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Alte Kunst neu interpretiert: Mit einem handelsüblichen Lötkolben brennt Werner Härtl in filigraner Feinarbeit individuelle Designs in Skateboard Decks. So entstehen Unikate, die eigentlich viel zu schade für die Straße sind.

Volkskunst 2.0

Der Brandmaler aus Reichersbeuern

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Reichersbeuern - Kunst unter den Füßen: Werner Härtl aus Reichersbeuern gibt traditionellem Handwerk ein völlig neues Gesicht. Der 37-Jährige überträgt alte bayerische Volkskunst in die Moderne. Mit dem Lötkolben bearbeitet der Brandmaler Skateboards und schafft so einzigartige Kunstwerke für die Straße oder die Wand. Außerdem ist er für immer mit dem Wolpertinger liiert.

In Omas Stube sind sie obligatorisch. Gewöhnlich serviert der Bayer auf ihnen gesalzenen Radi, würzigen Käse und rauchigen Speck: Mit Brandmalerei veredelte Brotzeitbretter gehören wohl in jeden anständigen bairischen Haushalt. Diese alte Form der Volkskunst ist nun aber nicht unbedingt das, was junge Menschen so aus den Socken haut. Werner Härtl ist es mit einem zufälligen Einfall aber gelungen, dem Handwerk einen hippen, coolen Anstrich zu verpassen. Traditions-Handwerk 2.0 sozusagen.

Die Idee dahinter ist so einfach wie genial. Härtl, unter anderem Illustrator, designt seit Jahren Skateboards für einen Tiroler Hersteller. Der wiederum wollte mehr von seinen Rollbrettern an den Kunden bringen und stellte sie bei den X-Games, einer Extremsportveranstaltung, in München zur Schau. Um die Klientel an den Stand zu locken, sollte Härtl die Boards live und vor Publikum bemalen. „Sowas von unspektakulär“, befand der HipHop-Fan, zog los und kaufte sich, einer Art Eingebung folgend, kurzerhand einen Lötkolben. Und schwups, die Kunden waren begeistert, eine Geschäftsidee war geboren.

Knapp drei Jahre ist das her. An einem alten hölzernen Sekretär, der als Werkbank dient, lässt der Reichersbeurer nun den Lötkolben glühen, was das Zeug hält. Dabei trägt Härtl selbstredend seine speckige Hirschlederne, heimatverbunden, wie er ist. Läppische zehn Euro hat der Autodidakt für sein Arbeitsgerät bei einem Discounter investiert. Mit diesem 08/15-Werkzeug brennt er seither in die Bretter, was seine Kunden so wünschen. Das können Namen sein, Schriftzüge im Graffiti-Stil, Comic-Szenen oder solche aus Horrorstreifen. „Der Fantasie sind da keinerlei Grenzen gesetzt“, sagt der gebürtige Münchner.

Als Grundlage dienen Härtl gekaufte Rohlinge, bevorzugt aus Holz und klar lackiert. Den Lack schmirgelt der nebenberufliche Helfer in der Landwirtschaft sofort weg, um mit Kohlepapier oder Schablone das Motiv aufs Brett zu übertragen. Mit Farbe aus der Sprühdose oder mittels Gravur setzt er gegebenenfalls noch Akzente, bevor eine Schicht Klarlack sein Werk konserviert. Seine Vorlagen erarbeitet Härtl zuvor auf einem Tablet-Computer.

Tatsächlich stellen sich seine Auftraggeber aber eher selten auf die fertigen Boards, die es in dieser Form wohl nicht noch einmal gibt. „Ich kenne sonst keinen, der das macht“, sagt Härtl. Die Skateboards mit bayerischem Anstrich sind den Meisten für den Gebrauch auf der Straße oder in der Halfpipe viel zu schade. Sie verschönern vielmehr ihre Wände damit.

Neben der Arbeit als Designer und Helfer in der Landwirtschaft hat das Multitalent aber noch weitere Standbeine: Etwa eine Comic-Serie, die zahllose Schüler hierzulande schon seit über zwei Jahrzehnten amüsiert verfolgen. Härtl ist nämlich der Erfinder der Cartoonfiguren „Brot und Schwein“, die im sogenannten „Häfft“, einem Hausaufgabenheft, ihre Späße machen. Aus Rundfunk und Fernsehen kennt man Härtl ebenfalls. Als freier Sprecher ist er in diversen Produktionen zu hören. Und weil seine Kreativität nur so sprudelt, macht er auch noch Musik. Mit „Boarisch-HipHop-Projekten“ hat der wortgewandte Reichersbeurer schon einige Platten veröffentlicht.

Individuell und einzigartig sollen Härtls Arbeiten sein. „Kein Style zweimal“ ist entsprechend sein Credo. Längst tüftelt der junge Vater deshalb auch schon an weiteren Varianten seiner modernen Volkskunst. Ein Uhrwerk ins Brett gefräst, schon wird aus dem Skateboard etwa eine dekorative Wanduhr. Ein paar Leuchtmittel verwandeln es in eine stylische Lampe, die indirektes Licht spendet. Auch an Möbel oder Obstschalen hat er schon gedacht. Auf Erstere gebe es allerdings bedauerlicherweise schon Patente. Umgekehrt könne aus einem Skateboard aber leicht auch ein Brotzeitbrettl werden. Eines für sehr Hungrige versteht sich. Oder für größere Gruppen. Der 37-Jährige kennt jedenfalls keine künstlerischen Grenzen. Selbst aus Kuhdung hat der Reichersbeurer schon ein Bild gemalt.

Seine von der Volkskunst inspirierte Idee, Skateboards zu veredeln, hat auch schon Wellen geschlagen. Jüngst berichtete das Bayerische Fernsehen über den Tausendsassa. Und natürlich steckt auch dahinter erneut eine lustige Geschichte. Es war wieder auf den Münchner X-Games: Dort war der BR eigentlich zu Recherche-Zwecken unterwegs. Es sollte um Tattoo-Studios gehen, die bairische Motive stechen. Bei den X-Games war eines vor Ort, in dem saß gerade Werner Härtl und ließ sich einen Wolpertinger stechen. Der BR wollte ein Foto davon für das Buch zur Sendung – man kam ins Gespräch und Brandmaler Härtl berichtete über sein Handwerk.

Ab 150 Euro sind die einzigartigen Brettln zu haben. Bei 40 Euro Grundpreis alleine für das Material wird den Künstler dieses Standbein freilich nicht reich machen. „Das ist natürlich ein Nischenprodukt. Die Leute werden mir deswegen sicher nicht die Bude einrennen“ sagt Härtl. Neues wagen und Ideen entwickeln – das reizt den modernen Brandmaler viel mehr. Und den Opa freut die fetzige Form der Volkskunst bestimmt auch.

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