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Die „Mobile Homes“ am Kranzer bieten Familien ein Stück Privatsphäre. Der Nachteil: Sie sind sehr abgelegen.

Helferkreis übt Kritik 

Asylunterkunft Kranzer: „Weit weg im Wald“ ist Integration schwer

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Das Leben in der Flüchtlingsunterkunft am Kranzer hat sich eineinhalb Jahre nach Eröffnung eingespielt. Helfer kritisieren jedoch, dass sich der Alltag dort weitgehend abgeschirmt von den Einheimischen abspielt.

Reichersbeuern/Greiling/Sachsenkam – Anfang 2016 wurde sie in Betrieb genommen – spätestens Ende 2018 soll sie wieder aufgelöst werden. Doch mit der geplanten Schließung der Flüchtlingsunterkunft am Kranzer „ist das Flüchtlingsproblem bei uns mitnichten erledigt“, sagt Ulrich Haushofer. Er und weitere Mitstreiter vom Asylhelferkreis zogen bei ihrem jüngsten Treffen eine Zwischenbilanz. Was sie kritisieren: Die Integration werde dadurch erschwert, dass die Campinghaus-Siedlung so abgelegen ist. Das sei aber nicht das einzige Hemmnis beim Versuch der Geflüchteten, vor Ort Fuß zu fassen.

In Reichersbeuern, Sachsenkam und Greiling – den drei Gemeinden, die die Unterkunft am Kranzer betreiben – „ist das Problem, dass die Flüchtlingsfrage weit weg im Wald sta

ttfindet“, sagte Haushofer. In der Zeit, als die Sachsenkamer Turnhalle als Notunterkunft diente, habe es mehr Begegnung zwischen Einheimischen und Dazugekommenen gegeben, meinte Maria Demmel, eine der Koordinatorinnen des Helferkreises. „Einige haben danach gesagt: Schade, dass sie jetzt nicht mehr im Dorf sind – sie haben uns immer freundlich zugewunken.“ Zwar sei etwa zur Weihnachtsfeier am Kranzer auch die einheimische Bevölkerung eingeladen gewesen. „Aber extra heraus kommt dafür keiner aus den Dörfern“, stellte Michael Montag fest. Ihm zufolge „macht die Gettoisierung alle Integrationsbemühungen zunichte“.

Ein schönes Erlebnis war ein Fahrradausflug für Kinder. Auf dem Weg nach Ellbach gab’s Pferde zu bestaunen.

Als Gegenbeispiel nannte eine Helferin die einzigen Geflüchteten, die im Ort Reichersbeuern lebten, nämlich in Wohnungen am Pfarrhof. Darunter sei eine Familie mit fünf Kindern. Die drei Söhne seien alle im örtlichen Fußballverein aktiv. Von den Bewohnern am Kranzer ist der Helferin dagegen nur ein einziger Jugendlicher bekannt, der zum Fußballtraining fahre – obwohl etwa 60 Kinder in der Siedlung leben. Die gut integrierten Familien aus den Wohnungen im Ort hingegen wurden nun in eine Gemeinschaftsunterkunft nach Lenggries verlegt.

Wenn die „Mobile Homes“ am Kranzer aufgegeben werden, schwebt dem Helferkreis vor, dass zumindest einige der Geflüchteten in Reichersbeuern, Greiling und Sachsenkam bleiben sollten. „Sicher können wir nicht 180 bis 200 Menschen in den Dörfern integrieren, aber mit drei Familien pro Ort wäre das gut möglich“, meinte Haushofer.

Damit sie Wohnraum vor Ort finden, regt der Helferkreis in einem Positionspapier ein „soziales Wohnbaukonzept“ vor, etwa durch einfache Genehmigung und finanzielle Förderung privater Vorhaben, durch bauliche Verdichtung, eventuell gar durch die Nutzung von Gewerbegebieten für Wohnbebauung.

Begegnungscafé ab Herbst in Reichersbeuern

Um die Integration voranzutreiben, schlägt der Helferkreis zudem vor, dass sich die örtlichen Vereine am Kranzer vorstellen und kleine gemeinsame Aktivitäten organisieren, oder dass den Geflüchteten die Möglichkeit gegeben wird, ihre eigenen Traditionen – Essen, Musik, Tanz – bei „dörflichen Veranstaltungen“ zu präsentieren. Das jüngste eigene Projekt des aktuell etwa 30 Aktive umfassenden Helferkreises ist ein „Begegnungscafé“ für Familien, das in Zusammenarbeit mit der Caritas im Herbst in Reichersbeuern starten soll.

Montag merkte an, dass er sich auch von einigen Geflüchteten selbst mehr Anstrengungen wünsche. Haushofer bestätigte: „Es sind welche dabei, die sich gar nicht bemühen. Aber es sind auch genug, bei denen es unendlich schade wäre, wenn sie keine Chance bekämen.“ Leider würden solche Unterschiede für das Bleiberecht keine Rolle spielen.

Für Frustration im Helferkreis sorgte etwa der Fall eines Afghanen, der nach erfolgreichen Sprachkursen und einem Praktikum eine Arbeitsstelle in einer Schreinerei gefunden habe. „Aber er wurde am dritten Tag nach Hause geschickt, weil er keine Arbeitsgenehmigung bekommen hat“, berichtete Christa Türck. Mittlerweile sei auch sein Asylantrag abgelehnt worden.

Ein anderer Geflüchteter arbeite als Spüler in Waakirchen, habe aber große Probleme, vom Kranzer aus dorthin zu pendeln. „Und in Waakirchen findet er keine Wohnung, weil er keinen unbefristeten Arbeitsvertrag vorweisen kann“, berichteten die Helfer. Überhaupt komme von vielen Vermietern auf Anfragen, ob sie ihre freie Wohnung an Geflüchtete vermieten, „ein klares Nein“.

Ein anderer habe eine Vollzeit-Anstellung in der Reichersbeurer Biogasanlage, erzählte Susanne Dohrn. Als Bewohner mit eigenem Einkommen soll er jetzt für sich und seine Familie (Ehefrau und drei Kinder) 900 Euro Monatsmiete zahlen. Praktisch sein ganzes Einkommen gehe also fürs Wohnen in einer Art Wohnwagen drauf.

Dohrn berichtete auch, wie mühsam die Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit sei. „Für die Geflüchteten in unserem Bereich ist nur ein Mitarbeiter zuständig“, sagte sie. „Er ist nur donnerstags und freitags da, und da ist er dann verständlicherweise überlastet. So geht alles nur sehr langsam voran.“

Maria Demmel beschleicht manchmal das Gefühl, dass die Integrationsbemühungen der Ehrenamtlichen gar nicht erwünscht sind. „Die Helferkreise sind der Politik ein Dorn im Auge, weil man nicht will, dass die Geflüchteten hier bleiben.“

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