+
Der Wohnwagen bietet lediglich Platz für ein Bett, ein kleines Waschbecken und eine einfache Küchenzeile. Seine Wäscheleine spannte Herbert Schönberner zwischen Traktor und Wohnwagen. Der Reichersbeurer fuhr bis zu zehn Stunden täglich mit seinem Gespann.

Pilgerfahrt nach Santiago

Mit dem Traktor auf dem Jakobsweg

Spätestens seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ ist Pilgern in. Aber so wie Herbert Schönberner ist den Jakobsweg noch keiner gepilgert. Der Reichersbeurer legte die Strecke nach Santiago de Compostela auf einem Eicher-Traktor aus dem Jahre 1964 zurück. Und das auch noch ohne Fremdsprachenkenntnisse.

Reichersbeuern Den Wunsch, einmal im Leben auf dem Jakobsweg zu wandern, hatte Herbert Schönberner viele, viele Jahre. Aber immer kam etwas dazwischen. Immer war etwas wichtiger. Seine Karriere als Deutschlands jüngster Drei-Sterne-Koch, seine fünf Kinder. Dann wurde der 67-Jährige krank und schob seinen großen Traum vom Pilgern ganz beiseite. Denn Schönberner hat zwar seine Krankheiten „soweit gebändigt“, wie er sagt. Laufen kann er aber nicht mehr richtig.

Doch im Frühjahr dieses Jahres musste der Rentner, der noch halbtags in der Max-Rill-Schule arbeitet, erneut ins Krankenhaus. Eine Lappalie zwar, aber sie war wie ein Weckruf für ihn. Ihm wurde klar, wie endlich das Leben ist. Und dass er seine Träume jetzt verwirklichen muss. Nur wie pilgern mit kranken Füßen? „Und ich wollte den Weg doch ganz langsam gehen.“

Ein Auto als Fortbewegungsmittel schied aus. Auch den Gedanken, mit einem Esel zu gehen, verwarf er. „Zu viel Verantwortung.“ Zufällig las er in der Zeitung von einem Eicher. Baujahr 1964, 15 PS, Höchstgeschwindigkeit 20 Kilometer pro Stunde. Dazu kaufte er sich spontan einen klitzekleinen Wohnwagen aus dem Jahr 1961. Ihn entdeckte Schönberner beim Vorbeifahren an einem Haus in Gaißach. Nach einigen notwendigen Reparaturen und Probefahrten über den Kesselberg startete er am 1. August von Reichersbeuern aus Richtung Spanien. „Ich wollte schnell machen. Nicht, dass wieder was dazwischenkommt.“

Seine Familie reagierte mit Kopfschütteln. Ihm war das egal. Über Kempten ging es an den Bodensee und weiter Richtung Biarritz. Dann über schmale Passstraßen über die Pyrenäen. Ohne Navi. Nur mit Landkarte. „Ich kam überall drüber. Der Eicher hat nirgendwo schlappgemacht“, berichtet Schönberner stolz. Jeden Tag musste er seine Tagesetappe freilich genau planen, denn Innenstädte und Autobahnen waren tabu für den Traktor. Aber natürlich landete er irgendwann irgendwo doch auf einer Autobahn. Täglich verfuhr er sich mehrmals. Vor allem die vielen Kreisverkehre in Spanien waren regelrechte Irrgärten. „Aber die Menschen und auch die Polizisten waren sehr hilfsbereit und super freundlich.“

Bis auf ein paar Brocken spricht Schönberner weder Englisch noch Spanisch. Mit Händen und Füßen musste er sich verständigen. Geklappt hat es immer. Irgendwann. Irgendwie. Autofahrer, die ihn auf der Landstraße überholten, feuerten seinen Traktor oft mit Hupen und Daumen-Hoch-Zeichen an. Oft wurden er und sein Gespann fotografiert.

Übernachtet hat Schönberner auf Campingplätzen oder einfach am Straßenrand. Manchmal wurde er auch von Privatleuten spontan in deren Zuhause eingeladen. Egal was war, sagt er, „überall wurde mir geholfen“. Beispielsweise von dem spanischen Mechaniker, der nach einer Reifenpanne eigens seine Werkstatt aufsperrte – an einem Sonntag.

Wollte er nie umkehren? Nie aufgeben? Doch, sagt Schönberner. „Jeden Morgen waren Angst und Zweifel da.“ Dann hat er gebetet. „Das hat mich irgendwie beruhigt.“ Am 30. August kamen Schönberner und sein Gespann vor den Toren der Pilgerstadt an. Reinfahren in die Altstadt durfte er mit dem Traktor nicht. Die letzten Kilometer zur Kathedrale legte er zu Fuß zurück.

Doch das Ankommen war gar nicht so wichtig. Die Reise war es. „Dadurch habe ich wieder mehr Vertrauen zu den Menschen bekommen. Und in mich“, bilanziert er. Dass man seine Träume anpacken muss im Leben: Auch das hat er gelernt. Er selbst hat mindestens noch zwei. Und er wird sie anpacken. Ganz bestimmt.

Franziska Seliger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wir gründen einen Kindergarten
Ein neuer Kindergarten für den Isarwinkel: Diese Idee haben sich jetzt zwei Mütter auf die Fahnen geschrieben.
Wir gründen einen Kindergarten
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Mittwochabend
Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Mittwochabend
Ekelhafter Fund auf Festplatte - Ehefrau verlässt Angeklagten
Selbst die Staatsanwältin zeigte ihre Abscheu: Eine böse Entdeckung gab es auf der externen Festplatte eines Unternehmers aus dem Isarwinkel. 
Ekelhafter Fund auf Festplatte - Ehefrau verlässt Angeklagten

Kommentare