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Grüne organisieren Online-Vortrag zu Mythen der E-Mobilität „Mensch will keine Veränderungen“

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Von: Patrick Staar

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Rund 50 Zuhörer waren dabei, als Prof. Dr. Rainer Klein (li. oben) über die Zukunft der E-Autos sprach. Eingeladen zu der Info-Veranstaltung hatte der Ortsverband Reichersbeuern-Greiling-Sachsenkam der Grünen.
Rund 50 Zuhörer waren dabei, als Prof. Dr. Rainer Klein (li. oben) über die Zukunft der E-Autos sprach. Eingeladen zu der Info-Veranstaltung hatte der Ortsverband Reichersbeuern-Greiling-Sachsenkam der Grünen. © Kn

Zu einer Online-Infoveranstaltung zum Thema E-Mobilität haben jüngst die Grünen des Ortsverbands Reichersbeuern-Greiling-Sachsenkam eingeladen. Ein Professor referierte über „Mythen der Elektromobilität“.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Elektroautos sind teuer, haben Probleme mit der Reichweite, sind leicht brennbar und klimaschädlicher als Verbrenner: Alles Märchen, sagt Prof. Rainer Klein. Der Leiter des Studiengangs Mechatronik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg nahm in einem Online-Vortrag die „Mythen der Elektromobilität“ unter die Lupe. Eingeladen zu dieser Info-Veranstaltung hatte der Ortsverband Reichersbeuern-Greiling-Sachsenkam der Grünen.

Gegenüber der Elektromobilität herrsche noch immer eine große Skepsis, sagte Klein. Laut einer vom „Focus“ veröffentlichten Befragung glauben 76 Prozent der Deutschen, dass sich die Elektromobilität nicht durchsetzen wird. Er führte die Skepsis vor allem darauf zurück, dass von „bestimmten Interessengruppen“ gezielt Falschinformationen gestreut werden. Abgesehen davon wolle der Mensch keine Veränderung: „Das ist ein psychologisches Phänomen. Veränderungen verunsichern.“

6 Prozent sagen: Elektromobilität hat keine Zukunft

Der Referent konnte nur eine wirkliche Schwachstelle beim Ausbau der Elektromobilität erkennen: das Stromnetz. Die Elektrizitätswirtschaft gehe von einer Leistung von zwei bis drei Kilowatt pro Haushalt aus: „Wenn wir alle gleichzeitig den Staubsauger einschalten würden, würde das Stromnetz schon zusammenbrechen.“ Eine Ladesäule sei aber auf eine Leistung von elf Kilowatt ausgelegt. In der Praxis würden aber nicht alle Staubsauger gleichzeitig eingeschaltet und nicht alle Elektrofahrzeuge gleichzeitig aufgeladen: „Ich mache das zum Beispiel nur einmal pro Woche am Arbeitsplatz.“ Unter dem Strich sei auch dies „kein wirkliches Problem, aber eine Baustelle. Die Stromnetze müssen ausgebaut werden.“ Klein räumte auch ein, dass die Bewohner von Mietwohnungen ohne Ladesäulen es schwerer haben, ihre Autos aufzuladen – 65 Prozent der E-Auto-Nutzer erledigen dies zu Hause.

Viele andere Argumente gegen Elektromobilität ließ Klein nicht gelten. Reichweiten-Angst sei lediglich ein psychologisches Problem. So würden die meisten Menschen kaum mehr als 20 bis 30 Kilometer pro Tag fahren. Lediglich 4,5 Prozent – meist Berufspendler – brächten es auf mehr als 50 Kilometer pro Tag. Der Anteil der Außendienst-Mitarbeiter mit täglichen Fahrleistungen von über 300 Kilometern sei „verschwindend gering“. Selbst die Reichweite der ersten E-Autos, die auf den Markt kamen, sei im Normalfall locker ausreichend: „Nach 300 Kilometern sollte man eh mal eine Pause machen. Während des Kaffeetrinkens kann man sein Auto aufladen.“ Er selbst fahre mit seinem Tesla mit Anhänger zweimal pro Jahr nach Südfrankreich. Noch nie habe er warten müssen, um sein Auto aufladen zu können. In Deutschland gebe es 28 118 Ladesäulen. Dem stehen nur 14 449 Tankstellen gegenüber, wenn auch mit mehreren Zapfsäulen. Klein: „Das Problem ist, dass Ladesäulen unauffälliger sind. Daher nimmt man sie weniger wahr.“

Stromnetz einzig wirklicher Schwachpunkt

Auch Umweltschutz-Argumente sprechen nach Ansicht von Klein nicht gegen E-Autos. So würde Lithium „überall“ gebraucht, unter anderem für Glaskeramik, Schmiermittel, Batterien, Laptops und Handys. Für eine durchschnittliche Autobatterie würden zehn Kilogramm gebraucht, die weltweiten Lithium-Reserven würden auf 44 Milliarden Kilogramm geschätzt: „Selbst wenn alle Autos auf dem Planeten mit Akkus ausgestattet werden, gäbe es also kein Problem.“ Zumal die Entwicklung weitergehe. Es sei unklar, ob in Zukunft überhaupt noch Lithium für Batterien benötigt wird: „Und Lithium hat gegenüber Öl auch den Vorteil, dass es recyclebar ist.“ Die Situation bei Kobalt sei analog.

Geld lieber Stromanbieter als Russland geben

Einer der 50 Zuhörer erkundigte sich, wie er die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Förderung von Kobalt beurteilt. Klein antwortete bei der Förderung gehe es in erster Linie um Kupfer, Kobalt sei nur ein Bei-Produkt. Rund zehn Prozent der Minen im Kongo seien Familienbetriebe, in denen auch Kinder arbeiten: „Das ist schon seit Jahrzehnten so“, sagte Klein. „Ich will nichts beschönigen. Aber bis E-Autos aufgekommen sind, hat es nie jemanden interessiert, unter welchen Bedingungen gefördert wird.“

Auch das Argument des hohen Wasserverbrauchs hält Klein eher für vorgeschoben. Die Atacama-Wüste in Südamerika sei eines der Haupt-Abbaugebiete: „Da wird immer davon gesprochen, dass Trinkwasser verbraucht wird, mit dem Felder bewässert werden könnten. Tatsächlich sind es aber Salzseen.“ Für die Herstellung eines Akkus werde etwa so viel Wasser verbraucht wie für die Produktion von 250 Gramm Rindfleisch, zehn Avocados, 30 Tassen Kaffee oder einer halben Jeans. Es könne auch keine Rede davon sein, dass Elektroautos mehr Kohlendioxid verbrauchen als der Betrieb von Benzinern und Dieseln, „selbst mit dem deutschen Strommix“. Ein Tesla verbrauche etwa 7,6 Kilogramm Kohlendioxid je 100 Kilometer – etwa halb so viel wie ein Verbrenner. Die Bilanz verbessere sich immer weiter, je grüner der Strom wird. Strom sei genügend vorhanden, Deutschland sei Netto-Stromexporteur. Abgesehen davon sei es bislang oft so, dass Windräder nachts stillstehen: „Wenn man sie auch nachts laufen lassen würde, könnte man damit wunderbar Elektroautos laden.“

Klein: „Reichweitenproblem ist psychologisch“

Die anderen häufig gegen E-Autos angeführten Argumente hält Klein ebenfalls für schwach. So sei es laut einer Statistik der Versicherungswirtschaft 110 Mal wahrscheinlicher, dass ein herkömmliches Auto Feuer fängt als ein E-Auto: „Sie heißen ja nicht umsonst Verbrenner.“ Insgesamt seien E-Autos auch deutlich preiswerter, in der Golfklasse spare man etwa 80 Euro pro Monat, wenn man sich für ein E-Modell entscheidet. Es gebe eine Kaufprämie, der Wertverlust sei geringer und die Werkstattkosten niedriger: „Es gibt keinen Ölwechsel, keinen Keilriemen, der Luftfilter muss nicht gewechselt werden und der Ölfilter auch nicht.“

Der Sachsenkamer Tobias Pfatrisch sagte, er möchte das E-Auto nicht mehr missen: „Wir haben uns aus ökologischen und finanziellen Gründen für den Kauf entschieden – die Betriebskosten sind viel niedriger.“ Das Fahren mache „wahnsinnig Spaß“, Kurvenlage, Traktion und Beschleunigung seien gut. Ihr Peugeot habe offiziell eine Reichweite von 300 Kilometern, realistisch seien im Winter 200 bis 250 Kilometer: „Das ist für uns mehr als ausreichend.“ In Zukunft wollen die Pfatrischs ihr Auto mit Strom aus den Solarzellen auf dem Dach laden: „Wir wollen bei Öl und Gas einfach nicht mehr von Ländern wie Russland abhängig sein“, sagt er. „Lieber gebe ich das Geld einem regionalen Stromanbieter.“

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