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Stolze Christen: Ahmed (34) und sein Cousin Nategh (40) sind wegen ihres Glaubens aus dem Irak geflohen.

Taufe von zwei Asylbewerbern 

Für den Glauben geflüchtet

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Reichersbeuern/Bad Tölz – Eine ganz besondere Taufe fand vor Kurzem in der Tölzer Johanneskirche statt: Dekan Martin Steinbach nahm zwei irakische Asylbewerber in die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde von Bad Tölz auf. In ihrer Heimat müssten die ehemaligen Moslems Ahmed und Nategh für diese Entscheidung um ihr Leben fürchten.

Zum Gottesdienst gehen zu können ohne Angst haben zu müssen, erschossen zu werden – für Ahmed und Nategh eine ganz neue Erfahrung. Denn in ihrem Heimatland Irak besitzt jeder eine Waffe, wie Ahmed auf Englisch erzählt. Und kaum einer scheue sich davor, auch Gebrauch davon zu machen. Vor allem, wenn ein Moslem dem Islam den Rücken kehren will. „Das ist sehr gefährlich“, sagt der 34-Jährige. Und der Tölzer Dekan Martin Steinbach bestätigt: „Wer konvertiert, gilt als vogelfrei.“

Aus diesem Grund sind Ahmed und sein sechs Jahre älterer Cousin nach Deutschland geflohen. Seit Anfang des Jahres sind sie in der Bundesrepublik. Zuerst waren sie in Nürnberg, jetzt wohnen sie in Reichersbeuern. Ganz vorbei ist das Versteckspiel um ihren Glauben aber noch nicht: Vor den anderen Flüchtlingen, die mit ihnen am Kranzer leben, geben die beiden noch nicht offen zu, dass sie sich vor Kurzem in der Tölzer Johanneskirche haben taufen lassen. Auch ihre Nachnamen wollen die beiden ehemaligen Schiiten aus Angst vor Anfeindungen lieber nicht in der Zeitung abgedruckt wissen.

Der große Moment: Nategh wird von Dekan Martin Steinbach in der Tölzer Johanneskirche getauft.

Obwohl sie noch nicht öffentlich dazu stehen, hat die Taufe ihr Leben tief greifend verändert, wie Ahmed sagt. Früher habe er sich nur um sich selbst gekümmert. „Jetzt will ich anderen helfen“, betont der Iraker, der südlich von Bagdad in einer Möbelfabrik gearbeitet hat. Und er will sich künftig in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Bad Tölz nützlich machen, um sich „Father Martin“ erkenntlich zu zeigen. Denn obwohl Dekan Steinbach einen sehr vollen Terminkalender hat, erklärte sich der Geistliche bereit, den beiden Männern einmal pro Woche Religionsunterricht zu geben, als ihn die beiden Asylbewerber an Ostern darum baten. Keine leichte Aufgabe, da nur Ahmed über Grundkenntnisse in Englisch verfügt, sein Cousin Nategh spricht nur Arabisch. Mithilfe von entsprechenden Übersetzungen habe es aber ganz gut funktioniert.

Zwischen acht und zehn Mal haben sich die drei getroffen, ehe Steinbach zustimmte, die beiden Moslems zu taufen. Eine offizielle Empfehlung vonseiten der Kirche, wie viele Stunden es sein sollten, gibt es nicht. Eine entsprechende Handreichung ist laut Steinbach aber in Arbeit, da es inzwischen immer häufiger vorkommt, dass Flüchtlinge sich in Deutschland taufen lassen wollen. Erst in der Osternacht hatte Steinbach einen Afghanen getauft. „Im Moment gibt es aber keine weiteren Anwärter.“

Die Anzahl der Unterrichtsstunden im Vorfeld einer Taufe ist für Dekan Steinbach übrigens nicht entscheidend. „Ich muss mich einfach davon überzeugen können, dass sie es ernst meinen“, betont der Geistliche mit Blick auf böse Zungen, die behaupten könnten, die beiden Schiiten seien nur konvertiert, um ihre Chancen auf ein Bleiberecht zu erhöhen. „Ich habe aber überhaupt nicht den Eindruck, dass es Ahmed und Nategh um die Vermeidung einer Rückführung geht“, betont Dekan Steinbach.

Mit dem Christentum in Kontakt kamen die beiden ehemaligen Moslems über den Bruder von Nategh, der bereits vor neun Jahren aus dem Irak nach Schweden geflohen war, um dort seine Religion ungehindert ausüben zu können. „Je mehr ich über das Christentum erfahren habe, desto mehr mochte ich es“, sagt Ahmed. Insofern war es für ihn ein ganz besonderer Moment, als er in einem weißen Hemd vor dem Taufbecken stand und ihm Steinbach das Wasser über den Kopf gegossen hat. „Ich kann das gar nicht beschreiben.“

Im Anschluss an die Taufe organisierte die Gemeinde noch ein Kirchencafé, um die beiden neuen Mitglieder willkommen zu heißen. „Alle sind sehr nett zu uns“, sagt Ahmed. Dennoch war es gerade am Anfang eine Überwindung für den 34-Jährigen, einen Gottesdienst zu besuchen. „Jeder sieht, dass ich kein Deutscher bin“, erläutert Ahmed. „Ich hatte Angst, dass die Leute fragen: Was will der hier?‘“

Gefragt hat bislang noch niemand, dafür ist der 34-Jährige sehr dankbar. Mindestens genauso dankbar ist er, keine Angst mehr haben zu müssen, weil er konvertiert ist. „Ich weiß nicht, ob ich noch leben würde, wenn ich im Irak geblieben wäre.“

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