Michael Montag steht neben seinem Motorrad in der Garage
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Der große Traum von Michael Montag: Der Familienvater will wieder mit seinem Motorrad fahren.

Verlauf wird gebremst

Neue Hoffnung für Patienten mit Multiple Sklerose: Tablette schenkt Lebenszeit - ein Vater berichtet

  • vonMarco Blanco-Ucles
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Michael Montag leidet an Multipler Sklerose. Doch seit zwei Jahren bekommt er das Medikament Siponimod. Es bremst den Verlauf der Krankheit - und schenkt MS-Patienten Zeit.

Greiling - Michael Montag sitzt in der Praxis von Michaela Krause. Gerade hat die Neurologin ihm die Diagnose Multiple Sklerose (MS) mitgeteilt: ein Schock. Der zweifache Vater denkt an seine Kinder, ein Gedanke schießt ihm sofort durch den Kopf: Ist die Krankheit vererbbar? „Dass meine Kinder davon nicht betroffen sind, war mir das Allerwichtigste“, betont Montag. Das war vor zehn Jahren. Heute kann der 51-Jährige gut mit der Nervenkrankheit umgehen. Auch dank dem Medikament Siponimod, das er seit 2019 einnimmt.

Vor zwei Jahren sprach seine Neurologin Montag erstmals auf Siponimod an. Sie fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, an einer Studie zur Zulassung der Tablette teilzunehmen. Montag wollte helfen, sagte zu. Die Studie mit mehr als 1650 Patienten verlief erfolgreich: Seit Januar vergangenen Jahres ist das Präparat auf dem Markt erhältlich. Es ist speziell für Patienten geeignet, die sich in der sekundären Phase der MS befinden. Als häufigste Nebenwirkung werden Kopfschmerzen genannt.

Tablette gegen Multiple Sklerose: Symptome verschlechtern sich nicht mehr

Montag war davon nicht betroffen. Ihm hilft die Tablette, seine Symptome verschlechterten sich seitdem nicht mehr. Einmal am Tag schluckt er die Tablette, die seine Lebenszeit verlängern soll.

Die Krankheit heilen kann auch Siponimod nicht. Die Tablette verlangsamt allerdings den Verlauf. Speziell die kognitiven Fähigkeiten werden länger erhalten. Das hilft bereits vielen Patienten, erklärt Montag. „Stillstand ist bei dieser Krankheit Fortschritt.“ Multiple Sklerose verläuft in Schüben. Jedes mal verschlimmern sich die Symptome. Der letzte Schub bei Montag liegt bereits fünf Jahre zurück. Angst vor der Zukunft hat er nicht. Er lässt sich nicht verrückt machen, sagt er, kann es ohnehin nicht beeinflussen. „Der nächste Schub wird kommen. Vielleicht in einem Monat, vielleicht aber auch erst in zehn Jahren.“

Wenn ich mich nicht bewegen muss, denke ich selten an die Krankheit. Das ist die schönste Zeit.

Michael Montag

Tablette gegen Multiple Sklerose: Alles fing mit einem Fahrradunfall an

Die MS wird auch „die Krankheit mit tausend Gesichtern“ genannt, da bei den Betroffenen von Fall zu Fall verschiedene Symptome auftreten. Montag, der mittlerweile auch stolzer Großvater ist, klagte nach einem Fahrradunfall zunächst über Taubheitsgefühl im rechten Bein. Deswegen ließ er sich von Krause untersuchen. Über die Jahre fiel es ihm immer schwerer, sich fortzubewegen. Montag gab seine Arbeitsstelle in einem Fliesenfachhandel auf, ist seit 2017 Rentner. Heute geht nichts mehr ohne Hilfsmittel. Für kurze Strecken benötigt er Krücken, für lange den Rollstuhl. Die Krankheit ist immer präsent. Fast immer.

„Wenn ich mich nicht bewegen muss, denke ich selten an die Krankheit. Das ist die schönste Zeit“, erzählt Montag. Beim Telefonieren mit Freunden oder beim Kartenspielen kann er die MS vergessen. Kann vergessen, dass ihm jeder Schritt schwer fällt. Ein Glas Wasser holen oder seiner Frau einen Kaffe zubereiten bedeutet für den Eishockey-Fan Schwerstarbeit.

Tablette gegen Multiple Sklerose: Unterstützung durch Frau, Kinder und Nachbarn

Montag ist auf Hilfe angewiesen. Anfangs wollte er sie häufig nicht annehmen, zu groß war der Stolz. „Es nervt einfach, ständig wegen Kleinigkeiten jemanden um Hilfe zu bitten.“ Und das obwohl er viele Menschen hat, die ihm helfen. Seine Frau, die Kinder und die Nachbarn unterstützen ihn. „Es ist toll, dass sie sich um mich kümmern.“ Noch lieber ist es ihm, wenn sein Umfeld auch einmal verwöhnt wird, im Urlaub zum Beispiel. „Das Schönste am Urlaub ist es, zu sehen, wie meine Frau sich bedienen lässt. Zuhause muss sie das immer für mich machen.“

Seine Frau ist es auch, die Montag antreibt, etwas für seinen Körper zu tun, wenn er Probleme hat, sich zu motivieren. Er betreibt Krafttraining. Vor der Pandemie im Fitnessstudio, momentan zu Hause. Die Beinmuskulatur zur Fortbewegung muss in Form bleiben. Montag trainiert für seine Gesundheit. Und für seinen großen Traum nach der Pandemie. Er will wieder auf dem Motorrad sitzen, so wie er das früher regelmäßig tat. Dazu hat er sich eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Maschine gekauft. Sie steht in der Garage. Geht es ihm schlecht, kämpft er sich auf den Krücken zur Garage. Dann sieht er das Motorrad. Und wird wieder kämpferisch. Aufgeben ist für ihn keine Option - war es noch nie.

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