Friedhof
+
Reichersbeuern trauert um den langjährigen Gemeinderat Friedl Kunstwald (Symbolfoto).

Nachruf

Mit 90 Jahren gestorben: Reichersbeuern trauert um Friedl Kunstwald

Sein Leben war geprägt von Zivilcourage und Engagement fürs Dorf: Nun ist Friedl Kunstwald, Träger der Ehrennadel in Gold der Gemeinde Reichersbeuern, mit 90 Jahren gestorben.

Reichersbeuern – Die Begegnung an jenem Sonntag im Sommer 1986 mit Friedl Kunstwald und Zwi Katz, einem Überlebenden des Todesmarschs aus dem Konzentrationslager Dachau, war beeindruckend und unvergesslich zugleich. Zu Hause bei Friedl Kunstwald erinnerten sich die beiden Männer an eine Begegnung in ihrer Jugend, die sie nie vergessen haben. Diese Geschichte zeigt die Zivilcourage des Reichersbeurers schon in jungen Jahren. Jetzt ist Kunstwald im Alter von 90 Jahren gestorben.

Begegnung mit dem Holocaust-Überlebenden Zwi Katz hat Friedl Kunstwald geprägt

Kunstwalds Zusammentreffen mit Zwi Katz hat den damals 14-Jährigen nachhaltig geprägt und seinen Charakter gefestigt. Die Leidensgeschichte von Zwi Katz, die im April 1987 in vier Teilen im Tölzer Kurier und später auch in Buchform erschien, ist vielen bekannt. Im Sommer 1986 schilderte Kunstwald auch ein persönliches Erlebnis. „Als die geschundenen, hungernden Gefangenen am 2. Mai 1945 durch Reichersbeuern zogen, war ich 14 Jahre alt“, erzählte er. Hitlerjunge, wie so viele andere. Er war vor die Tür getreten, als ihm einer der vorbeiziehenden Häftlinge eine alte Ziehharmonika in die Hand drückte. „Gib Brot“, bettelte er. Friedl Kunstwald trat zurück ins Haus. Die Mutter gab ihm einen gerade gebackenen Laib Brot. Friedl steckte ihn dem Gefangenen zu. „Junge hat Brot gebracht“, rief dieser seinen Leidensgenossen zu und schubste Friedl zurück Richtung Haus. „Lauf Junge! Du Zuhause“, rief er dem 14-Jährigen noch zu, weil bereits die SS-Schergen auf den Vorfall aufmerksam wurden.

Friedl Kunstwald

Die alte, eigentlich wertlose Ziehharmonika überdauerte die Zeit auf dem Dachboden. „Die wird noch abgeholt“, war sich Kunstwald sicher. Und tatsächlich erkundigte sich 1995 ein Rabbiner Gibraltar, der zur Einweihung des Mahnmals gekommen war und von Zwi Katz die Geschichte gehört hatte, nach dem Musikinstrument. Der Kreis hatte sich geschlossen.

24 Jahre im Gemeinderat: „Lasse mich nicht verbiegen“

Friedl Kunstwald war im Jahre 1966 als einer der „Jungen“, die etwas verändern wollten, in den Gemeinderat eingezogen. Für die Freie Wählergemeinschaft Reichersbeuern, für deren Gründung er an vorderster Stelle verantwortlich war. In den 24 Jahren, die er dem Gemeinderat angehörte, wurde die Eigenständigkeit der Gemeinde bewahrt, die Wasserversorgung erweitert, der Kanal und das Feuerwehrhaus gebaut, die Schule erweitert und die Turnhalle geplant – um nur einige Punkte zu nennen. Bei seinem Ausscheiden 1990 wurde er für seine Verdienste mit der erstmals vergebenen Ehrennadel in Gold der Gemeinde Reichersbeuern ausgezeichnet. „Ich lasse mich nicht verbiegen und will meine Entscheidungen frei und ohne Fraktionszwang treffen“, hat er einmal gesagt.

Kunstwald wurde 1930 in Bad Tölz geboren. Seine Kindheit verbrachte er in seinem Heimatdorf Reichersbeuern, in dem seine Eltern nach dem Krieg das Lebensmittel- und Gemischtwarengeschäft übernommen hatten. Er besuchte die Dorfschule und absolvierte nach seiner Schulzeit eine Lehre bei der örtlichen Raiffeisenbank. Nebenbei musste er auch im elterlichen Betrieb helfen.

Freya und Friedl Kunstwald pflanzten 12.000 Bäume

Die Frau seines Lebens lernte er 1960 im Eisstadion in Landshut kennen, wohin er die Reichersbeurer Eishockey-Kleinstschüler bei der Bayerischen Kunsteis-Meisterschaft als Betreuer begleitet hatte. „Du Scheißer. Du machst mir ja ein Loch ins Eis, hat er mich angeraunzt, als ich in der Pause mit den Schuhen am Kunsteis gekratzt habe“, erinnert sich seine Frau Freya an die erste Begegnung. Trotz der harschen Zurechtweisung hatte „der Blitz eingeschlagen“. Ein Jahr später wurde geheiratet. Die nächsten Jahre waren von Veränderungen geprägt. Das Ehepaar übernahm das elterliche Geschäft, das kurze Zeit später von Freya Kunstwald allein betrieben wurde.

Kunstwald übernahm die Gebietsvertretung der Lebensmittelgenossenschaft Edeka und arbeitete später als Mitarbeiter in der juristischen Abteilung der Firma Linde. „Wir waren stets ein Team und haben uns gegenseitig in unseren Interessen unterstützt“, erklärt Freya. Sie vergrößerten das Geschäftshaus, schenkten zwei Mädchen das Leben und pflanzten zwischendurch 12.000 Bäume auf ihrem Waldgrundstück.

Friedl Kunstwald führte 28 Jahre lang den SC Reichersbeuern

Die Waldarbeit war für Friedl Kunstwald Arbeit und Erholung zugleich. Der hinterm Haus angelegte Garten war bis zuletzt sein Rückzugsbereich, sein grünes Paradies. In dem darin integrierten kleinen Schwimmbad lernten zahlreiche Reichersbeurer Kinder und Erwachsene das Schwimmen.

Im Dorf war Kunstwald gut vernetzt. Er führte 28 Jahre lang den Hauptverein des SC Reichersbeuern und wurde dafür zum Ehrenvorstand ernannt. „Die Anmeldung der Fußball-Sparte beim Bayerischen Fußballverband habe ich aus eigener Tasche bezahlt. Geld war koans da“, plauderte er einmal bei einem Jubiläum aus dem Nähkästchen. Die Mitglieder der örtlichen Raiffeisenbank wählten ihn in den Aufsichtsrat, dem er 25 Jahre, darunter viele Jahre als Vorsitzender, angehörte. Er war ein geschätztes Mitglied bei den Gebirgsschützen und beim örtlichen Trachtenverein.

Im Ruhestand viel gereist, Freunde besucht und Rad gefahren

1996 zog sich das Ehepaar in den Ruhestand zurück. Es unternahm viele Reisen rund um den Globus, besuchte Freunde, und Friedl Kunstwald, der früher gerne auch mal Bergtouren unternommen hat, verlegte sich aufs Radfahren oder zog sich mit einem guten Buch zurück.

Vor zwei Jahren verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Sein noch vor einem halben Jahr geäußerter Wunsch, sich wieder regelmäßig in seinem geliebten Garten ausruhen zu können, erfüllte sich nicht mehr.

Bad-Tölz-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Bad Tölz – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Von Günter Platschek

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare