+
Unverhofft zur Großfamilie : Nach dem ersten Sohn bekamen Christiane und Sebastian Horn noch zweimal Zwillinge. Die Kinder heißen (v. li.) Jasper, Mathilda und Gustav, Simon und Jakob.

Porträt

Mutter hält nichts vom Muttertag

Das Bild, das der Muttertag aus Sicht von Christiane Horn vermittelt, ist falsch. Deshalb plädiert die Lenggrieserin für einen Familientag.

Lenggries – Für eine klassische Geschichte zum Muttertag taugen ihre Ansichten nicht. Das macht Christiane Horn gleich zu Beginn des Interview-Termins mit dem Tölzer Kurier klar. Den Feiertag hält die Lenggrieserin für überholt. „Die Art, wie der Muttertag klassische Rollenbilder unterstützt, ist eine Katastrophe.“

Dabei wäre Horn objektiv betrachtet die perfekte Protagonistin für den althergebrachten Muttertags-Artikel: Seit 18 Jahren ist sie mit Musiker Sebastian Horn („Bananafishbones“/„Dreiviertelblut“) verheiratet, gemeinsam haben sie fünf Kinder. Zweimal brachte Christiane Horn nach dem ersten Sohn Simon (18) Zwillinge zur Welt: Jasper und Jakob (15) sowie Mathilda und Gustav (10). Nicht nur der Tochter, sondern auch den Söhnen versucht Horn ein offenes Rollenverständnis beizubringen. „Wir müssen für die Gleichberechtigung kämpfen“, sagt sie leidenschaftlich. Und zu mehr Gleichberechtigung trage der Muttertag nicht bei.

Horns Kritik am Muttertag ist aber nicht falsch zu verstehen: Die Puppenmacherin, Tanz- und Ausdruckstherapeutin empfindet es als Geschenk, Mutter zu sein. „Es gibt da dieses Aha-Erlebnis bei der Geburt. Da versteht man: Ach, das ist also Liebe.“ Trotzdem erzählt sie offen, dass die zweite Zwillingsschwangerschaft ein Schock gewesen sei. So viele Kinder waren eigentlich nicht geplant. „Trotzdem bin ich froh, dass alle da sind.“

Am schwierigsten sei, den Alltag und das Schulleben aller Kinder zu organisieren. Weil an der Montessorischule in Dietramszell nur noch ein Platz frei war, besucht nur Jasper diese Schule. Dessen Zwillingsbruder Jakob hingegen geht – wie der älteste Sohn Simon – aufs Tölzer Gymnasium. Die 47-Jährige ist nicht glücklich darüber, denn sie ist dem Schul- und Leistungssystem gegenüber kritisch eingestellt – auch aus eigener Erfahrung. Mit 15 Jahren zog sie von Ostfriesland in die Region und kam ebenfalls aufs Tölzer Gymnasium. „Die Autorität der Lehrer hier war ein totaler Schock für mich. Ich bin da total untergegangen. Nie hat einer der Lehrer gefragt, ob es mir gut geht“, bemängelt Horn. Nicht Autorität und Abhängigkeit sollen das Leben ihrer Kinder prägen, sondern gute Vorbilder und das Vertrauen, den eigenen Lebensweg gehen zu dürfen, ohne die Eltern zu enttäuschen.

Um die Unabhängigkeit der Kinder zu stärken, bezieht Horn auch ihre Eltern mit ein. Die Kinder sollen eine Vielzahl starker Bindungen im Leben erfahren. „Im Haus meiner Eltern ist deswegen für die Kinder immer ein Platz. Sie sollen nicht das Gefühl haben, von uns abhängig zu sein, insbesondere, wenn es mal Streit gibt,“ sagt Horn.

In der Partnerschaft achten Horn und ihr Mann auf Gleichberechtigung. Weil Sebastian Horn in den Anfangsjahren der Ehe jedoch viel auf Tournee war, kümmerte sich vor allem Christiane Horn um den Nachwuchs. „Erst ab den beiden letzten Kindern war Sebastian auch viel mehr zu Hause.“

Den Muttertag zu feiern, findet die 47-Jährige auch historisch betrachtet fragwürdig. „Der Muttertag kam in den 1930er-Jahren aus den USA nach Deutschland. Die Nationalsozialisten fanden das Bild, das er vermittelt, natürlich super“, sagt Horn. „Mütter vieler Kinder wurden als Heldinnen gefeiert.“ 1933 erklärten die Nationalsozialisten den Muttertag zum offiziellen Feiertag – diese Tradition wirkt bis heute vor.

Anstatt des Muttertags würde Horn lieber Familientag feiern. Es sei an der Zeit, starre Rollenklischees aufzulösen. Zur Familie trage schließlich jedes Familienmitglied etwas bei, nicht nur die Mutter. „Anstatt das klassische Familienbild mit dem Muttertag zu unterstützen, sollte die Gesellschaft eher auf fehlende Betreuungsangebote, Altersarmut und die steuerliche Benachteiligung alleinerziehender Mütter blicken.“ (Nora Linnerud)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die neue Tölzer Pfarrerin fühlt sich „wie im Traum“  
Elisabeth Hartenstein ist die neue evangelische Pfarrerin in Bad Tölz und tritt die Nachfolge von Kathrin Wild an. Die 53-Jährige ist außer sich vor Freude, dass es mit …
Die neue Tölzer Pfarrerin fühlt sich „wie im Traum“  
Ernte von „Biotop Oberland“ sprengt Erwartungen - so gut läuft die Lenggrieser Gemüse-Genossenschaft
Riesen-Karotten und krasse Knollen - die Genossenschaft „Biotop Oberland“ hatte ein tolles erstes Jahr. Damit nicht genug: Das Projekt soll laut Vorstand sogar noch …
Ernte von „Biotop Oberland“ sprengt Erwartungen - so gut läuft die Lenggrieser Gemüse-Genossenschaft
Großfamilie vor 80 Jahren: „Wie die Orgelpfeifen“
Beim Stöbern in ihren Kindheitsfotos hat die Lenggrieserin Ursula Weidinger ein ganz besonderes Erinnerungsstück gefunden. Ein Bild von 1938 zeigt sie mit ihren damals …
Großfamilie vor 80 Jahren: „Wie die Orgelpfeifen“
Verstärkeramt unter Denkmalschutz: Kochel will rechtliche Schritte prüfen
Dass das ehemalige Verstärkeramt in Kochel nun in die Denkmalliste aufgenommen wurde, sorgt nicht überall für Begeisterung. Die Gemeinde will dort nämlich Wohnungen …
Verstärkeramt unter Denkmalschutz: Kochel will rechtliche Schritte prüfen

Kommentare