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Er sei ein „oida Dackel“ sagt Gerhard Polt über sich selbst. Altersmilde ist er dennoch nicht.

Zu Gast beim "KKK"

Polt in Lenggries: Der Wolf im Lodenjanker

Lenggries - Ein „oida Dackel“ sei er geworden, bescheinigt sich Gerhard Polt selbst. Das hält den Kabarettisten allerdings nicht davon ab, mit geschärftem Blick und gewetzter Klinge durch so manche Niederung des menschlichen Daseins zu pflügen. Altersmilde? Nur verkappt.

Über 500 Zuschauer in der ausverkauften Lenggrieser Mehrzweckhalle konnten sich bei Polts Auftritt am Sonntagabend davon überzeugen, dass alles beim Alten ist mit der Satire à la Polt. „Braucht’s des?“ hieß das Programm, zu dem das „KKK“ eingeladen hatte.

Eloquent und konsequent hintenrum entlarvt der bayerische Kabarett-Großmeister die Naivität und Peinlichkeit von Spießbürgern und Biedermännern, von den Altvordern bis hin zu den „gschupften“ SUV-Müttern. Im Spannungsfeld zwischen einem empört zurückgewiesenen „Ich bin doch nicht wir“ und dem mahnenden Zeigefinger, der da besagt „das macht man so“, lässt er seinen Bühnenfiguren jeglichen Spielraum, sich selbst zu entlarven. Das tun sie früher oder später gründlich, beinahe schmerzhaft scharf, erschreckend realitätsnah und rabenschwarz lustig.

Polt wirft die Zuschauer mitten hinein in eine Geschichte, hält quasi Zwiesprache mit einem unsichtbaren Gegenüber, so als würde er am Stammtisch sitzen und die Gesinnungsbrüder drumherum zustimmend nicken. Der Landrat a.D. beispielsweise, der sein Lebenswerk nicht genug gewürdigt sieht, obwohl seine „Meriten fast schon chronisch sind“. Er sinniert beim Bestechungs-Champagner über seine Dreifaltigkeit mit dem Sparkassendirektor und dem Pfarrer und den Umstand, dass er das Geld für die geplanten Schneekanonen jetzt doch lieber für Flüchtlingsheime ausgibt. „Denn wenn die Italiener die nicht alle ersaufen lassen, dann lohnt sich das richtig.“ Nicht böser als die Wirklichkeit, nur sagen tut’s halt keiner.

Und ob man es auf dem Land nicht hin und wieder mit einem leicht verkniffenen Lachen quittiert, wie er als schwer von sich selbst begeisterter Organisator über die 125-Jahr-Feier der Feuerwehr schwadroniert, das ist natürlich reine Spekulation. Das Bild, das er malt von lokalen VIPs mitsamt dem Gspusi vom Bürgermeister, der „Kultur“ des 2000-Mann-Bierzelts und den musikalischen Darbietungen wird noch getoppt vom Engagement der Feuerwehrjugend, die im „Enzianzelt“ ein Zehnerl pro Schnaps für „Jugend ohne Drogen“ spendet.

Das ist natürlich Satire, man möchte beinahe sagen: Realsatire. Aber weil er eben auch nichts weglässt, seziert er haarscharf, wes Geistes Kind der normale Mann von nebenan oft ist.

74 Jahre ist Gerhard Polt inzwischen, und sein politikwissenschaftliches und geschichtliches Wissen ist immens – beides hat er studiert. Wenn er also den braven Rentner darüber reden lässt, dass er seinem Enkel, dem „Bubi“, jetzt aber mal ordentlich die Welt erklärt, dann tut er das stellvertretend für die, die glauben, dass ihre Meinung all jenem entspricht, was recht und billig ist. Schließlich, wie soll Bubis Lehrer, der Jungspund, den Kindern irgendwas beibringen, wo er doch selbst nicht dabei war? Wie soll schließlich einer, der es nicht wissen kann, irgendwas über Nazis sagen dürfen? Endlich mal seine Weisheiten weitergeben, verbrämt mit der irrigen Meinung, „eigentlich von Jahr zu Jahr toleranter zu werden“.

Der Wolf im Schafspelz, beziehungsweise im Lodenjanker, der sich selbst immer auf der richtigen Seite sieht und die anderen freundlich aber bestimmt maßregeln darf, das ist Polts Spezialität. Alte Autoritäten, das ist ein Thema, das er immer wieder aufspießt und durch pures so-stehen-lassen wirken lässt. Sei es in Form einer regelrechten Stianghausratschen oder dem gutbürgerlichen Nachbarn, der es für sein Recht hält, mithilfe einer Drohne genau zu überprüfen, ob sein Nebenmann das erlaubte Grillwürstlkontigent der Wohnlage nicht überschreitet.

Er spielt dabei mit Stimmlage und Duktus, und er kann mühelos vom tiefsten Dialekt zum lupenreinen Hochdeutsch wechseln.

Ein Abend mit Gerhard Polt ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Einiges kommt erst in der Nachschau an die Oberfläche, manches verarbeitet er aber auch zur schrägen Schenkelklopfer-Pointe. Dem Zufall überlässt er nichts, da sitzt jeder Gedanke an einer Stelle, wo sich die Bögen treffen und die nächste Verzweigung schon wieder eine neue Geschichte hervorbringt. Braucht’s des? Ja, des braucht’s.

Ines Gokus

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