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Lustige Runde: Helferkreis, Bürgermeister Ernst Dieckmann, Betreuerin Irmi Markl (vo., li.) und die Bewohner am Kranzer feierten am Montag zusammen Kinderfasching.

Asylunterkunft am Kranzer

Ein internationales Dorf

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Reichersbeuern - Die Befürchtungen wegen des abgelegenen Standorts waren im Vorfeld groß: Doch in der Asylbewerber-Unterkunft am Kranzer läuft es gut. Rund 70 Menschen sind bislang in den Mobilheimen untergekommen. Pro Woche rechnen die drei Gemeinden Reichersbeuern, Greiling und Sachsenkam mit 25 weiteren Bewohnern.

Wer das Gelände, auf dem die kleinen Häuser stehen, betreten will, muss am Sicherheitsdienst vorbei. Der ist im Container untergebracht, der direkt neben dem Rolltor im etwa 2,50 Meter hohen Zaun steht. Besucher müssen dort ihren Ausweis hinterlegen, bis sie den Kranzer wieder verlassen. Das gilt für jeden – auch für die Bürgermeister Hans Schneil (Sachsenkam) und Ernst Dieckmann (Reichersbeuern), die an diesem Tag in der Unterkunft vorbeischauen. Aus den Containern, die neben dem Verwaltungsgebäude stehen, schallt fröhliche Musik. Dort wird Kinderfasching gefeiert. Da am Kranzer vor allem Familien untergekommen sind, ist einiges los. Freiwillige aus dem Helferkreis schminken die Mädchen und Buben und wenig später schlängelt sich eine recht internationale Polonaise vorbei.

Menschen aus Syrien, Eritrea, Somalia, Irak und Afghanistan leben am Kranzer. An diesem Nachmittag werden zudem noch Menschen aus Russland erwartet. „Eigentlich ist bislang alles super gelaufen“, sagt Rathauschef Schneil. Er kann heute nicht ganz so lang bleiben, weil die Abnahme der Sachsenkamer Turnhalle ansteht. Die war seit Mitte Oktober Heimat für 48 Flüchtlinge. Da die nun aber in die Mobilheime umgezogen sind, kann die Halle wieder für Sport genutzt werden.

Der Standort der Mobilheime am Kranzer ist abgelegen. In der Nähe ist nur die Biogasanlage. Das Foto entstand in der Bauphase. Mittlerweile stehen alle Häuser, die Platz für 240 Flüchtlinge bieten. 2,7 Millionen Euro hat die VG investiert. Über die Miete, die der Landkreis beziehungsweise der Freistaat bezahlt, wird diese Summe refinanziert. Maximal drei Jahre dürfen die Häuser dort stehen bleiben.

Dass es am Kranzer so gut laufe, „liegt an unserem Helferkreis. Der macht sehr viel aus“, sagt Schneil. Die Menschen wüssten einfach, dass sie feste Ansprechpartner haben, an die sie sich bei Problemen und Fragen wenden könnten. Rund 100 Freiwillige sind momentan im Helferkreis organisiert. Jedem Mobilheim sind „ein bis zwei feste Paten zugeteilt“, erklärt Frank Michael Orthey. Sie sorgen für eine Grundorientierung der Bewohner. „Sie zeigen beispielsweise, wo der Bus ankommt und wo die Deutschkurse stattfinden, sind einfach die ersten Ansprechpartner“, sagt Orthey. Dabei gehe es aber immer um Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Perspektive ist, dass sich die Menschen, die schon länger hier sind, um die Neuankömmlinge kümmern.“

Die Deutschkurse des Helferkreises seien sehr beliebt, sagt Astrid Orthey. Dabei wird den Lehrern durchaus einiges abverlangt. „Wir bieten verschiedene Level an: Bei Level A haben wir beispielsweise Leute, die weder lesen noch schreiben können.“ Manche würden aber auch richtig schnell Fortschritte machen. „Generell gilt, dass die Menschen sehr lernwillig und interessiert sind.“

Ein großer Moment stand in der vergangenen Woche für einige Kinder an: ihr erster Schultag. Und wie war’s? „Sie haben gestrahlt, weil sie endlich zur Schule durften. Nur ein Mädchen hat geweint, weil sie mit 16-einhalb zu alt ist“, berichtet Irmi Markl. Auch sie ist einer der Gründe, warum es am Kranzer so gut läuft. Angestellt ist die Waakirchnerin seit Dezember bei der Verwaltungsgemeinschaft, ihr Büro ist aber am Kranzer. Sie ist zuständig für die gesamte Koordination, aber auch das Bindeglied zwischen Gemeinden und Helferkreis. Klar seien die ersten Wochen in der neuen Unterkunft turbulent gewesen. „Aber die Stimmung hier ist sehr positiv.“ Das findet auch Andria MaddisonLund, die für den Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ die Asylsozialberatung anbietet: „Hier ist so viel Energie. Sehr viele sind sehr aktiv, und alle lächeln. Das macht hier alles einen guten Eindruck.“

Probleme würden schnell gelöst – wie im Fall der Töpfe. Die in der Erstausstattung enthaltenen seien einfach zu klein fürs Kochen im Familienverbund. Also trieb der Helferkreis größere auf, die gerade in der Kleiderkammer verteilt werden. Dort kann man sich natürlich auch eine warme Jacke, einen Pullover und vieles mehr holen – allerdings nicht kostenlos, sondern gegen einen kleinen Beitrag. Den muss auch leisten, wer ins Internet will. Dafür hat die VG am Kranzer aber eine flächendeckende Versorgung eingerichtet. Internet ist für die meisten Flüchtlinge mit das Wichtigste, weil oft nur so ein Kontakt zu Angehörigen in der Heimat möglich ist.

Etwas turbulent ist es derzeit in Straße A, die gemeinsam mit Straße B das Areal erschließt. Ein lautes Piepen ertönt aus einem Mobilheim. Irmi Markl öffnet die Tür. Es raucht ein bisschen. Möglicherweise muss sich der eine oder andere junge Mann noch daran gewöhnen, selbst zu kochen. „Ich befürchte er hat jetzt kein Mittagessen mehr“, sagt Markl schmunzelnd.

Sobald der Winter vorbei ist, möchte Rathauschef Ernst Dieckmann das Areal noch gemeinsam mit den Flüchtlingen gestalten. Ein Platz, auf dem man Fußballspielen kann, würde ihm gefallen. „Und wenn irgendjemand irgendwo ein Gemüsebeet anlegen will, warum nicht“, sagt er. Auch die Busverbindungen müsste man möglicherweise noch optimieren. „Aber auch das wollen wir lieber gemeinsam mit den Leuten hier machen.“ Dass es so weit bis zur nächsten Ortschaft ist, ist für Koloud auch der größte Wermutstropfen. Die junge Syrerin ist mit ihrem Mann und den vier kleinen Kindern in einem Mobilheim untergekommen. Das Haus sei sehr schön, sagt sie. Beschwerlich sei es allerdings, zum Arzt oder Einkaufen zu kommen, vor allem jetzt in den Ferien, wenn nur ein Bus am Tag am Kranzer hält. Dann muss Kolouds Mann auf dem Radl nach Tölz strampeln, oder sie ziehen zu Fuß los. „Wir haben jedem eine Warnweste gekauft“, sagt Bürgermeister Schneil. Deutsches Pflichtbewusstsein eben. Das Problem: Kaum einer zieht die Weste an. „Jetzt versuchen wir zu erklären, dass sie wenigstens über Greiling gehen sollen“, so Schneil.

Voraussichtlich Ende März werden die 240 Plätze am Kranzer voll belegt sein. Einige Probleme wird es bis dahin noch zu lösen geben. Beispielsweise sind die Kindergärten in Reichersbeuern und Sachsenkam schon jetzt voll, die Gaißacher Mittelschule hat ebenfalls kaum noch Kapazitäten. Aber auch dafür werden VG, Helferkreis und die anderen Beteiligten Lösungen finden.

Helfer gesucht

Der Helferkreis freut sich über weitere Mitstreiter, die die Arbeit am Kranzer unterstützen möchten. Nähere Infos gibt es auf der Internetseite www.asyl-sachsenkam.de. Dienstags um 20 Uhr trifft sich der Helferkreis zudem immer im Sachsenkamer „Neuwirt“. Auch hier sind Interessierte immer willkommen.

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