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„So wahr mir Gott helfe“: Als ältester Gemeinderat nimmt Fritz Stock dem frischgewählten Bürgermeister Weindl Anfang Mai 1996 den Amtseid ab.

Interview

Werner Weindl hört als Bürgermeister von Lenggries auf - und wird eine Sache überhaupt nicht vermissen

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Werner Weindl ist der dienstälteste Bürgermeister im Landkreis. Am 30. April ist nach 24 Jahren im Amt sein letzter Arbeitstag. Im Interview mit dem Tölzer Kurier blickt der 59-Jährige zurück.

Herr Weindl, wie war es, am 15. März einen Wahlabend praktisch als Unbeteiligter mitzuerleben?

Das Gefühl war gut. Die Anspannung war viel geringer als bei der letzten Wahl. Ich habe zwar noch für den Kreistag kandidiert, aber natürlich stand ich dieses Mal selber nicht so im Feuer.

Die Ankündigung, dass Sie nicht mehr als Bürgermeister kandidieren, kam vor einem Jahr in der Bürgerversammlung für viele sehr überraschend. Wann haben Sie für sich diesen Entschluss gefasst?

Das kann ich so genau gar nicht sagen. Natürlich habe ich mir immer schon Gedanken gemacht, wann der richtige Zeitpunkt ist, um aufzuhören. Je länger man es macht, desto mehr wird man geschimpft. Anfang 2019 hatte ich dann einen Termin bei meinem Arzt. Er hat mir gesagt, dass er an meiner Stelle ganz genau überlegen würde, nochmal zu kandidieren. Er hat mir auch vorher schon öfter gesagt, dass ich langsamer machen soll. Aber als Bürgermeister ist das schwierig. Aber natürlich kommt man dann ins Nachdenken. Die Männer in meiner Familie sind alle nicht alt geworden. 24 Jahre im Amt sind eine lange Zeit. Und es war eine schöne und spannende Zeit. Aber jetzt muss es auch noch einmal etwas anderes geben: Familie und Gesundheit.

Erinnerungsfoto mit Amtsvorgänger: Werner Weindl und seine Frau Regina bei einer Feier mit dem damaligen Lenggrieser Altbürgermeister Josef März (Mi.)

Ihre Frau ist bestimmt froh, dass Sie aufhören, oder?

Jetzt schon. Am Anfang war sie, glaube ich, auch überrascht von meinem Entschluss und hat gefragt: „Kannst du überhaupt aufhören?“

Und? Können Sie so einfach aufhören?

Das Bürgermeisteramt ist immer ein Amt auf Zeit. Damit muss man von Anfang an leben. Ich fühle mich nicht unersetzlich. Und ich finde es besser, selber zu entscheiden, dass es an der Zeit ist aufzuhören, bevor einem der Wähler diese Entscheidung abnimmt.

Sie waren aber immer sehr gerne Bürgermeister, oder?

Ja, und das bin ich auch weiterhin – bis zum 30. April um Mitternacht.

Was mögen Sie am meisten an Ihrem Amt?

Man befasst sich mit einer breiten Themenpalette. Und man kann vieles gestalten. Das war auch immer mein Anspruch: Gestalten, nicht nur verwalten. Und ich finde, da kann ich einiges vorweisen. Das geht natürlich nie allein, sondern immer zusammen mit dem Gemeinderat und der Verwaltung.

Auf was sind Sie denn besonders stolz?

Ich habe mich über jedes Projekt, das wir umgesetzt haben, gefreut. Über die kleinen genauso wie über die großen. Eine besondere Sache war der Umbau des Freibads zum Naturfreibad. Mit der Gemeinde Pottenstein waren wir die ersten in Deutschland, die auf Pflanzenklärung gesetzt haben. Gruppen aus der ganzen Bundesrepublik sind zu uns gekommen, um sich das anzuschauen. Sehr gefreut habe ich mich auch über die Einweihung der neuen Schulsportanlage. Die alte wurde ja praktisch von der Erweiterung der Isarwelle kastriert. Das fand ich schön, dass wir den Neubau umsetzen konnten.

Gute Zusammenarbeit über Jahre: Bürgermeister Werner Weindl und sein Stellvertreter Franz Schöttl.

Gibt es etwas, von dem Sie sagen: Das hätte besser laufen können?

Dass wir die Sauna an der Isarwelle nicht umgesetzt haben. Allerdings muss man hier auch immer der Legendenbildung vorbeugen. Man hat immer das Gefühl, dass daran nur der Bürgermeister schuld war. Fakt ist aber, dass ich – bis auf einmal – nie eine Mehrheit im Gemeinderat für das Projekt hatte. Und bei dem einen Mal mussten wir die Ausschreibung aufheben, weil die Angebote weit über der Kostenschätzung lagen. Umso mehr freut es mich jetzt, dass alle vier Gruppierungen, die im neuen Gemeinderat sitzen werden, die Sauna in ihrem Programm stehen haben. Es müsste eigentlich das erste Projekt sein, das angegangen wird. Ich selber bin nach wie vor ein Verfechter. Ansonsten: Fehler macht natürlich jeder. Gravierende fallen mir aber nicht ein. Und: Ich habe aus all meinen Fehlern gelernt.

In 24 Amtsjahren hat sich bestimmt vieles an Ihrem Job geändert...

Ja, die Menschen sind ganz anders geworden. Ein anständiger Umgang mit den Mitarbeitern aus der Verwaltung ist für viele offenbar ein Fremdwort. Der Bürgermeister wird da auch gerne als Fußabstreifer missbraucht. Zudem sind immer mehr Aufgaben auf die Gemeinden verlagert worden. Wir sollen ja jetzt auch noch Mobilfunkmasten bauen. Der Breitbandausbau ist auch so eine Sache. Auch das ist eigentlich ein Thema des Bunds, das wir übernehmen mussten – ohne dass der Bund 100 Prozent der Kosten trägt.

Und sonst?

Die Zeit ist viel schnelllebiger geworden. Früher mussten die Leute einen Brief schreiben. Jetzt geht alles über E-Mail. Da wird man zugeschüttet, und es gibt keine Hemmschwelle mehr. Und es wird erwartet, dass man sofort alles beantwortet. Da kann man sich nicht ein, zwei Tage Zeit für eine Antwort lassen. Als ich 1996 Bürgermeister geworden bin, hatte hier keine Gemeinde eine Homepage. Wir haben 1997 begonnen, eine zu planen. Ich weiß noch, dass in der Vermieterversammlung gesagt wurde: „So ein Schmarrn, das werden wir nie brauchen.“ Heute wird außerdem erwartet, dass der Bürgermeister 24 Stunden, sieben Tage die Woche erreichbar ist – und wehe man geht mal Samstagabend nicht ans Handy.

Werner Weindl räumt Ende April nach 24 Jahren Dienstzeit seinen Schreibtisch im Lenggrieser Rathaus.

Was werden Sie am meisten an dem Amt vermissen?

Meine Mitarbeiter. Das ist eine tolle Truppe – in allen gemeindlichen Einrichtungen. Es ist ein wirklich gutes Miteinander. Vermissen werde ich auch die Möglichkeit zu gestalten. Aber man hat als Bürger ja auch noch eine gewisse Möglichkeit zur Mitgestaltung, und im Kreistag werde ich sicher auch weiter meinen Beitrag leisten.

Und was wird Ihnen im neuen Lebensabschnitt am wenigsten fehlen?

Der tägliche Druck. Der wird mir nicht fehlen. Es stimmt übrigens nicht, dass die Haut im Alter dicker wird. Im Gegenteil: Sie wird dünner.

Wissen Sie schon, wie Ihr letzter Arbeitstag aussehen wird?

Eigentlich war geplant, am 29. April mit allen Mitarbeitern meinen Ausstand zu feiern. Ich wollte auch in der Bürgerversammlung, die ja am 20. März stattfinden sollte, einen ganz kurzen Rückblick auf meine 24 Amtsjahre machen und mich offiziell bei den Bürgern verabschieden. Die Versammlung ist nun wegen der Corona-Ansteckungsgefahr ausgefallen, und ich bin nicht sicher, ob im April ein Termin möglich ist. Angedacht ist der 21. April. Dasselbe gilt für die Abschiedsfeier. Wir müssen jetzt mal sehen, wie sich alles entwickelt. Ansonsten ist der 30. April fürs Aufräumen reserviert.

Und Ihre Pläne ab dem 1. Mai?

Ich freue mich jetzt erst einmal darauf, dass es ruhiger wird. Ich werde aber weiterhin ehrenamtlich tätig sein, unter anderem als Vorsitzender des Fördervereins der Hohenburger Schulen. Außerdem singe ich in zwei Chören, da habe ich schon einiges zu tun. Und ich werde mich endlich einmal stärker meinem Wald widmen. Das macht mir Spaß. Ansonsten habe ich noch etwas in petto, über das ich jetzt noch nicht sprechen möchte. Langweilig wird es mir jedenfalls nicht.

Haben Sie noch einen guten Ratschlag für Ihren Nachfolger?

Schlaue Ratschläge will ich nicht erteilen. Ich habe beiden am Tag nach der Wahl gratuliert und beiden angeboten, dass wir den April nutzen können, um uns auszutauschen. Ich will gerne meinen Beitrag leisten, damit der Einstieg nicht so schwer wird.

Und wen würden Sie sich als Ihren Nachfolger wünschen?

Das sag’ ich nicht. Ich hoffe aber, dass die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl am Sonntag hoch ist. Es hat sich in der Vergangenheit bei Stichwahlen oft gezeigt, dass nur 30 Prozent der Bürger ihre Stimme abgeben. Das, finde ich, wäre ein Makel für den neuen Bürgermeister. Dieses Mal muss ja jeder nur noch die Unterlagen ausfüllen, die er nach Hause geschickt bekommen hat. Ich hoffe, dass davon wirklich stark Gebrauch gemacht wird.

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