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Bald wieder Brieftauben und Schweinsbraten: Lenz Funk ist zuversichtlich, dass er wieder ein normales Leben führen kann. 

Eishockey-Legende leidet an Krebs

Lorenz Funk: Immer noch der unermüdliche Kämpfer

Greiling – Lorenz Funk ist eine Eishockey-Legende und ein Olympia-Held. Mit 68 Jahren ist jetzt der Krebs der schwerste Gegner des Tölzers.

Ganz am Ende des Besuchs, nach drei Stunden bei Lorenz Funk, da geht es noch um die Frage nach einem Foto. Ob es ihm recht wäre, ein aktuelles Bild von ihm, draußen im Garten vielleicht. Manche in so einem Zustand würden eher nicht wollen, dass man sie so sieht. Gezeichnet von der Krankheit. Lorenz Funk aber, er nickt. „Freilich machma a Foto, jetzt scheint doch die Sonn‘ grad so schön her.“ Funk steht vom Küchenstuhl auf, er greift nach den Krücken, und als er zur Terrassentür geht, lacht er und sagt: „Aber frisieren brauch ich mich fürs Foto ja ned.“ Nein, muss er nicht, Haare hat er keine mehr, die Haare sind ihm alle im August ausgefallen, nach der zweiten Chemotherapie. „Büschelweise. Auf einen Schlag.“

Lorenz Funk, der Lenz, die Eishockey-Legende. 225 Länderspiele, 13 Weltmeisterschaften, dreimal Olympia, 1976 Bronze in Innsbruck. Dreimal Deutscher Meister, 1966 mit Tölz, 1974 und 1976 mit dem Berliner SC. Später Trainer und Manager in Berlin, bei Preußen, Dynamo, den Eisbären, den Capitals, seit 2004 wieder zuhause in Greiling bei Bad Tölz, mit seiner Frau Marlene. Funk ist heute 68, Funk war früher ein Schrank, eine Statur von drei Möbelpackern in einem, in Bayern nennt man so einen auch ein Mordstrumm Mannsbild. Einer wie er hat früh gelernt, hart zu sein, zu sich und den Gegnern. „Auf dem Eis hab ich bis zum Umfallen gekämpft“, sagt er, „das mach ich jetzt auch.“ Wenn es nur so ginge, die Krankheit wegzustecken wie früher einen Stockschlag, einen Bandencheck seiner Gegenspieler, einmal schütteln und weiter geht’s. Nur ist der Krebs schwerer auszuschalten, man kann Krebs nicht auf die Strafbank setzen oder in die Kabine schicken. Bei Krebs braucht es härtere Bandagen. Infusionen, Spritzen, Tabletten, Therapien. Nächste Woche geht’s zur sechsten Chemo.

„Schon komisch“, sagt Funk, „wo ich doch nie krank war. Und wenn einmal eine Grippe dahergekommen ist, ein Schnaps, ein Grog, dann war ich wieder g’sund.“

Dass etwas nicht stimmt, hat Lenz Funk Anfang des Jahres gemerkt, so im Januar. Rückenschmerzen plagten ihn, sie wurden immer schlimmer, ein Alarmzeichen war die Geschichte mit dem Futter für seine Brieftauben. Brieftauben sind die große Leidenschaft von Funk, locker schleppte er früher die Futtersäcke vom Auto zum Taubenschlag am Ende des Gartens, auch zwei auf einmal, 25 Kilo links, 25 rechts. „Aber auf einmal hab ich keinen einzigen Sack mehr heben können“, erzählt er, „und ich hab mich gfragt: Kruzifix, warum tut das Kreuz so weh?“ Funk verlor auch den Appetit. Früher aß er viel Fleisch, doppelte Portionen, ganze Berge, Schweinsbraten und Haxn bis zum Abwinken, am liebsten das pure Fett. Nun schmeckte alles nach nichts, langweilig, fad, er stieg um. „Obst, Salat, Müsli und so Zeug.“

Seine Frau Marlene schickte ihn zum Hausarzt, der ihn weiter zu Pontius und Pilatus und weiteren Fachmedizinern, im Juli, es war der 11. Juli, Funk wird den Tag nie vergessen, bekam er dann die Diagnose, Prostatakrebs. Die Prostata selbst war klein, unauffällig, aber als Herd hatte die Prostata eben schon gestreut, sie fanden Metastasen in den Knochen. Die Hüfte, das Becken, die Wirbelsäule. Vom behandelnden Arzt hörte er: „Jetzt fangma gleich mit der Chemo an. Bevor‘s zu spät ist.“

Funk hatte im Mai als Trainer beim ESC Holzkirchen unterschrieben, Bezirksliga Süd, der große Lenz, für Holzkirchen war das eine Sensation. Funk freute sich auf die Aufgabe, aber als kurz nach der ersten Chemo Ende Juli das Eistraining begann, kam er kaum noch in seine Schlittschuhe, die Füße waren schon voll Wasser. Funk riss die Zunge aus den Schuhen, schlug von innen mit dem Hammer hinein, bis sie wieder passten. Aber sie passten nicht lange, die Beine schwollen weiter an, dann zogen sie ihm das Wasser heraus, 13 Liter, so schwer wie ein guter halber Sack Brieftaubenfutter. Lenz Funk in Schlittschuhen, das war nicht mehr möglich, in Innsbruck.

In Innsbruck trafen sich im Oktober die Bronze-Helden von 1976, eine Doku fürs Bayerische Fernsehen zum 40. Jahrestag im Februar. Erinnerungen an das berühmte letzte Spiel gegen die USA, das 4:1. Alle glaubten damals, das wäre ein Tor zu wenig für Bronze, weil bei gleicher Punktzahl und Tordifferenz die Finnen Olympia-Dritter seien, wegen ihres Siegs im direkten Vergleich gegen die Deutschen, keiner kannte die Regeln. In der Kabine schimpften sie auf Trainer Xaver Unsinn, warum er den Torwart nicht herausnahm, andere stellten sich fluchend in voller Montur unter die Dusche. Bis Co-Trainer Roman Neumayer in die Kabine stürmte und die frohe Kunde brachte, dass die Anzahl der weniger erhaltenen Gegentreffer den Ausschlag für das DEB-Team gab, die Deutschen hatten 7:6 Tore, die Finnen 9:8.

Die Szene des vierten Tores gegen die Amis stellten sie in Innsbruck vor zwei Monaten nochmal nach. Links Alois Schloder. Rechts Ernst Köpf, Schütze zum 4:1. Dazwischen Mittelstürmer Lenz Funk.

Lenz Funk saß im Rollstuhl.

In den fünf Monaten seit seiner Diagnose hat Lenz Funk erlebt, wie alte Weggefährten Probleme haben, im Umgang mit ihm. „Die wissen dann einfach ned, was sie mit mir reden sollen“, sagt Funk, „oder sie denken sich: ‚O mei, so wie der ausschaut: Nächste Woch‘ stirbt er‘.“ Andere sind unbefangener, viele Begleiter aus seinen fast drei Jahrzehnten als Spieler und Manager in Berlin, die anrufen und nachfragen, und natürlich auch sein Tölzer Spezl Hans Zach. Zach, der Ex-Bundestrainer, schaut jede Woche einmal vorbei, vor wenigen Tagen fachsimpelten sie wieder einmal über die Fehler im deutschen Eishockey. „Wir haben gesagt, dass etwas falsch gelaufen ist, wenn man die Nationalmannschaft von 1976 heute besser kennt als die von 2015.“ Und dass man eben keine vernünftige Nachwuchsarbeit aufgebaut hat, so wie die Schweiz. Auch er selbst, sagt Funk, hätte als Manager damals mehr junge deutsche Spieler fördern sollen. „Aber irgendwie haben wir’s nicht zusammengebracht.“

Kleine Sorgen im Vergleich zu seiner Krankheit, aber Funk tut es spürbar gut, nicht dauernd über den eigenen Zustand zu sprechen. Über seinen Sturz vor einigen Wochen, als er über eine Schwelle im Haus stolperte und nicht mehr von alleine hochkam, über das Gefühl der Hilflosigkeit, angewiesen zu sein auf Pflege durch seine Marlene. Über seine Tabletten, 16 Medikamente, die er jeden Tag nimmt, aufbewahrt in einer blauen Plastikbox. Über die Brieftauben, die er nicht mehr sehen darf, weil die Infektionsgefahr im Vogelhaus zu groß ist. Über Obst, Salat, Müsli und so Zeug.

Da spricht Lorenz Funk schon lieber über 1860, seinen Verein, wenngleich auch das gerade kein lustiges Thema ist. Funk ist ein Tiefblauer, im Mai 1965 war er als Fan dabei, im strömenden Regen im Züricher Letzigrund, Europacup-Halbfinale, das Entscheidungsspiel gegen den AC Turin, die Münchner Löwen gewannen 2:0, das größte Spiel in der Klubgeschichte. Funk kann auch heute noch die Elf von damals auswendig aufsagen, Radenkovic, Wagner, Kohlars, Bena, Reich, Luttrop, Heiß, Küppers, Brunnenmeier, Grosser, Rebele.

Letzten Freitag sah Funk die Löwen im Fernsehen. Sie verloren 0:1 gegen den FSV Frankfurt, für Sechzig auf dem Platz standen Spieler, die hießen Taffertshofer, Yegenoglu, Degenek. Es ist auch bei den Löwen etwas falsch gelaufen. Weil man die Mannschaft von 1965 besser kennt als die von 2015.

Marlene Funk zieht sich den Mantel an. Seit 1969 sind sie verheiratet, sie haben zwei Söhne, Lorenz junior (46) und Flori (45), beide spielten selbst in der DEL. Marlene Funk war während des ganzen Gesprächs dabei in der Wohnküche, kochte Kaffee, räumte zusammen, nun bricht sie auf zum Einkaufen. Auf dem Rückweg, sagt sie, holt sie den Niklas in Tölz von der Schule ab, ihren Enkel, den Sohn vom Flori und der Schwiegertochter, die wohnen vorne, im gleichen Haus. Marlene Funk holt ihn immer ab, an den Tagen, wenn der Schulbus zu voll ist. Dann erzählt sie, warum.

14 ist der Niklas jetzt, vor fünf Jahren ging es ihm nicht gut, sie gingen zum Arzt mit ihm, der fand einen Gehirntumor. Zwei Jahre lang lag er zuhause, die Pflanzen und die Katze mussten raus, Operation, Bestrahlung, Chemo, Tabletten, Infusionen, das ganze Programm, er wog nur noch 20 Kilo.

Als er elf war, war der Tumor zerstört, aber vieles andere auch, die Schilddrüse etwa. Wachstumshormone bekommt er gespritzt, von 1,38 Meter ist er jetzt in drei Jahren auf 1,62 gekommen, die einssiebzig will er noch schaffen. Der Bub hat aber auch Osteoporose, letzte Woche hat er sich im Sportunterricht bei einem harmlosen Sturz den Unterarm gebrochen, mal wieder, er bricht sich oft etwas. Darum ist es so gefährlich, mitzufahren im vollen Schulbus, dann holt ihn die Oma immer ab, und als seine Frau weg ist, sagt Lenz Funk: „Wenn du sowas wie mit dem Niklas miterlebt hast, dann haut dich nix mehr um.“ Nicht einmal sein eigener Krebs. Weihnachten werden sie alle beinander sein, sagt er, auch der Lorenz junior kommt mit Familie, mit Partnerin Amelie Kober, der Snowboarderin, und ihrem gemeinsamen Sohn Lorenz, der ist fünf und gesund, das ist ein großes Geschenk, an Weihnachten und überhaupt.

Dann steht der Lenz auf und geht raus in den Garten, fürs Foto. Er stellt sich vor ein Eishockey-Tor, fuchtelt mit den Krücken herum wie ein Torwart mit der Kelle und albert: „Schau her, so verkürzt man den Winkel optimal.“ Wenig später, nach dem Bild, Verabschiedung an der Tür, Lenz Funk sagt: „Das wird schon wieder. Ich hoff einfach, dass ich bald wieder ein normales Leben hab. Und dann kommen S‘ nächstes Jahr wieder vorbei.“ Dann will er einem die Brieftauben zeigen. Miteinander ein Weißbier trinken, einen schönen Schweinsbraten essen, am besten das Fett.

Dann will er sich fürs Foto wieder frisieren.

Florian Kinast

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