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Männertruppe: In der Schützenkapelle Reichersbeuern dürfen Frauen laut Satzung nicht mitspielen. Auf dem Foto sind trotzdem zwei – Marketenderinnen, die die Kapelle begleiten und „Erfrischungsgetränke“ verkaufen.

Ausnahmefälle in Oberbayern

Keine Frauen erlaubt: Zwei Isarwinkler Blaskapellen bleiben unter sich

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Frauen dürfen nicht mitspielen: In zwei Isarwinkler Blaskapellen gilt das bis heute. Ihre Leiter berufen sich auf die Tradition – und sie wollen „Konfliktpotenzial“ vermeiden.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Immer mehr Frauen spielen in Blaskapellen: 43 Prozent der Mitglieder des Musikbunds von Ober- und Niederbayern sind weiblich. 2001 waren es noch 33,5 Prozent. Bei den unter 18-Jährigen sind die Mädchen mit 52 Prozent sogar in der Mehrheit. Nur sieben der knapp 500 Mitglieds-Kapellen sind dem Musikbund in seinem Verbreitungsgebiet bekannt, die keine weiblichen Mitspielerinnen haben. Auch zwei Isarwinkler Gruppen verzichten ganz bewusst auf sie: die Reichersbeurer und die Wackersberger.

„Darüber kann man streiten. Und ich verstehe die Kritik auch“, sagt Thomas Hölzl, Leiter der Musikkapelle Wackersberg. „Aber es ist uns lieber, unter Männern zu bleiben.“ Hölzls erstes Argument: Auf Hochzeiten oder in Bierzelten spiele man oft bis weit in die Nacht. Mädchen, die vielleicht noch nicht mal 18 sind, dürften da von den Eltern aus wohl nicht mitspielen. Argument zwei: „Wir wollen nicht, dass sich beste Spezln um eine Musikantin streiten.“ Hölzl geht es um das „Konfliktpotenzial“, das Frauen in die Kapelle bringen würden. Als Beispiel nennt er „Fünf Tage Bierzelt in Italien mit Übernachtung“. Aus der Sicht einer Ehefrau sei es da schon beunruhigend, wenn – möglicherweise auch noch schöne – Frauen mit ihren Männern unterwegs sind. Argument drei: „Für ein junges Mädel ist es attraktiver, in der Tölzer Stadtkapelle anzufangen und Konzerte zu spielen – und nicht ständig bayerisch-böhmisch.“

„Bei den Schützen sind ja auch keine Frauen dabei“

Mädchen aus Reichersbeuern wählen diesen Weg – denn in der eigenen Dorfkapelle dürfen sie nicht spielen. Das steht laut Dirigent Klaus Hochwind sogar in der Satzung, die ungefähr 25 Jahre alt sei. Die meisten Vereinssatzungen in Ober- und Niederbayern würden keine „diskriminierenden Ausschlüsse von Frauen“ mehr enthalten, berichtet Andreas Horber, Geschäftsführer des Bayerischen Blasmusikverbands. In Reichersbeuern ist das anders. Hochwinds Argument ist die Tradition. Als Schützenkapelle sei man oft mit den Schützen unterwegs: „Und da sind ja auch keine Frauen dabei. Das ist aus Tradition erwachsen, und das behalten wir bei.“ Natürlich möchte Hochwind den weiblichen Musikern nicht das Können absprechen. Sollten sich Nachwuchssorgen anbahnen, würde man vielleicht darüber nachdenken, auch Mädchen zu umwerben. Aktuell aber nicht: „Wir müssen nicht wachsen“, sagt Hochwind. Er dirigiert knapp 20 Mann.

Dass die Reichersbeurer und Wackersberger keine Frauen aufnehmen, findet Sepp Schmotz kurz und knapp „einen Schmarrn“. Er ist Vorsitzender der Musikkapelle Sachsenkam, in der Antonia Liebhart als eine von sechs weiblichen Musikantinnen Klarinette spielt. Ihr Uropa habe die Kapelle gegründet, sagt die 21-Jährige. Und wie ist das so als Frau zwischen so vielen Mannsbildern? „Man muss sich durchsetzen. Und wenn Frauenwitze kommen, redet man einfach blöd zurück.“ Phasenweise war Liebhart die einzige Frau in der Kapelle. „Jetzt bin ich schon froh um ein bisschen Unterstützung“, sagt sie. In Sachsenkam seien alle für beide Geschlechter. Angesprochen auf die anderen Kapellen, meint Liebhart nur: „Ich finde das veraltet, aber das müssen sie selbst wissen.“

Tölzer Stadtkapelle: Verhältnis fast 50:50

Von den weiblichen Jugendlichen spielen über 90 Prozent Querflöte und Klarinette, teilt Verbands-Geschäftsführer Horber mit. Für Ober- und Niederbayern gelte aber auch: „Es gibt keine Männerdomänen mehr. Frauen spielen mittlerweile alle Instrumente, von der Piccoloflöte bis zur Tuba, vom Schlagzeug bis zur Trompete.“ Dirigent Sepp Kronwitter bestätigt das. Er leitet die Tölzer Stadtkapelle, 65 Musiker in Vollbesetzung. „Fast die Hälfte davon sind Frauen“, sagt er. Den Dorfkapellen rät Kronwitter: „Sie sollten es einfach mal probieren. Es haut hin.“ Der heute 53-Jährige muss überlegen, ob überhaupt eine Frau dabei war, als er 1988 als Dirigent in Bad Tölz anfing.

Der Vorsitzende der Stadtkapelle Wolfratshausen, Christian Tomsu, kann aus der selbst verfassten Chronik zitieren: „1982 ist die erste Frau eingetreten. Sie hat Tuba gespielt.“ Mittlerweile machen Frauen die Hälfte der Musikanten aus. Und in der Jugendkapelle gibt es laut Tomsu sogar ein Verhältnis von 10:3 für die Mädchen. „Da ist eine ganze Clique einer Bläserklasse der Wolfratshauser Realschule gekommen.“ Solche Klassen gibt es seit Jahren übrigens auch an der Mädchenrealschule Hohenburg. Trotz der beiden Isarwinkler Ausnahmefälle dürfte es an weiblichem Nachwuchs auch künftig nicht mangeln.

Lesen Sie hier aus unserem Archiv den Bericht „Mädchen am Altar: Wollte der Pfarrer keine Ministrantinnen?“

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