genommen hat. Er ist nicht davon ausgegangen, dass die Polizei eine Viertelstunde nach seinem Verschwinden aus der Wohnung vor der Tür gestanden ist.“

Was sagt der Fallanalytiker eigentlich zum Mordfall Egmating? Passt das zum Leitenberg-Verbrechen, wie in den Medien immer wieder gemutmaßt wurde? Horn will da nicht spekulieren, spricht aber von auffälligen Übereinstimmungen. Es gehe am Brauneck und in Egmating um ein weibliches und älteres Opfer sowie um Aktivitäten, die mit Wald und Wandern in Zusammenhang stünden. „Daran kommt man nicht vorbei.“

Ende der Serie

Christoph Schnitzer


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