Fast wie Land-Art-Kreationen: Stoamanndl am Aufstieg zum Schafreuter.

Weg- und Gipfelzeichen

Von Steinmännern und Gebetsfahnen

Mit der Diskussion um die umgehackten Gipfelkreuze im Vorkarwendel rückt auch die Frage nach der Bedeutung von Wege- und Gipfelzeichen in den Vordergrund.

Lenggries – Noch im 18. Jahrhundert galten Berge als schreckliche Orte, wo Dämonen hausen. Erst im Gefolge der Aufklärung haben in unserer Region etwa ab 1820 mutige Leute damit begonnen, aus Abenteuerlust und Eroberungsdrang die höchsten Gipfel zu erklimmen. Zum Beweis ihrer Erstbesteigung haben sie droben weithin sichtbare große Steinmänner aufgeschichtet und eine Art Flaschenpost mit ihren persönlichen Daten hinterlegt. Mit der Zeit kamen Gipfelkreuze und Gipfelbücher, Farbpunkte und Beschilderungen zur Erleichterung der Wegfindung hinzu.

Am 1. Juli 1870 herrschte in Hinterriß einige Aufregung und manche Leute sollen sich bekreuzigt haben. Was war geschehen: Auf der schroffen Zinne des Risser Falken, den die Einheimischen für „unersteiglich“ hielten, erblickten sie einen mächtigen Steinmann. Aufgeschichtet hatte ihn in gut einstündiger Arbeit ein gewisser Hermann von Barth, ein 25-jähriger Rechtspraktikant vom Schloss Eurasburg – jener tollkühne Alpinist, der in einem einzigen Sommer 88 Karwendelgipfel im Alleingang abgeräumt hat – viele davon als erster.

Herzog Ernst von Coburg war schwer beeindruckt und lud den von den Strapazen ausgezehrten Mann am Abend des folgenden Tages zum Dinner in sein Jagdschlösschen ein.

Eines der ersten Gipfelkreuze wurde 1851 auf der Zugspitze aufgestellt. Kreuze stehen heute im südlichen Landkreis und im dahinter aufragenden Karwendel auf weit über hundert teils sehr abgelegen Gipfeln: Massive Holzkreuze oder kleine und schlichte, die lediglich aus zwei zusammen gebundenen Ästen bestehen, bisweilen auch künstlerisch aufwendig gestaltete Metallkreuze.

Was empfinden Menschen eigentlich angesichts der kreuzgeschmückten Gipfel? Paul Schenk, Vorstand des Tölzer Alpenvereins, geht folgendes durch den Kopf: „I bin drobn, i bin gsund und mir geht’s guat, und i hob mei Ruh.“ Und Franziskanerbruder Thomas Abrell, der immer die Bergmesse an der Tölzer Hütte am Schafreuter zelebriert und das jüngste Gipfelkreuz geweiht hat, empfindet so: „Wie großartig und vielfältig ist diese Welt gemacht – und wie klein sind doch wir Menschen.“

In Gipfelbuch-Einträgen aus der Region findet man allerlei mehr oder wenige humorige Ansichten und Einsichten: „A Berg is nix anders wia a Mordstrumm Stoan, aba drobn aufm Gipfel des sog i allemoi, is vui scheena wia druntn im Toi“, heißt es da oder: „Auf den Bergen ist die Freiheit, im Tal ist die Qual“. Und schließlich: „Ist der Berg auch noch so klein, alle dürfen oben sein; nur für den größten Idiot, wünsch ich mir ein Bergverbot.“

Der ursprüngliche Sinn von Gipfelbüchern bestand darin, dass sie bei der Vermisstensuche helfen sollen, wenn ein Wanderer von einer Tour nicht heimgekehrt ist. Sie werden in wetterfesten Metallkassetten aufbewahrt, manchmal auch nur in einer Plastiktüte.

Eines der ältesten erhaltenen Bücher im Karwendel wurde 1913 auf der Jägerkarspitze „zum Andenken an Hermann von Barth“ hinterlegt. Jedes Jahr kommen nur wenige Bergsteiger auf diesen schwierig erreichbaren Gipfel. 2003 wurde das von den Unbilden der Witterung arg in Mitleidenschaft gezogene Stück geborgen und restauriert.

Viele Gipfelkreuze wurden erst nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg aufgestellt: Das 1919 auf dem Zwiesel errichtete Kreuz wurde „den Gefallenen des Krieges“ gewidmet, worüber die Wackerberger Chronik berichtet. Nach 1945 wurden „Heimkehrerkreuze“ aufgestellt, etwa am Vorgipfel des Braunecks. Sie wurden von Soldaten gestiftet – als Erinnerung an gefallene Kameraden und aus Dankbarkeit, Krieg und Gefangenschaft überlebt zu haben. Auf Gipfeln und an Steigen erinnern auch so genannte Marterl an verunglückte Tourengefährten und Bergwachtkameraden.

An manchen Kreuzen findet man künstlerische Elemente: etwa in stilisierter Form den Erdkreis (auf dem Roßstein), die Strahlen der Sonne (am Guffert) oder das Edelweiß (Schaufelspitze). Manchmal stehen daran auch Sinnsprüche und Friedensbotschaften.

Als Bergsteiger aus dem Himalaya zurückkehrten, brachten sie tibetische Gebetsfahnen mit, die man jetzt öfters findet: etwa am Schafreuter-Aufstieg und auf der Birkkarspitze.

In der Nazizeit wurde der Heigelkopf 1933 in Hitlerberg umbenannt. Sein Gipfelkreuz wurde entfernt und durch ein, die Beschreibungen schwanken, zwischen 10 und 15 Meter hohes und 24 Zentner schweres eisernes Hakenkreuz ersetzt, das bei Dunkelheit illuminiert werden konnte. Aus Sorge vor Strafaktionen der anrückenden Amerikaner haben der Tölzer Busunternehmer Fritz Weber, sein Sohn Fritz, Kaspar Burger (Lehbauer) und ein junger Knecht in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945 das Metallmonstrum umgelegt.

„Stoamanndl“ (aufgeschichtete Steinpyramiden) sind ursprünglich Wegzeichen, die der Orientierung dienen. Besonders hilfreich sind sie im weglosen Gelände. Verblüffend kunstfertige Exemplare – wahre Land-Art-Kreationen – stehen am Aufstieg zum Schafreuter. Häufig begangene Wege markiert der Alpenverein mit Farbpunkten und einheitlichen Schildern. Handgefertigte Beschilderungen gibt es hier schon seit 1880.

Von Rainer Bannier

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