+
Barbara Stärz arbeitet für die Caritas im Landkreis. Unser Bild zeigt die Betreuerin im Haus Jakobus in Tölz. Hier können Obdachlose unterkommen. Aber mittlerweile stehen auch Alleinerziehende, arbeitslose junge Erwachsene und verarmte Rentner vor der Tür. 

Fatale Entwicklung im Landkreis

Obdachlos trotz Arbeit

  • schließen

Der Wohnungsmarkt im Landkreis ist mittlerweile so erbarmungslos, dass sogar Arbeitnehmer auf der Straße landen. Die Berater der Caritas-Wohnungslosenhilfe sind an der Überlastungsgrenze.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ines Lobenstein trifft beruflich Friseurinnen, Bäckergehilfen, Verkäuferinnen und Paketfahrer. Sie lässt sich dann aber nicht die Haare machen, eine Brotzeitplatte servieren oder die Post in die Hand drücken. Sie versucht, diesen Menschen irgendwie zu helfen. Denn sie haben eines gemeinsam: einen Job, aber keine Wohnung.

Lobenstein ist Fachberaterin für Wohnungslosenhilfe bei der Caritas in Wolfratshausen – und immer öfter ähnlich frustriert wie ihre bedürftigen Geringverdiener: „Die machen doch eigentlich alles. Sie haben kein Alkoholproblem und keine Spielsucht, sondern arbeiten hart. Aber sie halten trotzdem nicht mit. Was soll man denen denn raten?“, fragt sie.

Obdachlose, das sind alleinstehende Männer, die an der Bierflasche hängen. Das ist nur noch ein kleiner Teil der Wahrheit. Das Stereotyp geht an der Realität vorbei: 662 Menschen in sozialen Notlagen betreute die Wohnungslosenhilfe der Caritas landkreisweit im Jahr 2016, die Hälfte davon Frauen. Und im Jahresbericht heißt es auch: „Die Wohnungsnot ist in der Mittelschicht angekommen.“ Bei Familien mit Kindern und bei Rentnern.

Zwischen Icking und Lenggries explodieren die Preise, selbst für Ein-Zimmer-Apartments. „Es gibt immer mehr, die sich trotz Beruf keine Wohnung leisten können“, sagt Lobenstein. „Das war früher nicht so.“ Von „früher“ spricht auch ihre Caritas-Kollegin Barbara Stärz aus Bad Tölz. Die 35-Jährige führt Statistik über sogenannte „Eskalationsstufen“ – damit meint sie unter anderem Kündigungen und Räumungsklagen ihrer Klienten. Aus diesen Zahlen schließt sie: „Die Obdachlosigkeit in Tölz steigt.“ Ganz abgesehen von der Dunkelziffer, den „verdeckt Obdachlosen“, die auf irgendeiner Couch der Stadt schlafen.

Beunruhigende Nachrichten, gerade jetzt im Winter. Damit niemand erfriert, gibt es in Tölz das Haus Sankt Jakobus. Hier finden Menschen Unterschlupf, die nirgendwo sonst unterkommen. Jeden Tag zwischen 18 und 20 Uhr können sie sich anmelden. „Erst einmal kriegen die Leute einen Platz im Haus, dann kümmern wir uns um alles Weitere“, sagt Stärz. Eine Kleiderkammer mit wetterfesten Klamotten, Ruck- und Schlafsäcken sowie eine Dusche und eine Waschmaschine stellt die Caritas als schnelle, unbürokratische Hilfe zur Verfügung.

Im Haus Sankt Jakobus sollen sich die Obdachlosen maximal 14 Tage aufhalten. Der Platz wird gebraucht. Alleine im November standen 13 Menschen vor der Tür, jeden zweiten Tag ein anderer. Das Angebot des spontanen Dachs über dem Kopf ist einmalig im Landkreis. Daneben gibt es in Tölz, Wolfratshausen und Geretsried größere Wohnungen, die die Städte als Notunterkünfte angemietet haben. In Tölz stehen laut Stärz etwa 30 bis 40 Plätze zur Verfügung, Tendenz steigend.

Die typischen Landstreicher mit Rauschebart, langen Haaren und sentimentalen Geschichten gibt es nach wie vor. „Sie sind gut vernetzt und ziehen von Herberge zu Herberge“, sagt Stärz. Im Haus Sankt Jakobus kriegen sie die Hartz IV-Tagesleistung von 13,70 Euro ausgezahlt. Ihnen gegenüber stehen Menschen in Wohnungsnot, die ihre akute Lage psychisch fertigmacht und von denen die Berater den Satz hören: „Ich bin doch kein Penner.“ Es sind Alleinerziehende, arbeitslose junge Erwachsene und verarmte Rentner.

Sucht, Alkohol, zerbrochene Familien: Die Ursachen, die eine Abwärtsspirale in Gang setzen, sind vielfältig. Für Ines Lobenstein lautet eine: „Die Bürokratie wird nicht mehr am Menschen gemessen. Der Hartz IV-Antrag zum Beispiel ist für jemanden mit Migrationshintergrund oder wenig Schulbildung nicht zu schaffen.“ Die Sozialpädagogin denkt auch an Arbeiter, die ihre Verträge früher per Handschlag besiegelt haben und heute abgehängt sind.

Die Caritas hat die Wohnungslosenhilfe im vergangenen Jahr ausgebaut und eine halbe Stelle fürs Loisachtal dazu bekommen. Trotzdem gibt Barbara Stärz auf Nachfrage zu, dass sie die Überlastungsgrenze erreicht hat: „Manche Fälle bleiben acht Wochen liegen. Aber man kann sie ja nicht managementmäßig abarbeiten.“ Jede Beratung braucht Zeit, die Bedürftigen müssen ankommen, Vertrauen aufbauen. „Das ist irre wichtig“, sagt Stärz. „Aber die Qualität ist immer schwieriger aufrecht zu erhalten.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neue Ausstellung wird vorbereitet
Das Lenggrieser Heimatmuseum bereitet momentan eine neue Ausstellung für den Sommer vor. Zum Bau von Holzerkobeln wurde sogar ein eigener Film produziert.
Neue Ausstellung wird vorbereitet
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Dienstagabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Dienstagabend
Mit positiver Kraft helfen
Ein schrecklicher Taifun hat auf den Philippinen gewütet. Eine Tölzerin macht sich nun auf den Weg, um den Menschen vor Ort zu helfen.
Mit positiver Kraft helfen

Kommentare